
Bürokratie und Regulierung werden von deutschen Unternehmen derzeit häufiger als Standortproblem genannt als hohe Energiepreise oder Arbeitskosten. Das zeigt eine am Montag, 21. September 2026, veröffentlichte Sonderauswertung des Ifo-Instituts. Demnach nennen 50 Prozent der befragten Unternehmen bürokratische Belastungen und Regulierung als ein wesentliches Problem für den Wirtschaftsstandort Deutschland.
Mit deutlichem Abstand folgen die Energiekosten. Sie werden von 27 Prozent der Unternehmen genannt. Arbeitskosten kommen auf 22 Prozent. Weitere häufig genannte Belastungen sind der Fachkräftemangel mit 17 Prozent sowie politische Rahmenbedingungen mit 16 Prozent. Steuern und Abgaben sowie fehlende Planungssicherheit erreichen jeweils 13 Prozent.
Grundlage der Auswertung ist eine Sonderfrage innerhalb der Ifo-Konjunkturumfrage vom Juli 2026. Insgesamt wurden 4.449 Antworten von Unternehmen aus Industrie, Baugewerbe, Handel und Dienstleistungen ausgewertet. Die Firmen konnten ihre Antworten frei formulieren. Zudem waren mehrere Nennungen möglich. Die Prozentwerte lassen sich deshalb nicht zu 100 Prozent addieren.
Besonders deutlich unterscheiden sich die Ergebnisse nach Unternehmensgröße. Bei Solo-Selbstständigen nennen 33 Prozent Bürokratie und Regulierung als Standortproblem. Bei Kleinstunternehmen mit weniger als zehn Beschäftigten steigt der Anteil auf 41 Prozent. Von den kleinen Unternehmen nennt die Hälfte den bürokratischen Aufwand.
Noch höher sind die Werte bei mittleren und großen Firmen. Bei den mittleren Unternehmen liegt der Anteil bei 58 Prozent, bei den großen Unternehmen bei 59 Prozent. Damit nimmt die wahrgenommene Bedeutung bürokratischer Belastungen mit der Unternehmensgröße deutlich zu.
Das Ifo-Institut führt dies unter anderem darauf zurück, dass Unternehmen mit Beschäftigten, Anlagen oder Auslandsgeschäft gleichzeitig mit unterschiedlichen Regelungsbereichen konfrontiert sind. Dazu können etwa arbeitsrechtliche Vorgaben, Berichts- und Dokumentationspflichten sowie Datenschutzanforderungen gehören. Solo-Selbstständige und sehr kleine Unternehmen fallen dagegen aus einem Teil solcher Vorgaben heraus.
Die Rangfolge der Probleme unterscheidet sich zugleich erheblich zwischen den Branchen. In der Industrie nennen 39 Prozent der Unternehmen die Energiekosten als Standortproblem. Bei den Dienstleistungsunternehmen liegt dieser Anteil lediglich bei 17 Prozent. Für energieintensive Produktionsbetriebe spielen Strom, Gas und andere Energieträger damit weiterhin eine wesentlich größere Rolle als für viele Dienstleister.
Im Baugewerbe fällt ein anderer Schwerpunkt auf. Dort nennen 29 Prozent der Unternehmen fehlende Fachkräfte als Belastung. 13 Prozent verweisen ausdrücklich auf langwierige Genehmigungsverfahren. Im Handel steht dagegen die wirtschaftliche und konjunkturelle Lage stärker im Vordergrund. 25 Prozent der Handelsunternehmen nennen die allgemeine Wirtschafts- und Auftragslage beziehungsweise die schwache Nachfrage als Problem.
Auch Solo-Selbstständige setzen andere Schwerpunkte als Unternehmen mit mehreren Beschäftigten. Bei ihnen nennen 21 Prozent Unsicherheit und fehlende Planbarkeit. Steuern und Abgaben kommen auf 17 Prozent. Arbeitskosten und Fachkräftemangel haben für diese Gruppe naturgemäß eine geringere Bedeutung.
Nach Einschätzung des Ifo-Instituts beschränkt sich die Wirkung von Bürokratie nicht auf den Personalaufwand für Formulare, Nachweise und Dokumentation. Das Institut sieht auch mögliche Auswirkungen auf Investitionsentscheidungen. Werden Genehmigungs- und Dokumentationsanforderungen bei der Kalkulation eines Projekts berücksichtigt, können geplante Investitionen aus Sicht eines Unternehmens wirtschaftlich unattraktiver werden.
Wie hoch solche indirekten Effekte tatsächlich sind, lässt sich aus der neuen Umfrage allerdings nicht beziffern. Sie erfasst, welche Standortprobleme Unternehmen selbst nennen, und ist keine volkswirtschaftliche Berechnung der Kosten einzelner Hemmnisse.
Dass Bürokratie schon länger als wirtschaftliche Belastung wahrgenommen wird, zeigen frühere Untersuchungen des Instituts. In einer 2024 veröffentlichten Ifo-Befragung von Führungskräften gaben die Teilnehmer im Durchschnitt an, dass Beschäftigte einen erheblichen Teil ihrer Arbeitszeit für bürokratische Tätigkeiten aufwendeten. Die damalige Untersuchung beruhte jedoch auf einem anderen Befragungsansatz und ist deshalb nicht unmittelbar mit den jetzt veröffentlichten Prozentwerten vergleichbar.
Die Diskussion reicht über Deutschland hinaus. Eine Anfang 2026 veröffentlichte Ifo-Untersuchung unter knapp 2.000 Familienunternehmen in Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien zeigte, dass Bürokratieabbau sowie schnellere und einfachere Genehmigungsverfahren zu den am häufigsten gewünschten Reformen für eine höhere Wettbewerbsfähigkeit in Europa gehörten. Rund zwei Drittel der befragten Familienunternehmen nannten diesen Bereich.
In Deutschland wurden die Kosten von Bürokratie in dieser europäischen Befragung häufiger als Wettbewerbsrisiko genannt als in den anderen untersuchten Ländern. Gleichzeitig spielten auch Energiepreise, Fachkräftemangel, IT-Sicherheit und geopolitische Risiken eine wichtige Rolle. Die neue Ifo-Auswertung vom September zeichnet damit kein Bild eines einzelnen Standortproblems, sondern zeigt eine breite Palette von Belastungen. Bei der Häufigkeit der Nennungen steht Bürokratie und Regulierung derzeit jedoch mit deutlichem Abstand an erster Stelle.






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