
Die deutsche Industrie hat im August einen überraschend starken Rückgang der Bestellungen verzeichnet. Der reale Auftragseingang im Verarbeitenden Gewerbe sank gegenüber Juli saison- und kalenderbereinigt um 10,6 Prozent. Damit fiel das Neugeschäft erheblich schwächer aus als von Ökonomen erwartet. In einer Reuters-Umfrage war im Mittel lediglich mit einem Rückgang um 1,0 Prozent gerechnet worden. Im Juli waren die Auftragseingänge noch um 2,5 Prozent gegenüber dem Vormonat gestiegen.
Der starke Monatsrückgang ist allerdings vor dem Hintergrund ungewöhnlich hoher Großaufträge in den Vormonaten zu betrachten. Vor allem der Juli war von einzelnen umfangreichen Bestellungen für Flugzeuge, Schiffe und Schienenfahrzeuge geprägt. Die August-Zahl ist deshalb nicht mit einem ebenso starken Einbruch der gesamten industriellen Nachfrage gleichzusetzen.
Die Differenz zwischen Erwartung und tatsächlichem Ergebnis ist beträchtlich. Statt des prognostizierten Minus von 1,0 Prozent meldete das Statistische Bundesamt für August einen Rückgang um 10,6 Prozent. Die Abweichung beträgt damit 9,6 Prozentpunkte. Die Daten sind preisbereinigt sowie um Saison- und Kalendereffekte bereinigt und sollen dadurch die Entwicklung von Monat zu Monat vergleichbarer machen.
Der Vormonat hatte noch ein völlig anderes Bild gezeigt. Im Juli waren die Industrieaufträge um 2,5 Prozent gestiegen. Im Juni hatte das Plus nach Revision sogar 3,7 Prozent betragen. Damit folgt auf mehrere Monate steigender Gesamtbestellungen nun ein kräftiger Rücksetzer. Allerdings waren bereits die vorherigen Zuwächse stark von einzelnen Großaufträgen beeinflusst worden.
Gerade deshalb sind die Ausschläge des Auftragseingangs von Monat zu Monat mit Vorsicht zu interpretieren. Große Einzelbestellungen können den Gesamtindex erheblich bewegen, obwohl sich die Nachfrage bei vielen anderen Industrieunternehmen deutlich weniger verändert.
Wie ungewöhnlich die Ausgangsbasis war, zeigt der Blick auf den Juli. Damals legten die Bestellungen im sogenannten sonstigen Fahrzeugbau gegenüber Juni um 126,4 Prozent zu. Zu dieser Kategorie zählen unter anderem Flugzeuge, Schiffe, Züge und Militärfahrzeuge. Destatis führte den starken Anstieg nahezu vollständig auf ein außergewöhnlich hohes Volumen an Großaufträgen zurück.
Ohne Großaufträge waren die Industrieaufträge im Juli sogar um 1,4 Prozent gegenüber dem Vormonat gesunken. Im weniger schwankungsanfälligen Dreimonatsvergleich von Mai bis Juli ergab sich zwar insgesamt ein Plus von 2,9 Prozent. Ohne Großaufträge stand dagegen ein Minus von 2,2 Prozent.
Damit liegt nahe, den August-Rückgang zumindest teilweise als Gegenbewegung nach dem außergewöhnlich starken Juli zu betrachten. Wie groß der Anteil dieses Basiseffekts am gesamten August-Minus von 10,6 Prozent war, war am Dienstagmorgen zunächst nicht im Detail beziffert.
Auch aus wichtigen Einzelbranchen kamen zuletzt schwächere Nachfrageindikatoren. Der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau meldete für August einen realen Rückgang seiner Auftragseingänge um 5 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Die Inlandsbestellungen lagen 2 Prozent niedriger, die Auslandsaufträge 6 Prozent unter dem Vorjahreswert. Diese Verbandsstatistik verwendet einen Vorjahresvergleich und ist deshalb nicht unmittelbar mit dem monatlichen Destatis-Gesamtwert von minus 10,6 Prozent vergleichbar.
Auch in der Automobilindustrie war das Bild im August verhalten. Nach Angaben des Verbands der Automobilindustrie lagen die Bestellungen deutscher Hersteller insgesamt 11 Prozent unter dem Vorjahresmonat. Dabei stiegen die Inlandsorders um gut 4 Prozent, während die Bestellungen aus dem Ausland um 13 Prozent zurückgingen.
Bereits im Juli hatte Destatis bei Kraftwagen und Kraftwagenteilen einen Rückgang der Auftragseingänge um 12,5 Prozent zum Vormonat ausgewiesen. Die Entwicklung innerhalb der Industrie bleibt damit ausgesprochen unterschiedlich: Während einzelne Bereiche durch sehr große Projekte hohe Auftragsvolumina verbuchen, bleibt die Nachfrage in anderen Kernbranchen schwächer.
Für die Konjunktur sind Auftragseingänge ein wichtiger Frühindikator, weil viele Bestellungen erst in den kommenden Monaten produziert und ausgeliefert werden. Ein einzelner Monat erlaubt wegen der Großaufträge allerdings noch keinen zuverlässigen Schluss auf die weitere gesamtwirtschaftliche Entwicklung.
Die Ausgangslage ist gemischt. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt war im zweiten Quartal 2026 preis-, saison- und kalenderbereinigt um 0,3 Prozent gegenüber dem ersten Quartal gewachsen. Die Wertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe erhöhte sich dabei um 0,9 Prozent. Gleichzeitig war die Industrieproduktion im Juli wieder deutlich zurückgegangen.
Die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute rechnen in ihrer Gemeinschaftsdiagnose vom 24. September für 2026 weiterhin mit einem Wachstum des deutschen Bruttoinlandsprodukts von 1,3 Prozent. Sie gehen jedoch davon aus, dass sich die Erholung im dritten Quartal vorübergehend verlangsamt hat. Als Gründe nennen sie unter anderem schwächere harte Konjunkturdaten, hohe Energiepreise und Produktionsbehinderungen durch Niedrigwasser.
Das überraschend schwache August-Ergebnis verstärkt damit die Hinweise darauf, dass der industrielle Aufschwung im dritten Quartal nicht geradlinig verläuft. Gleichzeitig verfügen viele Unternehmen weiterhin über hohe Auftragsbestände. Im Juli war der reale Auftragsbestand der Industrie nochmals um 1,5 Prozent gestiegen und hatte nach Angaben von Destatis einen neuen Höchststand seit Beginn der entsprechenden Statistik erreicht.
Für den deutschen Aktienmarkt sind die Industrieaufträge am Dienstag ein negatives Konjunktursignal. Eine unmittelbare Reaktion des DAX im regulären Xetra-Handel war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung allerdings noch nicht messbar. Der Leitindex hatte den Montag bei 25.254,21 Punkten beendet. Vorbörslich wurde er am Dienstagmorgen leicht höher indiziert. Gegen 07:37 Uhr lag die vorbörsliche Indikation bei rund 25.315 Punkten und damit etwa 0,2 Prozent im Plus.
Damit überwogen vor dem regulären Handelsstart zunächst andere Markteinflüsse. Neben deutschen Konjunkturdaten standen unter anderem die Entwicklung der europäischen Anleiherenditen, die hohen Energiepreise sowie Vorgaben von den US-Börsen im Blickpunkt. Erst nach dem Xetra-Start um 09:00 Uhr lässt sich beurteilen, wie stark Anleger die überraschend schwachen Auftragseingänge tatsächlich im DAX einpreisen.
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