Neue Kämpfe in Äthiopien: Tigray-Konflikt weitet sich aus

Das Bild zeigt eine Lupe, die etwas sucht und symbolisiert eine Internetsuche
Symbolbild mit KI erstellt

Teilen:

In Äthiopien droht der Friedensprozess nach dem verheerenden Tigray-Krieg weiter zu zerbrechen. Seit Dienstag haben sich die Kämpfe zwischen föderalen Streitkräften und Kräften aus der nördlichen Region Tigray deutlich ausgeweitet. Gefechte wurden nicht nur aus Tigray, sondern auch aus den angrenzenden Regionen Afar und Amhara gemeldet. Tigray-Kräfte brachten zudem drei Flughäfen unter ihre Kontrolle.

Anzeige

Die Eskalation folgt nur wenige Tage auf die Gründung einer neuen Allianz bewaffneter Gruppen, der auch die Volksbefreiungsfront von Tigray, kurz TPLF, angehört. Das Bündnis hat erklärt, die Regierung von Premierminister Abiy Ahmed ablösen und eine Übergangsregierung einsetzen zu wollen. Damit verschärft sich der politische Konflikt parallel zu den neuen Kämpfen erheblich.

Kämpfe erreichen Tigray, Afar und Amhara

Am Mittwoch intensivierten sich die Gefechte an mehreren Fronten. Tigray-Kräfte übernahmen nach übereinstimmenden Angaben die Flughäfen von Mekelle, Axum und Shire. Ethiopian Airlines setzte daraufhin Flüge zu den drei Zielen aus. Auch aus Gebieten entlang der Grenzen zwischen Tigray, Afar und Amhara wurden bewaffnete Auseinandersetzungen gemeldet.

Am Donnerstag hielten die Kämpfe nach Angaben des Konfliktbeobachters ACLED unter anderem entlang der Grenze zwischen Tigray und Afar sowie in mehreren Gebieten der Region Amhara an. Dazu gehörten Teile der Zonen Wag Hemra und North Wello. ACLED berichtete außerdem über Hinweise auf eine weitere Front im Westen Tigrays. Einzelne Angaben zu Geländegewinnen und Truppenbewegungen ließen sich jedoch zunächst nicht unabhängig bestätigen.

Anzeige

Auch der zivile Verkehr ist betroffen. Reuters berichtete am Donnerstag, dass Flüge in die historische Stadt Lalibela wegen der Kämpfe in der Umgebung ausgesetzt worden seien. In Tigray deckten sich Bewohner demnach mit Lebensmitteln, Bargeld und anderen Vorräten ein.

Beide Seiten geben sich gegenseitig die Schuld

Wer die jüngste großangelegte Eskalation ausgelöst hat, ist umstritten. Vertreter der Bundesregierung werfen den Tigray-Kräften vor, Stellungen der äthiopischen Armee in Afar und Amhara angegriffen zu haben. Die von der TPLF kontrollierte Führung in Tigray erklärt dagegen, Bundeskräfte hätten eine Offensive begonnen und unter anderem Drohnen, Luftfahrzeuge, Artillerie und mechanisierte Einheiten eingesetzt.

Eine unabhängige Bestätigung für die jeweilige Darstellung zum Beginn der Kämpfe lag zunächst nicht vor. Human Rights Watch bestätigte jedoch, dass seit dem 22. September erneut bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen dem äthiopischen Militär und mit der TPLF verbundenen Kräften in Tigray, Amhara und Afar stattfinden.

TPLF schließt sich neuer Allianz gegen Abiy an

Zusätzliche Brisanz erhält der Konflikt durch eine wenige Tage zuvor verkündete Allianz von sieben bewaffneten Gruppen. Zu ihr gehören neben der TPLF unter anderem die Oromo Liberation Army sowie eine Organisation der Amhara-Fano-Bewegung. Einige der beteiligten Gruppen hatten während des Tigray-Krieges noch auf gegnerischen Seiten gekämpft.

Das Bündnis erklärte, die Regierung von Abiy Ahmed ablösen und eine Übergangsverwaltung schaffen zu wollen. In welchem Umfang die beteiligten Organisationen ihre militärischen Operationen tatsächlich koordinieren, blieb zunächst offen. Auch territoriale und politische Konflikte zwischen einzelnen Mitgliedern der Allianz bestehen weiter.

Die TPLF trägt das erklärte Ziel des neuen Bündnisses mit, die Regierung von Premierminister Abiy Ahmed abzulösen und eine Übergangsregierung einzusetzen. Die Partei hatte Äthiopien bereits über Jahrzehnte maßgeblich geprägt und war innerhalb der Parteienkoalition EPRDF bis zum politischen Umbruch 2018 die dominierende Kraft.

TPLF übernahm bereits wieder die Kontrolle in Tigray

In der eigenen Region hatte die TPLF ihre politische Stellung schon Monate vor der jetzigen Eskalation ausgebaut. Im Mai setzte sie den Regionalrat aus der Zeit vor dem Krieg wieder ein und ernannte Parteichef Debretsion Gebremichael zum Regionalpräsidenten. Damit stellte sie eine zentrale Regelung des Friedensprozesses infrage, nach der Tigray zunächst von einer Übergangsverwaltung geführt werden sollte.

Die Bundesregierung erkannte diesen Schritt nicht als regulären Machtwechsel an. Zeitweise bestanden dadurch konkurrierende politische Führungsstrukturen in Tigray. Die Vereinigten Staaten verhängten im Juni gezielte Visa-Beschränkungen gegen Personen, denen Washington eine Untergrabung des Friedensprozesses vorwarf.

Die Kämpfe in Tigray haben sich inzwischen auf mehrere Regionen ausgeweitet und fallen mit einer tiefen politischen Krise zwischen der Führung in Tigray und der Zentralregierung zusammen. Zugleich sind wichtige Verkehrsverbindungen betroffen, während die Spannungen zwischen den beteiligten politischen und militärischen Kräften weiter zunehmen.

Friedensabkommen von Pretoria steht unter massivem Druck

Der Krieg zwischen der äthiopischen Bundesregierung und den Tigray-Kräften hatte im November 2020 begonnen. Er endete offiziell mit dem von der Afrikanischen Union vermittelten Abkommen von Pretoria vom 2. November 2022. Vereinbart wurden unter anderem eine dauerhafte Einstellung der Feindseligkeiten sowie Schritte zur Entwaffnung und Demobilisierung.

Der Konflikt gehörte zu den verlustreichsten Kriegen der vergangenen Jahre. Nach Schätzungen, die sich auf Angaben der Afrikanischen Union stützen, starben mehr als 600.000 Menschen infolge von Kampfhandlungen und den Folgen des Krieges.

Das Abkommen stand bereits seit Monaten unter erheblichem Druck. Innerhalb der TPLF kam es zu Machtkämpfen, gleichzeitig nahmen Spannungen zwischen der Regionalführung und Addis Abeba wieder zu. Seit August wurden erneut kleinere Gefechte und Luftangriffe gemeldet. Die nun deutlich umfangreicheren Kämpfe stellen die Vereinbarungen von Pretoria vor ihre schwerste Belastungsprobe seit 2022.

Konflikt trifft ein politisch angespanntes Äthiopien

Die erneute Gewalt fällt in eine ohnehin instabile Lage. Auch in Oromia und Amhara gibt es seit Jahren bewaffnete Konflikte. Gleichzeitig verschlechterten sich zuletzt die Beziehungen zwischen Äthiopien und dem Nachbarstaat Eritrea. Eritreische Truppen hatten während des früheren Tigray-Krieges auf Seiten der äthiopischen Bundesregierung gekämpft.

Innenpolitisch verfügt Abiy Ahmed weiterhin über eine große parlamentarische Mehrheit. Seine Prosperity Party gewann bei der Parlamentswahl im Juni 2026 nach Angaben der nationalen Wahlbehörde 438 von 486 vergebenen Sitzen. In Teilen von Tigray, Amhara und Oromia konnte allerdings nicht regulär gewählt werden.

Die neue Allianz bewaffneter Gruppen und die Ausweitung der Kämpfe verändern die Sicherheitslage dennoch grundlegend. Bestätigt sind inzwischen militärische Auseinandersetzungen über die Grenzen Tigrays hinaus sowie die Besetzung wichtiger Verkehrsinfrastruktur. Wie weit die gemeinsamen politischen und militärischen Ziele der beteiligten Gruppen reichen und wie geschlossen die Allianz tatsächlich handelt, blieb zunächst offen.

Teilen:

Münster Map
Zum Aktivieren tippen
Route anzeigen

Mehr Beiträge:

Texte werden mit Unterstützung von KI-Tools erstellt und vor Veröffentlichung redaktionell geprüft. Mehr dazu