
Bei Volkswagens Softwaretochter Cariad steht der nächste tiefgreifende Umbau an. Das Unternehmen soll deutlich kleiner werden und seine Entwicklung stärker auf künstliche Intelligenz ausrichten. Während zunächst von rund 1.000 zusätzlichen Stellen die Rede war, nennen IG Metall und Arbeitnehmervertreter eine Größenordnung von bis zu 1.600 Arbeitsplätzen. Allerdings gehören offenbar nicht alle davon zum neuen Sparprogramm. Der Stellenabbau bei Cariad ist Teil einer umfassenderen Neuordnung der Softwareaktivitäten im Volkswagen-Konzern. Cariad selbst bestätigt organisatorische Veränderungen und Gespräche mit Betriebsrat und IG Metall, nennt öffentlich aber keine konkrete Stellenzahl.
Nach Informationen der Automobilwoche sollen rund 1.000 weitere Stellen bei Cariad wegfallen. Zusätzlich müssten noch etwa 400 Beschäftigte im Rahmen eines bereits zuvor gestarteten Abbauprogramms das Unternehmen verlassen. Außerdem soll Cariad rund 200 neue Stellen für Spezialisten im Bereich künstliche Intelligenz schaffen. Gleichzeitig könnten dafür in anderen Bereichen weitere rund 200 Arbeitsplätze entfallen. Damit wären insgesamt bis zu 1.600 bestehende Stellen von Veränderungen betroffen. Diese detaillierte Aufschlüsselung hat Cariad bislang nicht öffentlich bestätigt. IG Metall hatte unabhängig davon von einer möglichen Personalreduzierung um bis zu 1.600 Stellen gesprochen.
Damit würde sich der Personalabbau bei der Softwaretochter weiter fortsetzen. Ende 2023 beschäftigte Cariad noch etwa 6.500 Menschen. Inzwischen sind es rund 4.300. Schon im März 2025 hatte das Unternehmen einen umfangreichen Abbau angekündigt. Damals sollten rund 1.600 der zu diesem Zeitpunkt noch etwa 5.900 Stellen entfallen. Der Abbau sollte unter anderem über Abfindungen und Vorruhestandsprogramme erfolgen. Betriebsbedingte Kündigungen waren aufgrund einer Beschäftigungssicherung ausgeschlossen.
Cariad hat den grundlegenden Umbau am 2. Oktober bestätigt. Produkte, Prozesse und Teams sollen künftig stärker auf den Einsatz künstlicher Intelligenz ausgerichtet werden. Nach Angaben des Unternehmens betrifft die Neuausrichtung vier zentrale Plattformen: automatisiertes Fahren und Fahrerassistenz, Cloud-Technologie, Infotainment sowie Software für Fahrdynamik und weitere Fahrzeugfunktionen. Cariad bezeichnet das angestrebte Modell als schlankere Technologieorganisation mit stärker wettbewerbsfähigen Strukturen.
Die technologische Neuausrichtung erfordere ausdrücklich auch Veränderungen bei Organisation und Kapazitäten. Über die konkrete Umsetzung werde mit Betriebsrat und IG Metall verhandelt. Eine Zahl für den Stellenabbau nennt Cariad in seiner eigenen Mitteilung nicht. Damit bleibt insbesondere offen, wie viele der heutigen Arbeitsplätze tatsächlich vollständig entfallen und wie viele Beschäftigte durch neue Aufgabenzuschnitte oder andere Maßnahmen betroffen sein werden.
Bei der Arbeitnehmerseite stoßen die angekündigten Einschnitte auf deutlichen Widerstand. Der Gesamtbetriebsrat verweist darauf, dass für Cariad weiterhin eine Beschäftigungssicherung gilt. Sie schließt nach Angaben der IG Metall betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2029 aus. Der Betriebsrat lehnt einen Personalabbau allein zur Kostensenkung ab und fordert stattdessen eine langfristige Perspektive für Cariad und die im Unternehmen verbleibenden Softwarekompetenzen.
Zusätzlichen Konfliktstoff liefern Tarifverträge. Cariad hat nach Angaben der IG Metall unter anderem Regelungen zu Entgelt, Arbeitszeit und Urlaub gekündigt. Die bestehende Beschäftigungssicherung bleibt zunächst bestehen. Nach Darstellung der Gewerkschaft hat das Unternehmen allerdings auch Änderungen an dieser Vereinbarung verlangt. Konkrete Ergebnisse der Verhandlungen lagen zunächst nicht vor.
Hinter dem Personalumbau steht eine grundlegende Veränderung der Softwarestrategie des Volkswagen-Konzerns. Cariad war ursprünglich mit dem Ziel aufgebaut worden, einen großen Teil der Fahrzeugsoftware für die verschiedenen Konzernmarken zentral zu entwickeln. Nach Verzögerungen bei mehreren Fahrzeugprojekten änderte Volkswagen den Kurs und tauschte 2023 die Führung der Softwaretochter aus.
Inzwischen verteilt der Konzern zentrale Softwareaufgaben stärker zwischen eigenen Einheiten und externen Partnern. Für kommende Fahrzeuge in westlichen Märkten arbeitet Volkswagen mit dem US-Elektroautohersteller Rivian an einer neuen Elektronik- und Softwarearchitektur. In China entwickelt der Konzern Technologien unter anderem gemeinsam mit Xpeng. Volkswagen beschreibt seine aktuelle Strategie ausdrücklich als Mischung aus Eigenentwicklung, gemeinsamer Entwicklung mit Partnern und gezieltem Zukauf.
Cariad soll dadurch nicht verschwinden. Die Softwaretochter konzentriert sich vielmehr auf ausgewählte Technologien, die für mehrere Konzernmarken genutzt werden können. Dazu zählen Fahrerassistenz, Infotainment, Cloud-Dienste und Fahrdynamik. Damit fällt Cariad jedoch eine deutlich fokussiertere Rolle zu als in den Anfangsjahren des Unternehmens.
Der Umbau findet vor dem Hintergrund weiterhin hoher Verluste statt. Im ersten Halbjahr 2026 erzielte Cariad einen Umsatz von 815 Millionen Euro. Das waren 250 Millionen Euro mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig verbesserte sich das operative Ergebnis von minus 1,172 Milliarden Euro auf minus 855 Millionen Euro. Volkswagen führte die Verbesserung unter anderem auf das laufende Transformationsprogramm und eine strengere Kostendisziplin zurück.
Weitere Einsparungen sind vorgesehen. Nach einem internen Plan, über den zunächst das Handelsblatt berichtete, sollen die Investitionen von Cariad zwischen 2027 und 2031 um rund 6,1 Milliarden Euro reduziert werden. Ab 2030 soll die Softwaretochter zusätzlich rund 400 Millionen Euro zur Verbesserung des operativen Konzernergebnisses beitragen. Eine öffentliche Detailbestätigung dieser beiden Cariad-Zielgrößen durch Volkswagen lag zunächst nicht vor.
Die Veränderungen bei Cariad fügen sich in den im September beschlossenen Zukunftsplan 2030 des Volkswagen-Konzerns ein. Volkswagen will seine Strukturen vereinfachen, Entwicklungsaufwand reduzieren und stärker festlegen, welche Technologien selbst entwickelt und welche gemeinsam mit Partnern umgesetzt werden. Die konzernweiten Aufwendungen für Forschung und Entwicklung sowie Sachinvestitionen sollen für die Jahre 2027 bis 2031 auf insgesamt 135 Milliarden Euro begrenzt werden. Das entspricht nach Konzernangaben einer Reduzierung um rund 25 Prozent.
Parallel hat Volkswagen bei rund 170 Konzerngesellschaften weiteres Einsparpotenzial untersucht. Der Zukunftsplan sieht zusätzlich zu bereits vereinbarten Programmen einen Abbau in einer Größenordnung von rund 50.000 Stellen in indirekten Bereichen weltweit vor. Etwa die Hälfte davon entfällt nach derzeitiger Planung auf Deutschland. Die einzelnen Marken und Gesellschaften müssen ihren konkreten Beitrag noch mit den Arbeitnehmervertretungen ausgestalten. Cariad steht damit bei seinem Umbau nicht allein, ist wegen der strategischen Bedeutung von Fahrzeugsoftware für Volkswagen aber ein besonders wichtiger Teil der Neuordnung.
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