
Der Rüstungskonzern Rheinmetall ist der Übernahme des traditionsreichen Alstom-Lokomotivwerks in Kassel einen entscheidenden Schritt näher gekommen. Beide Unternehmen haben bestätigt, dass eine grundsätzliche Einigung über die Zukunft des Standorts erzielt worden ist. Ein endgültiger Vertrag steht allerdings noch aus. Details der Vereinbarung werden derzeit weiter mit den Arbeitnehmervertretungen verhandelt.
Für Rheinmetall kommt der zusätzliche Industriestandort zu einem Zeitpunkt, an dem der Konzern seine Produktion militärischer Fahrzeuge deutlich ausweitet. Das bestehende Rheinmetall-Werk befindet sich ebenfalls im Kasseler Industriepark Mittelfeld und damit in unmittelbarer Nähe des Alstom-Standorts. Gleichzeitig steht für mehrere hundert Alstom-Beschäftigte die Frage im Mittelpunkt, ob und zu welchen Bedingungen sie künftig für Rheinmetall arbeiten können.
Alstom bestätigte am Dienstag, 6. Oktober 2026, eine grundsätzliche Einigung mit Rheinmetall über die Zukunft des Werks. Rheinmetall bestätigte seinerseits eine Verständigung über die wesentlichen Eckpunkte. Das gemeinsame Ziel sei, Beschäftigten von Alstom künftig eine Tätigkeit bei Rheinmetall Landsysteme in Kassel ermöglichen zu können. Die konkreten vertraglichen Details seien noch nicht abschließend fixiert.
Damit ist die Übernahme des Alstom-Werks in Kassel noch nicht vollständig abgeschlossen. Öffentlich offen sind unter anderem der genaue Zeitpunkt des Eigentümerwechsels, die Zahl der tatsächlich übernommenen Beschäftigten und deren künftige Konditionen. Auch über einen Kaufpreis oder andere finanzielle Eckdaten machten die Unternehmen zunächst keine Angaben. Die Arbeitnehmervertretungen sind nach Angaben aus dem Unternehmen in die weiteren Gespräche einbezogen.
Der Standort gehört zu den traditionsreichsten Lokomotivwerken Deutschlands. Alstom gibt an, dass in Kassel seit mehr als 175 Jahren Lokomotiven gebaut und insgesamt mehr als 35.000 Maschinen ausgeliefert wurden. Heute entsteht dort die Traxx-Lokomotivplattform des französischen Bahnkonzerns.
Bei der Zahl der Beschäftigten gibt es unterschiedliche aktuelle Angaben. Alstom selbst nennt auf seiner Karriereseite rund 650 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die hessenschau spricht aktuell von etwa 750 Beschäftigten. In Berichten während der Verkaufsdiskussion war zeitweise von rund 900 Menschen am Standort die Rede. Sicher ist damit vor allem, dass mehrere hundert Arbeitsplätze unmittelbar von der Neuordnung betroffen sind.
In den vergangenen Wochen hatten Beschäftigte mehrfach für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze und für mehr Klarheit demonstriert. Die IG Metall Nordhessen berichtete Ende September von rund 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmern an einer Demonstration.
Eine zentrale Frage ist, ob mit dem Eigentümerwechsel auch der Lokomotivbau in Kassel endet. Dazu gab es zunächst keine endgültige öffentliche Vereinbarung der beiden Konzerne. Nach Informationen der HNA soll die Lokomotivproduktion am bisherigen Standort aufgegeben werden. Alstom selbst hat bestätigt, seine vertraglichen Verpflichtungen gegenüber Lokomotivkunden weiter erfüllen zu wollen. Wo diese Fahrzeuge künftig gebaut werden, ist damit jedoch nicht abschließend geklärt.
Was Rheinmetall auf dem Gelände konkret produzieren will, wurde ebenfalls noch nicht öffentlich festgelegt. Der Zusammenhang mit dem Ausbau der Fahrzeugsparte liegt allerdings nahe: Direkt nebenan betreibt Rheinmetall Landsysteme bereits ein großes Werk für taktische Rad- und Kettenfahrzeuge. Der Standort ist innerhalb des Konzerns ein Kompetenzzentrum für Entwicklung, Produktion und Instandsetzung solcher Systeme.
Rheinmetall beschäftigt nach eigenen Angaben derzeit rund 2.200 Menschen an seinem bestehenden Kasseler Standort. Im August kündigte das Unternehmen zusätzlich einen umfangreichen Ausbau in Nordhessen an. Am Kassel Airport in Calden soll ein neues Logistik-, Technik- und Unterstützungszentrum mit mehr als 30.000 Quadratmetern Nutzfläche entstehen. Die Inbetriebnahme ist für Ende 2027 vorgesehen. Hinzu kommt ein geplantes Testzentrum für Drohnen.
Rheinmetall beziffert seine Investitionen in den Ausbau der Region insgesamt auf einen dreistelligen Millionenbetrag. Konzernchef Armin Papperger nannte bei der Vorstellung der Pläne Ende August nach Angaben von Reuters rund 270 Millionen Euro. Das Land Hessen soll demnach rund 25 Millionen Euro beitragen. Papperger kündigte zugleich einen deutlichen Personalaufbau und eine stärkere Rolle Kassels bei der Produktion gepanzerter Fahrzeuge an.
Zu den Produkten des Kasseler Rheinmetall-Werks gehört unter anderem der Radpanzer Boxer. Das Unternehmen bereitet sich auf zusätzliche nationale und internationale Aufträge für militärische Fahrzeuge vor. Das neue Logistikzentrum bezeichnet Rheinmetall ausdrücklich als Teil seiner Wachstumsstrategie für taktische Militärfahrzeuge.
Hinter dem Ausbau steht eine stark gestiegene Nachfrage im Verteidigungsgeschäft. Rheinmetall erzielte im ersten Halbjahr 2026 einen Konzernumsatz von 5,23 Milliarden Euro. Das waren 39 Prozent mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Der sogenannte Backlog, in dem der Konzern Auftragsbestände und erwartete Abrufe aus Rahmenverträgen zusammenfasst, erreichte Ende Juni 80,5 Milliarden Euro.
Besonders relevant für Kassel ist die Sparte Vehicle Systems. Sie setzte im ersten Halbjahr 2026 rund 2,43 Milliarden Euro um, 28 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Der Backlog dieses Geschäftsbereichs erreichte 28,83 Milliarden Euro. Rheinmetall führt den Zuwachs unter anderem auf Programme für taktische Fahrzeuge in Deutschland und Europa zurück.
Die Übernahme zusätzlicher Fertigungsflächen und qualifizierter Industriearbeitskräfte würde daher zu dem bereits laufenden Kapazitätsausbau passen. Welche Aufgaben davon tatsächlich auf das bisherige Alstom-Werk entfallen, ist jedoch noch offen.
Auch für Alstom steht die Entwicklung in Kassel in einem größeren Zusammenhang. Der Bahnkonzern hatte bereits 2024 eine Neuordnung seiner industriellen Strukturen in Deutschland angekündigt. Dazu gehörte eine Reduzierung von Produktionskapazitäten an mehreren Standorten. Das Werk im sächsischen Görlitz wurde an den Rüstungskonzern KNDS verkauft. Der vollständige Übergang soll bis Ende 2026 erfolgen.
Gleichzeitig befindet sich Alstom nicht in einer allgemeinen Auftragskrise. Im Geschäftsjahr 2025/26 erreichte der Konzern einen Rekordauftragseingang von 27,6 Milliarden Euro und einen Auftragsbestand von 104,4 Milliarden Euro. Probleme gab es allerdings bei der Abwicklung mehrerer großer Fahrzeugprojekte. Die bereinigte operative Marge lag mit 6,1 Prozent unter dem Niveau des Vorjahres. Alstom kündigte daraufhin Maßnahmen zur Vereinfachung von Prozessen und zur Verbesserung der Projektabwicklung an.
Für Kassel treffen damit zwei Entwicklungen unmittelbar aufeinander: Alstom verändert seine industrielle Aufstellung, während Rheinmetall angesichts hoher Verteidigungsaufträge Flächen, Produktionskapazitäten und qualifizierte Beschäftigte sucht. Die Grundsatzeinigung bringt beide Unternehmen einem Eigentümerwechsel näher. Wann dieser abgeschlossen wird und wie viele Beschäftigte tatsächlich zu Rheinmetall wechseln, war am 6. Oktober noch nicht abschließend vereinbart.
Texte werden mit Unterstützung von KI-Tools erstellt und vor Veröffentlichung redaktionell geprüft. Mehr dazu