
Angela Merkel hat sich nach dem deutlichen Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt ungewöhnlich ausführlich zur Strategie der demokratischen Parteien im Umgang mit der AfD geäußert. Die frühere Bundeskanzlerin und langjährige CDU-Vorsitzende kritisierte dabei vor allem das Schlagwort der Brandmauer und eine aus ihrer Sicht zu starke Fixierung auf die AfD. Von der grundsätzlichen Ablehnung einer Zusammenarbeit mit der Partei rückte Merkel jedoch nicht ab.
Die Äußerungen fielen am Dienstag, 8. September 2026, bei der Digitalveranstaltung Digital X der Deutschen Telekom im Kölner Rheinauhafen. Merkel war dort als Rednerin eingeladen. Neben Fragen zu Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz und Europas technologischer Zukunft wurde sie auch auf das Ergebnis der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt vom Sonntag angesprochen.
Die AfD hatte dort mit 43,8 Prozent der Stimmen mit großem Abstand den ersten Platz erreicht. Die CDU kam auf 17,2 Prozent und verlor damit erheblich gegenüber der vorherigen Landtagswahl. Im neuen Landtag verfügt die AfD über 39 der 83 Mandate und verfehlte damit die absolute Mehrheit.
Merkel bezeichnete das Ergebnis als einfach schockierend. Als CDU-Mitglied blute ihr angesichts der Niederlage ihrer Partei das Herz. Sie sprach von einem deutlichen Einschnitt in der Geschichte der Bundesrepublik.
Besondere Aufmerksamkeit erhielten Merkels Aussagen zum Umgang der CDU und anderer Parteien mit der AfD. Angela Merkel zur Brandmauer sagte, sie habe dieses Schlagwort nicht erfunden und möge es auch nicht besonders. Entscheidend sei nicht, ständig über eine Abgrenzungslinie zu sprechen, sondern den Bürgern zu erklären, welche politischen Ziele eine Partei selbst verfolge.
Damit kritisierte Merkel vor allem die kommunikative Strategie hinter dem Begriff. Demokratische Parteien müssten nach ihrer Auffassung deutlicher machen, welche Lösungen sie etwa bei Rente, Wirtschaft oder anderen zentralen politischen Fragen anbieten. Aus diesen Positionen müsse sich dann auch ergeben, warum eine Zusammenarbeit mit der AfD nicht möglich sei.
Eine Öffnung der CDU für eine Koalition oder andere Form der politischen Zusammenarbeit mit der AfD forderte Merkel damit ausdrücklich nicht. Ihre Aussagen zielten vielmehr darauf, die Auseinandersetzung stärker auf die eigenen Inhalte der demokratischen Parteien zu konzentrieren.
Merkel sprach zudem davon, dass sich die Parteien von einer zu starken Fixierung auf die AfD lösen müssten. Kandidaten demokratischer Parteien müssten stärker den direkten Kontakt mit Bürgern suchen und auch dort präsent sein, wo politische Kommunikation zunehmend stattfindet. Sie verwies dabei unter anderem auf soziale Netzwerke wie TikTok.
Die frühere Kanzlerin verband ihre Analyse des AfD-Erfolgs mit einer grundsätzlichen Warnung vor Veränderungen in der politischen Debatte. Sie zeigte sich besorgt darüber, wenn persönliche Gefühle und Wahrnehmungen gegenüber überprüfbaren Tatsachen immer stärker an Gewicht gewännen.
Für Merkel berührt diese Entwicklung eine grundlegende Frage demokratischer Öffentlichkeit. Politische Parteien müssten Menschen emotional erreichen können, dürften dabei jedoch den Anspruch auf faktenbasierte Argumentation nicht aufgeben.
Die AfD ist in Sachsen-Anhalt seit Jahren besonders stark. Der Landesverband wird vom Landesverfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft. Nach dem Wahlergebnis vom 6. September hat sich die bundesweite Diskussion darüber verschärft, wie CDU und CSU mit einer Partei umgehen sollen, die in einem Bundesland inzwischen mehr als vier von zehn Stimmen auf sich vereint.
Merkel steht mit ihrer Kritik an der Wortwahl innerhalb der CDU nicht allein. Hessens Ministerpräsident Boris Rhein hatte sich bereits nach der Wahl gegen das Sprachbild der Brandmauer ausgesprochen. Er bezeichnete den Begriff als nicht passend für die Christdemokratie.
Rhein plädierte dafür, stärker auf Bürger zuzugehen, die sich von den etablierten Parteien entfernt haben. Die CDU müsse Brücken in die politische Mitte bauen und mit Menschen sprechen, anstatt Wähler pauschal auszugrenzen.
Auch Rhein verband diese Position jedoch nicht mit einem Plädoyer für eine Koalition mit der AfD. Seine Kritik richtet sich gegen das politische Bild einer Mauer und die Wirkung, die diese Abgrenzungsstrategie auf Wähler haben könne.
Damit zeichnet sich innerhalb der Union eine Unterscheidung ab, die nach dem Wahlergebnis von Sachsen-Anhalt an Bedeutung gewinnt: Mehrere führende Christdemokraten stellen den Begriff der Brandmauer oder die bisherige Kommunikation darüber infrage, ohne deshalb die Ablehnung einer Zusammenarbeit mit der AfD aufzugeben.
Bundeskanzler und CDU-Vorsitzender Friedrich Merz verfolgt nach der schweren Niederlage seiner Partei weiterhin einen klaren Abgrenzungskurs gegenüber der AfD. Er hat eine Zusammenarbeit mit der Partei erneut ausgeschlossen.
Merz bezeichnete das Wahlergebnis für die CDU als ihre schwerste Niederlage seit Jahrzehnten und erklärte, das Resultat müsse Konsequenzen haben. Zugleich hielt er an zentralen politischen Reformvorhaben seiner Bundesregierung fest.
Damit bleibt ein wesentlicher Unterschied zur öffentlichen Debatte über den Begriff Brandmauer bestehen. Die Frage, ob die CDU diesen Ausdruck weiterhin verwenden sollte, ist nicht identisch mit der Frage, ob sie mit der AfD kooperiert. Gerade diese Trennung wird nach der Wahl innerhalb der Union immer deutlicher.
Eine direkte Reaktion von Merz auf Merkels Aussagen bei der Digital X war zunächst nicht bekannt.
Auch andere Spitzenpolitiker der Union suchen nach Konsequenzen aus dem Wahlergebnis. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst forderte eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe, die den verfassungsrechtlichen Umgang mit der AfD prüfen soll. Eine solche Prüfung solle nach seiner Vorstellung ergebnisoffen erfolgen und nicht automatisch in ein Parteiverbotsverfahren führen.
Bayerns Ministerpräsident und CSU-Chef Markus Söder äußerte dagegen erhebliche Zweifel an einem Verbotsverfahren. Nach dem Wahlerfolg in Sachsen-Anhalt müsse sich die Politik vor allem inhaltlich stärker mit der AfD auseinandersetzen. Auch Söder lehnt eine Zusammenarbeit der Union mit der AfD ab.
Die Positionen von Merkel, Rhein, Merz, Wüst und Söder zeigen damit keine einheitliche neue Strategie, wohl aber eine intensivierte Debatte über deren Ausgestaltung. Während Merz an der klaren organisatorischen Abgrenzung festhält, stellen Merkel und Rhein stärker die Sprache und politische Kommunikation infrage. Wüst rückt die verfassungsrechtliche Dimension in den Vordergrund, Söder setzt auf den politischen Wettbewerb.
Der Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt verschärft eine Diskussion, die CDU und CSU bereits seit Jahren begleitet. Neu ist vor allem die Größenordnung des Ergebnisses. Mit 43,8 Prozent ist die AfD dort nicht mehr lediglich eine starke Oppositionspartei, sondern die mit Abstand größte Kraft im Landtag.
Das hat auch über Sachsen-Anhalt hinaus Bedeutung. Am 20. September stehen Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus an. Gleichzeitig steht die Bundesregierung unter Druck, wirtschaftliche und sozialpolitische Reformen durchzusetzen.
Merkels Auftritt in Köln liefert deshalb weniger eine neue Koalitionsstrategie als einen Beitrag zur Grundsatzdebatte der Union. Die Altkanzlerin stellt die politische Wirksamkeit des Brandmauer-Schlagworts infrage, ohne die Grenze zur Zusammenarbeit mit der AfD aufzuheben. Ihr Ansatz lautet stattdessen, den Wettbewerb stärker über eigene politische Ziele, nachvollziehbare Lösungen und den direkten Kontakt mit den Wählern zu führen.
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