
Der KI-Entwickler Anthropic soll im dritten Quartal 2026 einen Umsatz von 16,8 Milliarden US-Dollar erzielt haben. Das wäre ein Anstieg um rund 45 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Gleichzeitig hat sich das Wachstumstempo deutlich verlangsamt. Vor dem geplanten Börsengang rücken deshalb die Bewertung des Unternehmens, seine tatsächliche Profitabilität und die hohen Kosten für künstliche Intelligenz stärker in den Mittelpunkt.
Bei einer Investorenveranstaltung am Mittwoch, 14. Oktober 2026, in San Francisco stellte Anthropic nach Angaben mehrerer Teilnehmer neue Geschäftszahlen vor. Demnach erwirtschaftete das Unternehmen im dritten Quartal 16,8 Milliarden US-Dollar Umsatz. Im zweiten Quartal waren es 11,6 Milliarden Dollar, in den ersten drei Monaten des Jahres 4,7 Milliarden Dollar.
Die Zahlen wurden unter anderem von Reuters und Bloomberg unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Personen veröffentlicht. Eine unabhängig geprüfte Quartalsbilanz mit diesen Angaben lag zunächst nicht vor.
Die Entwicklung verdeutlicht das enorme Wachstum des Unternehmens, das mit seinen Claude-Modellen und der Programmierhilfe Claude Code zu den bedeutenden Anbietern generativer künstlicher Intelligenz gehört. Allerdings fällt der Vergleich zwischen den vergangenen Quartalen unterschiedlich aus.
Während sich der Umsatz vom ersten zum zweiten Quartal um mehr als 140 Prozent erhöhte, lag die Steigerung im dritten Quartal bei rund 45 Prozent. Das Geschäft wächst somit weiterhin kräftig, allerdings mit einem deutlich geringeren prozentualen Tempo.
Gerade vor einem Börsengang ist diese Entwicklung von Bedeutung. Hohe Bewertungen schnell wachsender Technologieunternehmen beruhen häufig auf der Erwartung, dass sich das Geschäft über mehrere Jahre erheblich ausweiten lässt.
Neben den Umsatzzahlen soll Anthropic den Investoren eine Verbesserung seiner Profitabilität vorgestellt haben. Nach Informationen von Bloomberg erzielte das Unternehmen im dritten Quartal auf bereinigter Basis ein positives Ergebnis. Auch der freie Cashflow soll positiv gewesen sein.
Zudem wurden eine bereinigte Bruttomarge von 85 Prozent und eine bereinigte operative Marge von mehr als elf Prozent genannt. Letztere bezog sich nach Informationen von The Information auf den bisherigen Jahresverlauf bis Ende September.
Diese Kennzahlen sind allerdings nicht mit einem regulär ausgewiesenen Nettogewinn gleichzusetzen. Bei bereinigten Ergebnissen können bestimmte Aufwendungen unberücksichtigt bleiben, beispielsweise aktienbasierte Vergütungen. Welche Kosten in den präsentierten Zahlen genau enthalten waren, ließ sich zunächst nicht vollständig nachvollziehen.
Die Unterscheidung ist bei Anthropic besonders relevant. Das Unternehmen benötigt erhebliche finanzielle Mittel für die Entwicklung neuer Modelle sowie für deren Training und Betrieb. Dazu gehören leistungsfähige Rechenzentren, spezialisierte Chips und umfangreiche Cloudkapazitäten.
Für das Geschäftsjahr 2025 hatte Anthropic nach Unterlagen, die Reuters im September einsehen konnte, einen Umsatz von rund 4,6 Milliarden Dollar erzielt. Gleichzeitig lag der operative Verlust damals bei mehr als acht Milliarden Dollar.
Die neuen Kennzahlen deuten damit auf eine verbesserte operative Entwicklung hin. Ob Anthropic auch nach vollständiger Berücksichtigung sämtlicher Kosten nachhaltig Gewinne erzielen kann, bleibt jedoch offen.
Der Börsengang von Anthropic befindet sich bereits seit mehreren Monaten in Vorbereitung. Am 1. Juni 2026 bestätigte das Unternehmen offiziell, einen vertraulichen Entwurf seines Börsenzulassungsantrags bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht zu haben.
Anthropic erklärte damals, dass ein Börsengang von der Prüfung durch die Aufsicht, den Marktbedingungen und weiteren Faktoren abhängig sei. Weder der Ausgabepreis noch die Anzahl der angebotenen Aktien wurden festgelegt.
Nach Informationen von Bloomberg könnte die formelle Vermarktung der Aktien bereits in der Woche ab dem 9. November beginnen. Damit wäre ein Handelsstart noch vor dem amerikanischen Thanksgiving-Fest am 26. November möglich.
Ein verbindlicher Termin war zunächst nicht bestätigt. Auch der endgültige Umfang des Aktienangebots blieb offen.
Ein erfolgreicher Börsengang würde Anthropic den Zugang zu weiteren Kapitalquellen eröffnen. Zugleich müsste sich das Unternehmen künftig stärker an den Erwartungen öffentlicher Kapitalmärkte und den damit verbundenen Veröffentlichungspflichten messen lassen.
Besondere Aufmerksamkeit erhält die mögliche Unternehmensbewertung. Bei einer Finanzierungsrunde im Mai 2026 sammelte Anthropic nach eigenen Angaben 65 Milliarden US-Dollar ein. Die Bewertung nach dieser Kapitalaufnahme lag bei 965 Milliarden Dollar.
Für den geplanten Börsengang steht inzwischen eine deutlich höhere Größenordnung im Raum. Reuters zufolge strebt Anthropic eine Bewertung von mehr als zwei Billionen US-Dollar an.
Damit würde sich der rechnerische Unternehmenswert gegenüber der Finanzierungsrunde vom Mai mehr als verdoppeln. Eine bestätigte Bewertung für den Börsenstart gibt es allerdings noch nicht.
Entscheidend dürfte sein, welchen Preis institutionelle Investoren tatsächlich zu zahlen bereit sind. Zwar spricht der starke Umsatzanstieg für eine hohe Nachfrage nach den KI-Produkten. Die nachlassende prozentuale Wachstumsrate könnte jedoch dazu führen, dass Anleger die langfristigen Erwartungen genauer hinterfragen.
Hinzu kommen die erheblichen finanziellen Verpflichtungen des Unternehmens. Laut Reuters sehen die im vertraulichen Börsenprospekt genannten Vereinbarungen langfristige Ausgaben beziehungsweise Zahlungsverpflichtungen von insgesamt 518 Milliarden Dollar für Cloudleistungen, Rechenkapazitäten und Infrastruktur vor.
Diese Summe entspricht nicht unmittelbar einem aktuellen Verlust. Sie verdeutlicht jedoch, wie kapitalintensiv das geplante weitere Wachstum ist.
Die wirtschaftliche Entwicklung von Anthropic ist eng mit großen amerikanischen Technologiekonzernen verbunden. Zu den wichtigsten Partnern und Investoren zählen Amazon und der Google-Mutterkonzern Alphabet.
Die Unternehmen stellen Rechenkapazitäten bereit und ermöglichen den Vertrieb der Claude-Modelle über ihre Cloudplattformen. Gleichzeitig entwickeln sie eigene KI-Angebote und stehen teilweise im Wettbewerb mit Anthropic.
Wie Reuters Ende September unter Berufung auf den vertraulichen Börsenprospekt berichtete, wurden 2025 rund 47 Prozent des Anthropic-Umsatzes über die Cloudplattformen von Amazon und Google abgewickelt.
Auch die Umsatzverbuchung spielt eine Rolle. Anthropic erfasst bei entsprechenden Geschäften über Cloudmarktplätze den vollständigen Vertragsumsatz und verbucht die Gebühren der Vertriebspartner als Aufwand. Das Unternehmen begründet diese Vorgehensweise mit seiner Rolle als verantwortlicher Anbieter der Leistung.
Dadurch können sich Unterschiede beim direkten Vergleich mit Wettbewerbern ergeben, die ihre Umsätze anders ausweisen. Für Investoren sind deshalb neben den Umsätzen auch Margen, Vertriebskosten und Zahlungsströme von Bedeutung.
Die Entwicklung bei Anthropic fällt in eine Phase zunehmender Aufmerksamkeit für die Wirtschaftlichkeit großer KI-Investitionen. Unternehmen auf der ganzen Welt investieren hohe Summen in Rechenzentren, Chips und Software, während zugleich der Wettbewerb zwischen den Modellanbietern zunimmt.
Neben Anthropic gehört OpenAI zu den zentralen Akteuren dieses Marktes. Auch große Technologiekonzerne entwickeln leistungsfähige eigene Systeme. Der Wettbewerb betrifft nicht nur die Qualität der Modelle, sondern zunehmend auch deren Preise und Betriebskosten.
Für Anthropic spricht die starke Nachfrage nach Claude und den dazugehörigen Angeboten für Unternehmen und Softwareentwickler. Gleichzeitig müssen steigende Umsätze ausreichen, um Forschung, Infrastruktur, Vertrieb und weitere Expansion dauerhaft zu finanzieren.
Das Interesse am geplanten Börsengang reicht deshalb über das Unternehmen selbst hinaus. Ein Börsendebüt in der diskutierten Größenordnung wäre ein bedeutender Test dafür, welche Bewertungen Investoren eigenständigen KI-Entwicklern zugestehen.
Die für das dritte Quartal genannten 16,8 Milliarden Dollar liefern dafür ein wichtiges Signal. Sie verdeutlichen das schnelle Wachstum eines der führenden KI-Unternehmen, machen aber auch sichtbar, dass Umsatzsteigerungen allein noch keine abschließende Aussage über langfristige Profitabilität und Unternehmenswert erlauben.
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