
Der Vorstandsvorsitzende der Techniker Krankenkasse, Jens Baas, stellt die bisherige Trennung zwischen gesetzlicher und privater Krankenversicherung grundsätzlich infrage. Statt die beiden Versicherungssysteme lediglich zu verändern, möchte er ein neues Modell schaffen, das ihre jeweiligen Stärken zusammenführt. Seine Forderung fällt in eine Phase, in der die Bundesregierung versucht, steigende Gesundheitsausgaben zu begrenzen und die Krankenkassenbeiträge für 2027 zu stabilisieren.
Gegenüber dem SPIEGEL hat sich Baas für eine grundlegende Neuordnung ausgesprochen. „Wir sollten die private Krankenversicherung abschaffen, die gesetzliche aber auch“, sagte der Chef von Deutschlands größter gesetzlicher Krankenkasse. Gemeint ist damit nicht das Ende des Krankenversicherungsschutzes, sondern der Ersatz der bestehenden parallelen Systeme durch eine neue Versicherungsstruktur.
Baas setzt dabei auf eine Verbindung von Solidarität, Wahlfreiheit und wirtschaftlicher Eigenständigkeit. Aus der gesetzlichen Krankenversicherung sollen insbesondere der Schutz vor einer Auswahl nach Gesundheitsrisiken und die Möglichkeit zum Kassenwechsel erhalten bleiben. Versicherte sollen unabhängig von bestehenden Erkrankungen Zugang zum Versicherungssystem haben. Außerdem fordert er verbindliche Mindeststandards bei den Leistungen und möchte verhindern, dass Anbieter Gewinne aus der Krankenvollversicherung abschöpfen.
Von der privaten Krankenversicherung möchte Baas vor allem die größere Unabhängigkeit gegenüber staatlichen Eingriffen übernehmen. Insbesondere finanzielle Rückstellungen sollen vor staatlichem Zugriff geschützt werden. Hinzu kommen flexiblere Vertragsmöglichkeiten mit Ärzten, Krankenhäusern und anderen medizinischen Leistungserbringern. Diese könnten nach seiner Vorstellung gezieltere Versorgungsangebote ermöglichen.
Seine Vorstellungen hatte Baas bereits Anfang Oktober in einem eigenen Beitrag für FOCUS näher erläutert. Darin sprach er sich unter anderem für eine stärkere Selbstverwaltung der Versicherungen, weniger Bürokratie und ein neues Vergütungssystem für Ärztinnen und Ärzte aus. Die bisherigen Honorare sollen dabei insgesamt nicht sinken.
Zusätzliche Versicherungen für besondere Leistungen oder mehr Komfort hält der TK-Chef weiterhin für möglich. Entscheidend sei jedoch, dass der Zugang zu medizinisch notwendigen Behandlungen nicht von der finanziellen Leistungsfähigkeit der Patienten abhängt.
Eine schnelle Umstellung hält Baas selbst nicht für realistisch. Bestehende private Versicherungsverträge genießen Bestandsschutz. Deshalb wäre nach seiner Vorstellung ein schrittweiser Übergang denkbar, bei dem neue Verträge nur noch innerhalb des reformierten Systems abgeschlossen würden. Der vollständige Umbau könnte nach seiner Einschätzung viele Jahre oder sogar Jahrzehnte beanspruchen.
Die Forderung trifft auf ein Gesundheitssystem, dessen Finanzierung seit Jahren unter Druck steht. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums stiegen die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen im ersten Halbjahr 2026 um 7,1 Prozent. Die Beitragseinnahmen ohne Zusatzbeiträge legten dagegen lediglich um 4,1 Prozent zu.
Zwar erzielten die 93 gesetzlichen Krankenkassen in diesem Zeitraum einen Überschuss von 2,6 Milliarden Euro. Das Geld wird jedoch vor allem benötigt, um die zuvor stark geschrumpften Finanzreserven wieder aufzufüllen. Der Gesundheitsfonds verzeichnete im selben Zeitraum ein Defizit von 5,9 Milliarden Euro, das nach Ministeriumsangaben überwiegend saisonale Ursachen hatte.
Besonders stark stiegen die Ausgaben für Krankenhausbehandlungen. Hier verzeichnete das Ministerium im ersten Halbjahr ein Plus von 9,3 Prozent. Auch Arzneimittel und ambulante Behandlungen verteuerten die Versorgung weiter.
Für 2027 gibt es inzwischen eine neue Finanzprognose. Der GKV-Schätzerkreis erwartet einen rechnerischen durchschnittlichen Zusatzbeitrag von weiterhin 2,9 Prozent. Die voraussichtlichen Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenkassen liegen bei 378,1 Milliarden Euro.
Bundesgesundheitsminister Carsten Linnemann verweist auf das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz. Nach Angaben seines Ministeriums sollen die gesetzlichen Maßnahmen die Ausgabenseite der Krankenkassen 2027 um bis zu 15 Milliarden Euro entlasten.
Eine Garantie für unveränderte Beiträge bei jeder Krankenkasse ist die Prognose allerdings nicht. Ende Juni 2026 lag der tatsächlich erhobene durchschnittliche Zusatzbeitrag bereits bei 3,13 Prozent. Einzelne Kassen müssen zudem weiterhin ihre Rücklagen auffüllen und entscheiden selbst über ihre jeweiligen Zusatzbeitragssätze.
Auch Baas warnte am 14. Oktober davor, die finanzielle Lage als dauerhaft stabilisiert anzusehen. Er forderte weitere Strukturreformen und eine sorgfältige Prüfung zusätzlicher Ausgaben durch neue Gesetze.
Die Zukunft des zweigeteilten Versicherungssystems wird bereits seit September verstärkt diskutiert. Bundeskanzler Friedrich Merz hatte am 21. September erklärt, dass viele Menschen die unterschiedliche Behandlung gesetzlich und privat Versicherter als Gerechtigkeitsproblem empfänden. Welche Änderungen daraus folgen sollten, ließ er zunächst offen. Während die SPD Unterstützung für eine Debatte signalisierte, wandte sich die CSU gegen Änderungen am bisherigen System.
Der Verband der Privaten Krankenversicherung verteidigte das bestehende Modell bereits am 21. September. Verbandsdirektor Florian Reuther verwies auf die Vorteile kapitalgedeckter Vorsorge und auf zusätzliche Einnahmen, die Privatversicherte nach Verbandsangaben für die medizinische Versorgung ermöglichen. Der Verband hält die Trennung zwischen gesetzlicher und privater Krankenversicherung für einen wichtigen Bestandteil des Gesundheitssystems.
Eine andere Position vertritt der Sozialverband VdK. Er fordert grundsätzlich eine einheitliche solidarische Krankenversicherung, in die alle Bürgerinnen und Bürger einzahlen. Die private Krankenvollversicherung soll nach seiner Vorstellung abgeschafft werden. Anders als Baas möchte der VdK auch den Wettbewerb zwischen den gesetzlichen Krankenkassen beenden.
Bei diesen Aussagen handelt es sich um bereits veröffentlichte Grundsatzpositionen beziehungsweise Reaktionen auf die frühere Debatte um Merz. Eine neue Stellungnahme der Verbände zu Baas‘ konkretem Vorschlag vom 16. Oktober lag zunächst nicht vor.
Ein vollständiger Umbau der Krankenversicherung ist derzeit kein beschlossenes Regierungsprojekt. Die Bundesregierung konzentriert sich zunächst auf die Begrenzung der Gesundheitsausgaben und auf Veränderungen in der medizinischen Versorgung.
Dazu gehören unter anderem die Reform der Notfallversorgung sowie die geplante Einführung eines stärker gesteuerten Primärversorgungssystems. Außerdem soll die Finanzkommission Gesundheit bis Ende 2026 weitere Vorschläge für längerfristige Strukturreformen vorlegen.
Baas‘ Forderung geht über die bisherigen Maßnahmen deutlich hinaus. Während die Bundesregierung gegenwärtig versucht, das bestehende System finanziell zu stabilisieren, stellt der TK-Chef dessen grundlegende Organisationsform infrage. Für die Versicherten ergeben sich aus seinem Vorstoß zunächst keine Änderungen bei Beiträgen, Leistungen oder bestehenden Verträgen.
Texte werden mit Unterstützung von KI-Tools erstellt und vor Veröffentlichung redaktionell geprüft. Mehr dazu