
Eine aktuelle Studie der Fachhochschule Münster zeigt auf, wie stark Jugendliche in stationären Jugendhilfe-Einrichtungen unter den pandemiebedingten Einschränkungen gelitten haben. Während sich öffentliche Diskussionen vor allem um Schulschließungen und die Belastung von Familien drehten, blieb diese besonders verletzliche Gruppe weitgehend unbeachtet.
Die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderte qualitative Studie wurde vom Institut für Erziehungswissenschaft der FH Münster durchgeführt. Prof. Dr. Claudia Equit und Elisabeth Thomas haben dafür bundesweit 40 Jugendliche zwischen 14 und 22 Jahren befragt – aus Wohngruppen, dem betreuten Einzelwohnen und Pflegefamilien. Ihr Fazit: Die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie trafen junge Menschen in Einrichtungen besonders hart – und das, obwohl sie aufgrund ihrer Lebensgeschichten oft schon vorbelastet waren.
Die Studie offenbart, dass viele Jugendliche über Wochen hinweg von persönlichen Kontakten zur Herkunftsfamilie und Freunden abgeschnitten waren. Besonders drastisch zeigten sich die Auswirkungen im betreuten Einzelwohnen, wo soziale Isolation zur Norm wurde. Viele junge Menschen durften ihr Apartment kaum verlassen – ein Zustand, der bei anderen Altersgruppen niemals durchsetzbar gewesen wäre.
„Die Träger mussten die gesetzlichen Auflagen umsetzen, obwohl diese womöglich gegen Kinder- und Jugendrechte verstießen“, erklärt Elisabeth Thomas. Die Jugendlichen hätten dennoch oft großes Verständnis gezeigt – und bemerkenswerte kreative Wege gefunden, um mit der Einsamkeit umzugehen.
Prof. Dr. Claudia Equit betont, dass die Bedeutung von Gleichaltrigen im Pandemiekontext unterschätzt wurde. „Freundschaften waren ein zentraler Halt im Umgang mit der Isolation. Trotzdem fokussierte die Praxis meist auf die Beziehung zu Fachkräften.“ Manche Jugendliche hielten den Kontakt digital aufrecht, andere zogen sich zurück – mit teils langfristig negativen Folgen wie Schulvermeidung oder dem Griff zu Drogen.
Die Befragten berichteten auch von erheblichen Hürden im Bereich Bildung: fehlende digitale Ausstattung, unzureichender Internetzugang und mangelnde Unterstützung beim Online-Lernen. „Von Schulen wurde eine digitale Teilnahme vorausgesetzt, ohne zu prüfen, ob dies vor Ort überhaupt möglich war,“ so Equit.
Jugendliche in Pflegefamilien berichteten zwar teils von milderen Einschränkungen. Aber auch hier traten Probleme auf: fehlende Privatsphäre, eskalierende Konflikte oder Gewalt. Andere schilderten positive Entwicklungen wie stärkeren Familienzusammenhalt.
Die FH Münster will ihre Erkenntnisse nicht im Forschungskontext belassen. In Workshops mit Jugendlichen aus stationären Einrichtungen sollen praxisnahe Empfehlungen für den Umgang mit zukünftigen Krisen erarbeitet werden. Parallel untersucht ein Forschungsteam der TU Dortmund die Perspektiven von Fachkräften. Beide Stränge werden miteinander verknüpft, um ein umfassendes Bild zu erhalten.
Titel: „Soziale Teilhabe von Jugendlichen in stationären Jugendhilfe-Einrichtungen und Pflegefamilien in Zeiten von Pandemien ermöglichen“
Förderung: Bundesministerium für Bildung und Forschung
Teilnehmende: 40 Jugendliche aus 27 Einrichtungen
Veröffentlichung: Erste Ergebnisse im Sonderheft 19 der Fachzeitschrift neue praxis
2023 lebten rund 128.000 junge Menschen in stationären Einrichtungen, etwa 87.000 in Pflegefamilien. Die Studie ist nicht repräsentativ, liefert aber durch ihre Streuung ein realistisches Bild der Herausforderungen.
Die Ergebnisse der FH Münster belegen eindrücklich, dass junge Menschen in stationären Settings während der Pandemie nicht nur besonders stark betroffen waren – sondern in der öffentlichen Wahrnehmung auch besonders übersehen wurden. Ihre Stimmen müssen in künftige Krisenvorbereitungen stärker einbezogen werden, um soziale Teilhabe und Grundrechte zu sichern – selbst unter Ausnahmebedingungen.