
Nvidia-Chef Jensen Huang hat Deutschland vorgeworfen, bei neuen Technologien zu langsam voranzukommen. Bei einem Pressegespräch in London kritisierte er, dass ein wirtschaftlich und technisch hoch entwickeltes Land den Anschluss verliere. Gleichzeitig bereitet die Bundesregierung eine weitreichende KI-Partnerschaft mit Nvidia vor. Schon am Montag, 19. Oktober, soll Huang Bundeskanzler Friedrich Merz in Berlin treffen.
Bei seinem Auftritt in London äußerte sich Huang ungewöhnlich kritisch über Deutschlands technologische Entwicklung. Nach einem Bericht des US-Nachrichtensenders CNBC zeigte er sich enttäuscht darüber, dass Deutschland trotz seiner industriellen und wissenschaftlichen Fähigkeiten bei modernen Technologien zurückgefallen sei. Als mögliches Problem bezeichnete er die Neigung, Entwicklungen zu lange zu durchdenken, statt sie praktisch umzusetzen. Deutschland verfüge über ausreichend Talente, müsse diese Möglichkeiten aber entschlossener nutzen.
Gleichzeitig sieht Huang gerade in der deutschen Industrie erhebliches Potenzial für künstliche Intelligenz. Bei einem Besuch in Berlin am Freitag hob er gegenüber dem ZDF die Fähigkeiten des Maschinenbaus und der Automobilindustrie hervor. Diese könnten mit KI-Technologien verbunden werden, um Produktionsprozesse zu verbessern und neue Anwendungen zu entwickeln. Besonders große Chancen sieht Nvidia bei Systemen, die Maschinen und Roboter in ihrer realen Umgebung steuern.
Die Bundesregierung will diese Entwicklung gemeinsam mit Nvidia beschleunigen. Nach Informationen des Handelsblatts ist eine umfangreiche Zusammenarbeit geplant, die am Montag beim Investitionsgipfel „Invest in Germany“ vorgestellt werden könnte. Auch Reuters und das ZDF erhielten aus Regierungskreisen Bestätigungen für die geplante Kooperation. Der Bund soll bereit sein, einen dreistelligen Millionenbetrag bereitzustellen. Eine verbindliche öffentliche Festlegung der genauen Finanzierung lag zunächst nicht vor.
Im Mittelpunkt stehen leistungsfähige KI-Modelle für industrielle Anwendungen sowie sogenannte physische KI. Damit sind Systeme gemeint, die beispielsweise Robotern helfen, ihre Umgebung zu erkennen, Bewegungen zu planen und Aufgaben auszuführen. An dem Vorhaben sollen nach Handelsblatt-Informationen rund ein Dutzend deutsche Unternehmen beteiligt sein, darunter Siemens, Audi und das KI-Unternehmen Black Forest Labs. Nvidia soll Rechentechnik und technisches Fachwissen einbringen.
Die geplante Vereinbarung knüpft an eine bereits bestehende Zusammenarbeit an. Das vom Bundeswirtschaftsministerium geförderte Projekt Soofi entwickelt offene KI-Basismodelle, die Unternehmen für eigene Anwendungen einsetzen und weiterentwickeln können. Bereits im März 2026 hatte das Konsortium eine Kooperation mit Nvidia angekündigt. Die Bundesregierung stellte für das ursprüngliche Forschungsvorhaben rund 20 Millionen Euro bereit. Eine wichtige technische Grundlage bildet die Industrial AI Cloud der Deutschen Telekom in München, die seit Februar 2026 in Betrieb ist.
Dabei geht es auch um die technologische Unabhängigkeit Europas. Deutschland benötigt für leistungsfähige KI-Anwendungen weiterhin Technik internationaler Anbieter. Zugleich sollen Unternehmen ihre Daten und selbst entwickelte Modelle möglichst eigenständig kontrollieren können. Huang betonte im ZDF-Interview, dass die verwendeten Computersysteme von Nvidia stammen könnten, während der Betrieb der Anwendungen und die Kontrolle über die Daten in Deutschland verbleiben sollten.
Der Nvidia-Chef war bereits am Freitag überraschend bei einer Produktpräsentation in Berlin aufgetreten. Dort wurde der Verkaufsstart neuer Laptops mit Nvidia-Prozessoren gefeiert. In der kommenden Woche steht die Hauptstadt erneut im Mittelpunkt seiner Europareise. Neben dem geplanten Austausch mit Bundeskanzler Merz findet vom 20. bis 22. Oktober die Nvidia-Entwicklerkonferenz GTC statt. Für den 21. Oktober ist eine Rede Huangs angekündigt.
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