
Bundeskanzler Friedrich Merz ist am Sonntagmorgen überraschend zu einem Besuch in der ukrainischen Hauptstadt Kiew eingetroffen. Der CDU-Politiker reiste mit einem Sonderzug an und wird von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche sowie einer Delegation deutscher Unternehmen begleitet. Im Mittelpunkt stehen weitere militärische Unterstützung, Hilfen für die beschädigte Energieinfrastruktur und eine engere Zusammenarbeit bei der Entwicklung und Produktion von Drohnen und anderen Waffensystemen.
Deutschland will im Zusammenhang mit dem Besuch eine Milliarde Euro an bereits im Bundeshaushalt eingeplanter Militärhilfe freigeben. Hinzu kommen 350 Millionen Euro für den ukrainischen Energiesektor. Damit sollen unter anderem Schäden an Anlagen behoben werden, die durch russische Angriffe entstanden sind. Eine zusätzliche Milliarde über den bestehenden Finanzrahmen hinaus wurde damit zunächst nicht angekündigt.
Merz begründete seine Reise nach der Ankunft mit der schwierigen Lage der Ukraine vor dem kommenden Winter. Er kündigte an, Präsident Wolodymyr Selenskyj die weitere deutsche Unterstützung zuzusichern. Russland greift ukrainische Städte und Energieanlagen weiterhin regelmäßig mit Raketen und Drohnen an.
Ein Schwerpunkt der deutschen Militärhilfe liegt auf der Luftverteidigung. Vorgesehen sind insbesondere zusätzliche Systeme zur Abwehr schneller Angriffsdrohnen. Auch die Unterstützung bei Waffen mit größerer Reichweite soll ausgebaut werden. Einzelheiten zu sämtlichen Systemen und Liefermengen waren am frühen Sonntagmorgen noch nicht öffentlich bestätigt.
Die Drohnenkooperation zwischen Deutschland und der Ukraine beginnt allerdings nicht erst mit dem Besuch von Merz in Kiew. Bereits im April hatten deutsche und ukrainische Unternehmen mehrere Vereinbarungen über gemeinsame Projekte geschlossen. Dazu gehörte eine Kooperation zwischen dem deutschen Unternehmen Quantum Systems und dem ukrainischen Hersteller WIY zur Produktion des Abfangsystems Strila. Das ukrainische Präsidialamt hatte damals außerdem mehrere weitere deutsch-ukrainische Projekte zur Herstellung von Drohnen und Flugabwehrtechnik vorgestellt.
Im September erklärte Selenskyj nach einem Telefonat mit Merz, beide Seiten arbeiteten an der endgültigen Fassung eines umfassenderen Abkommens. Es soll nach damaligen Angaben die gemeinsame Entwicklung verschiedener Drohnen, Raketen und der dazugehörigen Software umfassen. Deutschland finanziert zudem bereits die Beschaffung von Strila-Abfangdrohnen für die Ukraine.
Bei dem Treffen in Kiew soll diese Kooperation weiter konkretisiert werden. Ein endgültiger Abschluss des umfassenden Drohnenabkommens war bei der Ankunft des Kanzlers zunächst noch nicht offiziell bekanntgegeben worden. Der sogenannte Drohnen-Deal ist damit kein völlig neues Projekt, sondern die nächste Stufe einer Zusammenarbeit, die Berlin und Kiew seit Monaten vorbereiten.
Die Zusammensetzung der Delegation unterstreicht die Verbindung zwischen militärischer Unterstützung, Energieversorgung und industrieller Zusammenarbeit. Neben Wirtschaftsministerin Katherina Reiche sind Führungskräfte deutscher Unternehmen nach Kiew gereist. Reuters nennt unter anderem Siemens Energy, den Rüstungselektronikhersteller Hensoldt, Diehl Defence und Quantum Systems. Auch andere deutsche Unternehmen aus der Verteidigungsbranche sind vertreten.
Die Reise soll damit nicht nur kurzfristige Lieferungen vorbereiten. Deutschland und die Ukraine bauen seit Monaten gemeinsame Produktionskapazitäten auf. Bei deutsch-ukrainischen Regierungskonsultationen im April waren mehrere Rüstungsvereinbarungen unterzeichnet worden. Die Bundesregierung hatte damals zudem angekündigt, mehrere hundert Millionen Euro in Fähigkeiten für Angriffe auf weiter entfernte militärische Ziele zu investieren.
Für Berlin hat die Zusammenarbeit einen zusätzlichen strategischen Aspekt. Erfahrungen der ukrainischen Rüstungsindustrie mit Drohnen und deren Abwehr sollen auch europäischen Herstellern zugutekommen. Der Krieg hat die Entwicklung unbemannter Systeme erheblich beschleunigt. Beide Seiten versuchen deshalb, Entwicklungszeiten zu verkürzen und Produktionsmengen deutlich zu erhöhen.
Neben der militärischen Unterstützung spielt die ukrainische Energieversorgung eine zentrale Rolle. Deutschland stellt dafür weitere 350 Millionen Euro bereit. Mit dem Geld sollen insbesondere Reparaturen und Ersatzteile für beschädigte Anlagen finanziert werden.
Die Hilfe kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Ukraine sich auf einen weiteren Kriegswinter vorbereitet. Russische Angriffe treffen regelmäßig Kraftwerke, Netze und andere Teile der Energieinfrastruktur. Merz hatte bereits wenige Tage vor seiner Reise erklärt, dass Deutschland die Unterstützung der Ukraine fortsetzen werde. Die Bundesregierung bezeichnet einen souveränen ukrainischen Staat zugleich als wesentlich für die Sicherheit Deutschlands und Europas.
Seit Beginn der russischen Großinvasion im Februar 2022 hat Deutschland umfangreiche zivile und militärische Unterstützung geleistet. Nach Angaben der Bundesregierung waren bis Ende 2025 rund 55 Milliarden Euro an militärischer Hilfe geleistet oder für kommende Jahre bereitgestellt worden. Hinzu kamen rund 39 Milliarden Euro zivile bilaterale Unterstützung.
Der Besuch findet unter verschärften Sicherheitsbedingungen statt. Das russische Außenministerium hatte am Samstag ausländische Staatsangehörige und diplomatisches Personal vor Aufenthalten in der Ukraine gewarnt. Moskau kündigte weitere Angriffe auf Ziele in ukrainischen Städten an und bezeichnete sie als Reaktion auf ukrainische Angriffe auf russisches Gebiet.
Merz hielt dennoch an der unangekündigten Reise fest. Es ist nicht sein erster Besuch in Kiew als Bundeskanzler. Bereits im Mai 2025 war er gemeinsam mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, dem britischen Premierminister Keir Starmer und Polens Ministerpräsident Donald Tusk in die ukrainische Hauptstadt gereist.
Bei seinem jetzigen Besuch stehen deutlich konkretere Industrieprojekte im Mittelpunkt. Neben der sofort verfügbaren Militärhilfe und den Mitteln für die Energieversorgung soll vor allem die gemeinsame Produktion von Verteidigungstechnik vorangetrieben werden. Ob das umfassende deutsch-ukrainische Drohnenabkommen noch im Laufe des Sonntags endgültig unterzeichnet wird und welche Unternehmen daran beteiligt sein werden, war am Morgen zunächst offen.
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