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Rüstungs ETF – Profit in unsicheren Zeiten oder moralisches Minenfeld?

Rüstungs ETF: Chancen, Risiken und ethische Fragen rund ums Investieren in die Verteidigungsindustrie. Jetzt alle Fakten für Anleger verständlich erklärt.
Mike Throm

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Seit dem Krieg in der Ukraine boomen Rüstungsaktien – und mit ihnen rückt auch der Rüstungs ETF in den Fokus vieler Anleger. Ein Rüstungs ETF (Exchange Traded Fund) bündelt Rüstungs- und Verteidigungsunternehmen in einem einzigen, an der Börse gehandelten Fonds. Was vor wenigen Jahren kaum vorstellbar schien, ist heute Realität: Erst 2023 kamen die ersten dieser Militärfonds auf den Markt, und inzwischen fließen bereits Milliarden Euro Anlegerkapital in diese Nischenprodukte​. Doch lohnt sich das Investieren in die Waffen- und Verteidigungsindustrie? Der folgende Bericht beleuchtet Definition und Funktionsweise von Rüstungs-ETFs, ihre Chancen und Risiken, die wirtschaftliche Bedeutung der Branche, geopolitische Einflussfaktoren sowie die ethische Debatte – und vergleicht Rüstungs-ETFs mit nachhaltigen Geldanlagen nach ESG-Kriterien. Am Ende werden zudem konkrete Beispiele aktueller Rüstungs-ETFs vorgestellt.

Was ist ein Rüstungs-ETF? Definition und Funktionsweise

Ein Rüstungs-ETF – auch als Verteidigungs-ETF oder umgangssprachlich Militär-ETF bezeichnet – ist ein börsengehandelter Indexfonds, der gezielt in Unternehmen der Verteidigungs- und Waffenindustrie investiert​. Es handelt sich um einen Themen-ETF mit dem Schwerpunkt Rüstung. Enthalten sind typischerweise Aktien von Rüstungskonzernen aus verschiedenen Bereichen der Verteidigungsindustrie, etwa Hersteller von Waffen und Waffensystemen, Produzenten von Militärfahrzeugen und -flugzeugen, Anbieter von Kommunikationstechnik, Überwachungssystemen und Cybersecurity-Lösungen für militärische Zwecke​. Durch die breite Streuung über viele Unternehmen bietet ein Rüstungs-ETF Anlegern die Möglichkeit, mit nur einem Wertpapier am gesamten Sektor der Waffenindustrie teilzuhaben.

In der Praxis bildet ein Rüstungs-ETF meist einen speziellen Aktienindex ab, der die größten und wichtigsten Rüstungsunternehmen umfasst. So investieren diese ETFs nahezu automatisch in die Rüstungsbranche, ohne dass Anleger einzelne Rüstungsaktien auswählen müssen. Gleichzeitig werden Risiken gestreut, da der Fonds nicht von der Entwicklung einer einzigen Firma abhängt. Rüstungs-ETFs funktionieren also ähnlich wie andere Branchen-ETFs, nur dass ihr thematischer Fokus auf Rüstung und Militär liegt. Als börsengehandelte Fonds können sie tagsüber laufend über die Börse gekauft und verkauft werden. Für Privatanleger sind sie in der Regel über gängige Broker und Banken zugänglich – oft sogar im Rahmen eines ETF-Sparplans, also mittels regelmäßiger automatischer Investments. Wichtig zu beachten: Einige speziell in den USA aufgelegte Verteidigungs-ETFs (wie der iShares U.S. Aerospace & Defense) sind wegen regulatorischer Vorgaben in Europa nicht überall handelbar​. Europäische Anleger greifen daher meist auf in Europa zugelassene Produkte (UCITS-ETFs) zurück, die in Euro notieren und an Börsen wie Xetra gehandelt werden.

Chancen und Risiken von Rüstungs-ETFs

Wie bei jeder Anlage gibt es auch bei einem Rüstungs-ETF zwei Seiten der Medaille: Chancen und Risiken. Zunächst zu den Chancen: Die Rüstungsindustrie befindet sich angesichts global steigender Verteidigungsausgaben im Wachstum. Viele Länder erhöhen ihre Wehretats deutlich, was Rüstungskonzernen volle Auftragsbücher beschert​. Für Anleger eröffnen Rüstungs-ETFs somit Wachstumspotenzial und möglicherweise stabile Renditen, insbesondere in Zeiten geopolitischer Spannungen und erhöhter Verteidigungsausgaben​. Regierungen als Kunden verfügen meist über große Budgets und relativ verlässliche Zahlungsströme, sodass Rüstungsfirmen oft langfristige, staatlich finanzierte Projekte haben. Zudem treiben technologischer Fortschritt und neue Bedrohungsbilder die Branche an: Von Cyberabwehr bis Raumfahrt setzen Militärs auf High-Tech, was innovativen Rüstungsunternehmen zusätzliches Wachstum beschert​. Ein thematischer ETF ermöglicht es, an all diesen Trends gebündelt teilzuhaben. Nicht zuletzt bietet ein Fonds im Vergleich zur Einzelaktie eine gewisse Risikostreuung, da er viele Titel kombiniert – Anleger investieren nicht nur in einen Rüstungsgiganten, sondern in einen ganzen Korb der Branche.

Den Chancen stehen erhebliche Risiken gegenüber. Ein zentrales Risiko ist die starke Abhängigkeit von politischen und geopolitischen Entwicklungen​. Die Branche boomt zwar in Konfliktzeiten, doch überraschende Waffenstillstände, Friedensabkommen oder abrüstungspolitische Initiativen könnten die Umsätze der Rüstungsfirmen schmälern und ihre Aktienkurse drücken​. Ebenso können Änderungen in der Regierungspolitik – etwa ein Wechsel zu rüstungskritischeren Regierungen – Aufträge gefährden. Darüber hinaus unterliegt auch ein Waffen-ETF den üblichen Marktrisiken: Wirtschaftliche Abschwünge oder Haushaltskrisen können dazu führen, dass Staaten geplante Rüstungsvorhaben verschieben oder streichen​. Rüstungs-ETFs sind zudem Sektor-Fonds mit geringer Branchen-Diversifikation, was sie anfälliger für Schwankungen macht, wenn der Sektor in Ungnade fällt. Ein weiteres oft genanntes Risiko ist das Reputationsrisiko: Die öffentliche Meinung kann Investments in die Rüstungs- und Kriegsindustrie kritisch sehen​. In Zeiten intensiver gesellschaftlicher Debatten über Krieg und Frieden könnten negative Schlagzeilen oder Proteste das Image der beteiligten Unternehmen – und indirekt der Fonds – beeinträchtigen. All diese Faktoren machen deutlich, dass Rüstungs-ETFs zwar chancenreiche, aber auch volatilere und kontroversere Investments sind als breitere Aktienfonds. Entsprechend ist ein effektives Risikomanagement gefragt, etwa durch klare Anlagehorizonte, Limits im Portfolio und das Bewusstsein, dass politische Ereignisse die Performance abrupt beeinflussen können.

Wirtschaftliche Bedeutung der Rüstungsindustrie für Anleger

Die Rüstungsindustrie zählt weltweit zu den umsatzstärksten Industriezweigen – und ihre wirtschaftliche Bedeutung spiegelt sich auch für Anleger wider. Global geben Regierungen jährlich rund zwei Billionen US-Dollar für Rüstung und Militär aus, Tendenz steigend. In Europa hat ein sicherheitspolitischer Paradigmenwechsel eingesetzt: Viele NATO-Staaten – allen voran Deutschland – wollen ihre Verteidigungsausgaben auf mindestens 2 % des BIP erhöhen​. Das bedeutet Hunderte Milliarden Euro zusätzliche Mittel für Rüstungsgüter in den kommenden Jahren. Diese massiven Investitionen bescheren den Rüstungskonzernen volle Auftragsbücher und treiben deren Gewinne und Aktienkurse an. Seit Ausbruch des Kriegs in der Ukraine haben die Aktien vieler Rüstungskonzerne satte Kursgewinne eingefahren​. So hat etwa die Aktie des deutschen Panzerbauers Rheinmetall ihren Wert in den letzten drei Jahren um über 1.200 % gesteigert​ – angetrieben durch gestiegene Militärausgaben und neue Großaufträge. Ähnlich positive Entwicklungen zeigten amerikanische Rüstungsriesen wie Lockheed Martin oder Northrop Grumman und europäische Konzerne wie BAE Systems, Thales oder Saab.

Für Anleger bedeutet das: Die Rüstungsbranche ist ein milliardenschwerer Wachstumsmarkt. Mit einem Rüstungs-ETF kann man an diesem Markt partizipieren. Tatsächlich verzeichnen die einschlägigen ETFs rasant steigendes Kapital. Fonds, die auf den Rüstungssektor spezialisiert sind und in Europa zum Vertrieb zugelassen wurden, verwalten aktuell bereits rund 6,7 Milliarden Euro Anlegergelder​ – ein bemerkenswerter Wert, bedenkt man, dass diese Produkte erst seit kurzem existieren. Die Nachfrage kommt von institutionellen Investoren wie Fonds und Family Offices, aber auch von privaten Anlegern, die in unsicheren Zeiten auf die vermeintliche Stabilität der Verteidigungsindustrie setzen. Ein Rüstungs-ETF bündelt Branchen-Schwergewichte wie etwa Boeing und Airbus (im Verteidigungssegment), Lockheed Martin, Raytheon (RTX), Rheinmetall oder Thales in einem Paket. Diese Unternehmen profitieren in der Regel sogar gegenläufig zu Konjunkturkrisen: Während andere Branchen in Rezessionen leiden, fließen Rüstungsgeldern oftmals unvermindert weiter, da Sicherheit für Staaten Priorität hat. Allerdings darf nicht vergessen werden, dass die Rüstungsindustrie auch Phasen der Stagnation kannte – nach dem Ende des Kalten Krieges etwa brachen Militärbudgets weltweit ein. Für Anleger ist die Rüstungsbranche heute dennoch wieder hochrelevant: Sie bietet die Chance auf überdurchschnittliche Renditen, stellt aber auch besondere Anforderungen an die Risikotoleranz und die moralischen Vorstellungen jedes Einzelnen.

Geopolitische Einflüsse auf die Performance von Rüstungs-ETFs

Geopolitik ist ein Schlüsselfaktor für die Wertentwicklung von Rüstungs-ETFs. Kaum ein anderer Sektor wird derart direkt von Kriegen, Konflikten und internationalen Beziehungen beeinflusst wie die Verteidigungsindustrie. Militärische Auseinandersetzungen, Krisen und Spannungen führen oft zu sprunghaft steigender Nachfrage nach Waffen und Ausrüstung​ – und das spiegelt sich in den Kursen der Rüstungsaktien wider. So markierte der Einmarsch Russlands in die Ukraine Anfang 2022 einen Wendepunkt: Westliche Regierungen schnürten gigantische Rüstungspakete, die Aktienkurse von Waffenherstellern schossen nach oben​. Rüstungs-ETFs, die diese Aktien enthielten, erzielten im Zuge dessen zweistellige Wertzuwächse. Ein Beispiel: Der VanEck Defense ETF, aufgelegt im März 2023, legte bis Frühjahr 2024 um rund 50 % an Wert zu – ein Indikator, wie stark geopolitische Ereignisse wirken können. Auch regionale Spannungen – etwa um Taiwan in Ostasien oder im Nahen Osten – können Investoren in Alarmbereitschaft versetzen und Rüstungswerte antreiben, da mögliche Konflikte antizipiert werden.

Andererseits können Entspannung und Abrüstung den Rüstungssektor ausbremsen. Diplomatische Durchbrüche, Friedensverhandlungen oder Rüstungsbegrenzungsabkommen könnten zukünftige Aufträge schmälern. Beispielsweise würde ein Ende des Ukraine-Kriegs langfristig wohl die extremen Aufrüstungstrends der europäischen Staaten dämpfen. Ebenso könnte ein politischer Stimmungsumschwung hin zu mehr Rüstungskontrolle (etwa durch internationale Verträge zur Einschränkung bestimmter Waffentypen) die Umsätze der Industrie beeinträchtigen. Solche Entwicklungen sind oft schwer vorherzusehen und können die Performance von Rüstungs-ETFs entsprechend volatil machen​. Auch die nationale Politik spielt hinein: Wechselt etwa in den USA die Regierung, kann sich die Prioritätensetzung im Verteidigungshaushalt ändern. Während eine Regierung die Militärausgaben hochfährt (z.B. fordert der ehemalige US-Präsident Donald Trump sogar 5 % des BIP für Rüstung​), könnte eine andere stärker auf diplomatische Lösungen setzen und weniger Budget für neue Waffensysteme bewilligen. Solche Zickzack-Kurse schlagen direkt auf die Rüstungsunternehmen und damit die ETFs durch.

Insgesamt gilt: Die Performance von Rüstungs-ETFs ist eng an die Weltlage gekoppelt. Für Anleger kann das positiv sein, wenn man glaubt, dass die globalen Spannungen weiter zunehmen – dann dürfte auch die Nachfrage nach Rüstungsgütern wachsen. Es kann aber auch riskant sein, falls überraschende Friedenstauben auftauchen. Eine Diversifikation über verschiedene Regionen und Rüstungsbereiche innerhalb des ETFs kann helfen, geopolitische Klumpenrisiken zu reduzieren. Dennoch bleibt die Anlage in Rüstungs-ETFs immer auch eine Wette auf eine eher unsichere Welt, in der Sicherheitspolitik Vorrang hat.

Ethische und moralische Debatten rund um Militärinvestments

Kaum ein Investmentthema ist so moralisch aufgeladen wie das Verdienen von Geld mit Waffen und Krieg. Militärinvestments – ob direkt in Rüstungsaktien oder indirekt via Rüstungs-ETF – werfen zwangsläufig ethische Fragen auf. Viele Menschen empfinden es als problematisch, vom Geschäft mit Waffen und militärischer Ausrüstung zu profitieren, da diese letztlich in Konflikten eingesetzt werden und Leid verursachen können. Kritiker sprechen von einem Gewissenskonflikt und fragen: Darf man an Krieg und Tod verdienen? Entsprechend schließen zahlreiche Anleger aus ethischen Gründen Rüstungsfirmen kategorisch aus ihrem Portfolio aus. Insbesondere in Deutschland, geprägt von einer pazifistischen Nachkriegshaltung, galten Aktien von Waffenherstellern lange Zeit als tabu in vielen bürgerlichen Depots.

Allerdings hat sich die Debatte durch die veränderte Weltlage in jüngster Zeit etwas differenziert. Der russische Angriff auf die Ukraine führte vor Augen, dass Militär und Rüstung auch dem Schutz von Freiheit und Menschenleben dienen können – nämlich dann, wenn man sich gegen einen Aggressor verteidigen muss. Plötzlich argumentieren einige Politiker und Experten, Investitionen in Rüstungsunternehmen seien notwendig, um Demokratie und Sicherheit zu gewährleisten​. So hieß es in einer gemeinsamen Erklärung des britischen Finanzministeriums und des Verbandes Investment Association sinngemäß: Investitionen in Rüstungsunternehmen tragen zu nationaler Sicherheit bei, verteidigen unsere Freiheiten und liefern gleichzeitig langfristige Renditen für Anleger​. Diese Sichtweise stellt das bisherige Dogma der nachhaltigen Geldanlage infrage, wonach Waffenhersteller automatisch als unethisch galten​. Selbst hochrangige NATO-Militärs betonen, ESG-Ziele (Umwelt, Soziales, gute Unternehmensführung) seien nie dazu gedacht gewesen, die Fähigkeit zur Selbstverteidigung zu schwächen – „Ich wüsste nicht, was an Selbstverteidigung unethisch sein sollte“, erklärte etwa NATO-General Rob Bauer 2024 pointiert​.

Trotz dieser neuen Töne bleibt das Feld ein moralisches Spannungsgebiet. Für viele Anleger ist und bleibt die Rüstungsindustrie ein No-Go, eine rote Linie, die sie nicht überschreiten wollen. Für sie sind Unternehmen, die Waffen zum Töten herstellen, niemals akzeptable Investments​. Andere hingegen sehen inzwischen Grauzonen: Sie differenzieren zwischen Angriffswaffen und Verteidigungssystemen oder argumentieren, dass ohne angemessene Rüstung kein Frieden zu sichern sei​. Fakt ist: Die meisten Rüstungs-ETFs investieren in Firmen, die konventionelle Waffen und Ausrüstung herstellen – doch häufig mit Einschränkungen. Einige Produkte schließen gewisse Kategorien von Waffen explizit aus, zum Beispiel geächtete Waffensysteme (etwa Streubomben oder chemische Waffen). So ist beispielsweise Rheinmetall, trotz seines Boomens, in manchen Rüstungs-ETFs nicht enthalten, weil strenge Ausschlusskriterien für kontroverse Waffen greifen​. Solche Filter zeigen, dass selbst innerhalb von Militärfonds versucht wird, zumindest extremste Rüstungsgüter auszuklammern. Insgesamt muss aber jeder Anleger für sich beantworten, ob er einen Rüstungs-ETF mit seinem Gewissen vereinbaren kann. Experten raten, die eigenen Werte zu reflektieren: Passt dieses Investment zu meinen persönlichen Überzeugungen?​. Wer daran Zweifel hat, sollte trotz finanzieller Aussichten Abstand nehmen – oder sich zumindest der Debatte bewusst sein, die mit dem Investment einhergeht.

Rüstungs-ETFs und nachhaltige Geldanlage: ein ESG-Vergleich

Angesichts der genannten ethischen Probleme verwundert es nicht, dass Rüstungs-ETFs im Widerspruch zu nachhaltigen ETFs nach ESG-Kriterien stehen. Unter ESG-Aspekten (Environment, Social, Governance) gelten Waffenhersteller klassisch als problematisch im sozialen Bereich. Viele nachhaltige Geldanlagen – insbesondere Fonds, die sich als nachhaltig oder sozial verantwortlich ausweisen – schließen Rüstungsunternehmen konsequent aus. Beispielsweise sind in nahezu allen ESG-ETFs konventionelle Waffen- und Rüstungskonzerne nicht vertreten. Bis vor kurzem galten solche Firmen per se als „untragbar“ im Kontext nachhaltiger Investments​. Ein typisches nachhaltiges Aktienportfolio investiert eher in erneuerbare Energien, Bildung, Gesundheit und ähnliches – während Rüstung ähnlich wie Tabak, Kohle oder Glücksspiel oft auf der Ausschlussliste steht.

Nun aber, wie oben beschrieben, ist die Bewertung nicht mehr ganz so eindeutig. Einige Stimmen fordern, Rüstungsaktien teilweise umzudeuten: Anstatt sie pauschal als unethisch abzustempeln, solle man zwischen „guten“ (defensiven) und „bösen“ (offensiven) Rüstungen unterscheiden, oder Rüstung gar als notwendiges Übel zur Erhaltung von Frieden betrachten. Bisher haben die großen ESG-Ratingagenturen und Fondsanbieter ihre Kriterien jedoch kaum geändert – Waffen bleiben in ESG-Fonds überwiegend tabu. Traditionelle ESG-Filter bewerten Rüstungsunternehmen nach wie vor negativ und empfehlen sie nicht zur Investition​. Einige Anleger, die Wert auf Nachhaltigkeit legen, könnten daher zwar einen Teil ihres Portfolios mit einem Rüstungs-ETF bestücken (um von dessen Renditechancen zu profitieren), würden diesen aber nicht als „nachhaltig“ im Sinne ihrer Anlagestrategie betrachten.

Ein interessanter Aspekt ist, dass Rüstungs-ETFs oft genau das invertieren, was nachhaltige Fonds tun. Wer streng nachhaltig investiert, verzichtet bewusst auf die Gewinne der Rüstungsbranche – die in den letzten Jahren beträchtlich waren. Rüstungs-ETFs schließen umgekehrt häufig Branchen wie alternative Energien, Elektroautos oder soziale Themen aus und konzentrieren sich eben auf das Militärsegment. In der Portfolio-Praxis schließen sich die beiden Ansätze weitgehend aus. Allerdings könnten Mischformen in Zukunft entstehen, falls sich die Definition von Nachhaltigkeit wandelt. Einige Fachleute halten es für möglich, dass Rüstungsfirmen mittelfristig als „nachhaltiger“ eingestuft werden, zumindest solche, die in demokratischen Staaten verankert sind und zur Verteidigung beitragen​. Noch ist es nicht so weit: Gegenwärtig haben Rüstungs-ETFs kein ESG-Siegel und richten sich eher an Anleger, die den ethischen Zielkonflikt bewusst in Kauf nehmen. Letztlich stehen sich hier zwei Anlagephilosophien gegenüber – Renditeorientierung im Rüstungssektor versus wertebasierte, nachhaltige Geldanlage. Jeder Investor muss entscheiden, welche Prioritäten er setzt.

Steuern und Zugänglichkeit: Was Privatanleger wissen müssen

Für Privatanleger sind Rüstungs-ETFs prinzipiell so zugänglich wie andere Branchen-ETFs auch. Die meisten der in Europa angebotenen Fonds sind UCITS-konform und an Börsen wie der Deutschen Börse (Xetra) gelistet, was den Kauf und Verkauf einfach macht. Viele Broker und Direktbanken bieten Rüstungs-ETFs in ihrer Produktpalette an – teils auch im Rahmen von ETF-Sparplänen, sodass man mit kleinen monatlichen Beträgen investieren kann. In der Praxis sollte man jedoch prüfen, ob der gewünschte ETF bei der eigenen Bank verfügbar ist: Manche amerikanische ETFs (wie der eingangs erwähnte iShares U.S. Aerospace & Defense) verfügen nicht über das in der EU vorgeschriebene Basisinformationsblatt und sind deshalb nicht bei jedem Broker handelbar​. Europäische Alternativen wie der VanEck Defense ETF oder der iShares Global Aerospace & Defence UCITS ETF hingegen sind breit zugänglich und oft sparplanfähig.

Steuerlich werden Rüstungs-ETFs in Deutschland genauso behandelt wie andere Aktienfonds. Das bedeutet, Kursgewinne und Dividenden unterliegen der Abgeltungsteuer von 25 % (zzgl. Solidaritätszuschlag und ggf. Kirchensteuer). Da es sich um Aktien-ETFs handelt, greift die sogenannte Teilfreistellung: 30 % der Erträge bleiben steuerfrei, sodass faktisch etwas weniger als der volle Betrag versteuert wird. Bei ausschüttenden ETFs werden Dividenden sofort besteuert, bei thesaurierenden (wiederanlegenden) ETFs fällt ggf. jährlich eine minimale Vorabpauschale an. Privatanleger sollten wie üblich einen Freistellungsauftrag nutzen, um steuerfreie Sparer-Pauschbeträge zu nutzen. Besondere Quellensteuern auf ausländische Dividenden werden wie bei allen internationalen ETFs auf Fondsebene berücksichtigt – die großen Rüstungs-ETFs sind in Irland domiziliert, was die US-Quellensteuer auf 15 % reduziert und so die Netto-Rendite verbessert (im Vergleich zu Direktanlagen in US-Aktien mit 30 % Quellensteuer). Insgesamt gibt es also aus steuerlicher Sicht keine versteckten Nachteile: Ein Rüstungs-ETF ist steuerlich nicht anders zu behandeln als z.B. ein ETF auf den DAX oder MSCI World.

Ein Wort noch zur Zugänglichkeit: Rüstungs-ETFs sind zwar frei handelbar, doch nicht jeder Anlageberater oder jedes Finanzportal wird aktiv dafür werben – oft aus Reputationsgründen. Einige Banken mit streng nachhaltiger Ausrichtung könnten solche ETFs im Beratungsdepot sogar ausschließen. Wer eigenständig online handelt, kann diese Produkte aber problemlos erwerben, sofern sie in der EU zugelassen sind. Die Mindestanlage entspricht meist dem Preis einer Fondsanteils (oft zwischen 5€ und 100€ je nach ETF und Stückelung), im Sparplan sogar schon ab 25€ monatlich. Wichtig ist, sich der genannten Risiken und Kontroversen bewusst zu sein und Rüstungs-ETFs nur als Beimischung zu betrachten, nicht als Basisinvestment. Dann stehen die Türen offen, um an der Börse in die Verteidigungsindustrie zu investieren – mit allen Chancen und Risiken.

Angebot am Markt: Relevante Rüstungs-ETFs im Überblick

Obwohl Rüstungs-ETFs ein junges Phänomen sind, gibt es mittlerweile mehrere namhafte Produkte verschiedener Anbieter. Hier ein Überblick über einige relevante Beispiele am Markt:

  • VanEck Defense ETF (IE000YYE6WK5) – Der erste Rüstungs-ETF Europas (Auflage März 2023) und mit rund 3 bis 4 Mrd. € Fondsvolumen einer der größten​. Er investiert global in Militärunternehmen und deckt ca. 50 Werte ab. Etwa die Hälfte des Portfolios sind US-Konzerne, ~35 % europäische und der Rest asiatische (insb. aus Südkorea und Israel)​. Kostenquote: 0,55 % p.a.
  • HANetf Future of Defence ETF (IE000OJ5TQP4) – Ein ebenfalls global anlegender ETF (ca. 1–2 Mrd. € Volumen), der jedoch als Besonderheit nur Firmen aus NATO-Staaten oder engen Alliierten berücksichtigt​. Europas Rüstungsunternehmen sind hier stark gewichtet (Rheinmetall ist die größte Position)​. TER: ca. 0,49 % p.a.
  • WisdomTree Europe Defence ETF (IE0002Y8CX98) – Neuartiger ETF, der ausschließlich europäische Rüstungskonzerne abbildet. Er ermöglicht erstmals ein fokussiertes Investment in die Verteidigungsindustrie Europas​. Mit etwa 0,4 % Gebühren p.a. ist er vergleichsweise günstig. Da dieser Fonds erst Ende 2024 startete, ist das Volumen noch relativ klein (unter 1 Mrd. €), doch das Interesse wächst.
  • iShares U.S. Aerospace & Defense ETF (US4642887602) – Ein etablierter US-ETF von BlackRock mit Fokus auf amerikanische Rüstungstitel (u.a. Lockheed Martin, Northrop Grumman, Raytheon). Er ist mit rund 6 Mrd. € Fondsgröße sehr groß​, allerdings – wie erwähnt – für EU-Anleger nur eingeschränkt handelbar. Die Jahresgebühr beträgt ca. 0,40 %. BlackRock bietet inzwischen auch einen iShares Global Aerospace & Defence UCITS ETF (IE000U9ODG19) für den europäischen Markt an​, mit weltweitem Ansatz und niedrigeren Kosten (TER 0,35 % p.a.).
  • Global X Defense Tech ETF (IE000JCW3DZ3) – Ein spezialisierter ETF (Volumen ~0,4 Mrd. €) mit Fokus auf moderne Militärtechnologie, z.B. Cybersecurity, unbemannte Systeme und KI im Verteidigungsbereich​. Er investiert überwiegend in US- und europäische Tech-Rüstungsfirmen. TER: 0,50 % p.a.
  • Weitere – Zusätzlich existieren kleinere Angebote wie der Invesco Defence Innovation ETF (Thema: Drohnen, Robotik; sehr geringes Volumen)​ oder der First Trust Indxx Aerospace & Defense ETF (global ausgerichtet, seit Ende 2024 auf dem Markt)​. Diese spielen bislang eine untergeordnete Rolle, zeigen aber, dass der Markt in Bewegung ist.

Allen Produkten gemein ist, dass sie hoch spezialisiert sind. Die Top-Holdings überschneiden sich oft – so gehören etwa Lockheed Martin (USA) oder Rheinmetall (Deutschland) in vielen ETFs zu den größten Positionen. Unterschiede finden sich in der regionalen Ausrichtung, den Index-Kriterien (z.B. Ausschluss kontroverser Waffen) und den laufenden Kosten. Daher sollten interessierte Anleger die Fondsdetails vergleichen, bevor sie investieren​. Generell gilt: Rüstungs-ETFs ermöglichen eine einfache Anlagemöglichkeit für alle, die vom Wachstum und der Stabilität der Verteidigungsindustrie profitieren möchten​– allerdings zum Preis des bereits erwähnten moralischen Konflikts.