
Münster. Drei Jahre nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 wird auch in Münster intensiv über Antisemitismus diskutiert. Eine jüdische Studentin hat die Stadt nach eigenen Angaben wegen anhaltender Anfeindungen verlassen, der angekündigte Austritt eines Ratsherrn aus der Linken sorgt für politische Diskussionen. Gleichzeitig gedachten Stadt, Bezirksregierung und Hochschulen zum dritten Jahrestag der Opfer und bekannten sich zum Schutz jüdischen Lebens. Doch wie sieht der Alltag jüdischer Menschen in Münster aus, und was hat sich seit dem 7. Oktober verändert?
MS Aktuell hat dazu mit der jüdischen Gemeinde Münster, der Jüdischen Hochschulgruppe und Oberbürgermeister Tilman Fuchs gesprochen. Für die Recherche hat die Redaktion außerdem Einschätzungen der Antisemitismusbeauftragten von Stadt und Universität sowie Zahlen von Polizei und RIAS NRW eingeholt. Die Gespräche zeichnen ein differenziertes Bild: Jüdische Menschen erleben Unterstützung und Zusammenhalt, müssen sich gleichzeitig aber mit Vorurteilen, Anfeindungen und Fragen ihrer eigenen Sicherheit auseinandersetzen.
Besonders eindrücklich schildert Hanna Rybak aus dem Vorstand der jüdischen Gemeinde die Sorgen vieler Familien. Einige waren einst vor Antisemitismus nach Deutschland geflohen. Heute müssen sie erleben, dass auch ihre Kinder mit Judenhass konfrontiert werden.
Für jüdische Menschen weltweit war der Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 ein Schock. Auch für die jüdische Gemeinde in Münster bedeutete er eine tiefe Zäsur. „Ich weiß noch, wie wir vor drei Jahren alle schockiert und verunsichert waren. Und ich muss sagen, daran hat sich auch nichts verändert“, erzählt Hanna Rybak, Vorstandsmitglied der Gemeinde. Viele Mitglieder haben Familie, Freunde oder Bekannte in Israel. Das Geschehen habe sie deshalb unmittelbar getroffen. Zum Entsetzen über den Angriff sei die Erfahrung gekommen, dass bereits kurz darauf Relativierungen und Schuldzuweisungen gegen Juden und Israel laut wurden.
Dass die Verunsicherung auch in Münster spürbar ist, zeigen nicht nur die Zahlen der Polizei. Rybak berichtet von Anfeindungen im Alltag, abwertenden Bemerkungen und Sorgen innerhalb der Gemeinde. „Wir reden von Anfeindungen bis hin zu regelrechten Drohungen“, sagt sie. Betroffen seien auch Kinder und Jugendliche. Ihre eigene Tochter habe erste antisemitische Erfahrungen bereits in der Kita gemacht, lange vor dem 7. Oktober 2023.
Besonders bitter ist diese Entwicklung angesichts der Geschichte vieler Gemeindemitglieder. Mehr als 90 Prozent der knapp 500 Mitglieder stammen nach Rybaks Angaben ursprünglich aus der ehemaligen Sowjetunion. Viele von ihnen kamen nach Deutschland, um dem dort erlebten Judenhass zu entkommen. Mit dem Neuanfang verband sich die Hoffnung, dass ihre Kinder und Enkel solche Erfahrungen nicht mehr machen müssten. „Und wir dachten zumindest, das wird uns und unseren Kindern und Kindeskindern nicht mehr passieren“, erinnert sich Rybak. Ihre Ernüchterung fasst sie knapp zusammen: „Ja, von wegen.“
Wie tief die Verunsicherung inzwischen in den Alltag hineinreicht, verdeutlicht Rybak an einem einfachen Beispiel: Eltern müssten ihren Kindern erklären, dass sie ein bekanntes jüdisches Lied nicht überall unbedacht laut singen sollten, etwa im Bus. Dahinter stehe die Sorge, wer zuhört und welche Reaktionen folgen könnten.
Wie sich Antisemitismus in Münster entwickelt hat, zeigen auch die Zahlen von Polizei und RIAS NRW. Die Polizei registrierte 2022 drei antisemitisch motivierte Straftaten, 2023 waren es vier, 2024 bereits 14 und 2025 insgesamt 16. Meist handelte es sich um Volksverhetzung, Sachbeschädigung oder das Verwenden verfassungswidriger Kennzeichen. Polizeipräsidentin Alexandra Dorndorf erklärt: „Auch in Münster verzeichnen wir in den letzten Jahren einen steigenden Trend. Dabei sprechen wir allerdings über gemeldete Straftaten im niedrigen zweistelligen Bereich. Dennoch gilt: Jede Straftat ist eine zu viel.“
Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus NRW (RIAS NRW) erfasste 2025 im Regierungsbezirk Münster 89 antisemitische Vorfälle, nach 91 im Vorjahr. Landesweit stieg die Zahl von 940 auf 1.102. Anders als die Polizeizahlen für das Stadtgebiet umfasst die RIAS-Erfassung den gesamten Regierungsbezirk und auch Vorfälle unterhalb der Strafbarkeitsgrenze. Der städtische Antisemitismusbeauftragte Stefan Querl ruft dazu auf, auch solche Vorfälle zu melden. Was bei den Behörden ankomme, sei „oft nur die Spitze des Eisbergs“.
Doch jüdisches Leben in Münster besteht aus weit mehr als der Erfahrung von Antisemitismus. Die knapp 500 Mitglieder feiern regelmäßig Gottesdienste und jüdische Feiertage. Hinzu kommen Religionsunterricht, Konzerte, Lesungen und Veranstaltungen. Auch Führungen durch die Synagoge werden angeboten, etwa für Schulklassen, Vereine und politische Gruppen. Rybak, die selbst Besucher durch die Gemeinde führt, berichtet von großem Interesse, aber auch davon, dass viele Menschen zuvor kaum Berührung mit jüdischem Leben hatten. Gleichzeitig kämpft die Gemeinde mit Nachwuchsmangel. Für einen eigenen jüdischen Kindergarten gibt es nicht genügend Kinder, jüdischer Religionsunterricht wird jedoch bis zum Abitur angeboten.
Wie offen jüdische Menschen ihren Glauben im Alltag zeigen, ist allerdings auch eine Frage der Sicherheit. Manche entscheiden sich bewusst dafür, ihre Identität nicht öffentlich zu machen. „Es ist immer eine persönliche Entscheidung, ob man das tut oder nicht tut“, erklärt Rybak. Sie selbst möchte ihre jüdische Identität nicht verbergen, fragt sich aber durchaus, ob sie sich und ihre Familie durch ihre öffentliche Sichtbarkeit zu sehr gefährdet. Schließlich lasse sich jüdisches Leben mit seinen Feiertagen, Traditionen und religiösen Vorschriften nicht einfach verstecken.
Wie eng jüdisches Leben und die Sorge um Sicherheit miteinander verbunden sind, zeigt auch die Geschichte der Synagoge an der Klosterstraße. Während der Novemberpogrome 1938 wurde das damalige Gotteshaus zerstört. 1961 eröffnete die Gemeinde an derselben Stelle eine neue Synagoge. Heute finden dort wieder Gottesdienste und Begegnungen statt, allerdings unter Polizeischutz. „Wir sind der Polizei unheimlich dankbar und verbunden“, sagt Rybak. Gleichzeitig empfindet sie es als erschreckend, dass dieser Schutz überhaupt notwendig ist.
Auf die Frage nach der politischen Zuordnung der erfassten Straftaten nennt die Polizei Münster vor allem den Bereich der politisch motivierten Kriminalität von rechts. Danach folgten ausländische und religiöse Ideologien. Die politisch motivierte Kriminalität von links bilde die Ausnahme.
Querl, der auch die Villa ten Hompel leitet, nennt insbesondere israelbezogenen und völkisch-rechtsextremen Antisemitismus. Im Videointerview warnt er, dass „mittlerweile die antisemitische Aggression das Argument verdrängt“. Polemik erschwere sachliche Auseinandersetzungen. Gerade durch die Eskalation im Nahostkonflikt habe sich die Diskussionskultur massiv verändert.
Auch Rybak beschreibt Antisemitismus als ein Problem, das nach ihrer Wahrnehmung in unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus anzutreffen sei. Sie nennt rechte und linke politische Zusammenhänge ebenso wie Menschen mit und ohne Einwanderungsgeschichte. Für sie ist das Problem nicht auf eine einzelne Gruppe beschränkt.
Auch an den Hochschulen in Münster ist die Verunsicherung spürbar. Nicole Novikov, Vorsitzende der Jüdischen Hochschulgruppe Münster, berichtet im Gespräch mit MS Aktuell, dass viele jüdische Studierende ihre Identität bewusst nicht mehr öffentlich zeigen. Nach ihrer Beobachtung seien „die meisten Studierenden einfach gar nicht mehr öffentlich jüdisch“ oder erzählten nur ausgewählten Menschen davon. Seit dem 7. Oktober 2023 überlegten Betroffene noch genauer, wem sie sich anvertrauen. Zugleich betont Novikov, dass es durchaus Unterstützung durch studentische Initiativen und den Antisemitismusbeauftragten der Universität gebe.
Wie weit die Belastung reichen kann, zeigt der Fall von Evelyn Deller. Wie die Westfälischen Nachrichten Ende September berichteten, hat die jüdische Studentin Münster sowie Universität und Kunstakademie verlassen. Sie begründete den Schritt mit antisemitischen Anfeindungen und einem für sie unerträglichen Klima. Zudem kritisierte sie mangelnde Unterstützung durch die Universität. Diese wies die Vorwürfe zurück und verwies auf konkrete Hilfsangebote.
Auch Ludger Hiepel, Antisemitismusbeauftragter der Universität Münster, berichtet von einer anhaltenden Verunsicherung. „Aus meiner Sicht hat sich die Lage seit Anfang 2025 nicht grundlegend entspannt, auch wenn es weniger von RIAS dokumentierte Vorfälle als 2024 gibt“, erklärt er. Die im Mai vorgestellte Hochschulauswertung dokumentierte für 2025 landesweit 85 antisemitische Vorfälle, nach 79 im Vorjahr. Im Regierungsbezirk Münster sank die Zahl dagegen von 15 auf zehn.
So deutlich Rybak über Anfeindungen spricht, so ausdrücklich widerspricht sie der Vorstellung, die jüdische Gemeinde erfahre aus der Stadtgesellschaft nur leere Worte. Nach dem 7. Oktober 2023 habe es zahlreiche Solidaritätsbekundungen gegeben. Der Kontakt zu Parteien, Organisationen und Menschen aus Münster sei eng, der Austausch beständig. Auch persönliche Nachrichten und spontane Gesten der Unterstützung hätten ihr viel bedeutet. „Wir fühlen uns definitiv unterstützt“, sagt Rybak. Diese Solidarität wolle sie keineswegs als bloße Lippenbekenntnisse abwerten.
Ihre offene Frage ist eine andere: Wie weit reicht dieser Rückhalt angesichts von Ressentiments, die sie in sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Zusammenhängen wahrnimmt? Rybak beschreibt nicht eine Stadt, die sich geschlossen von jüdischen Menschen abwendet. Sie berichtet von Menschen und Institutionen, die sich einsetzen, und gleichzeitig von den Grenzen dessen, was sich gegen Vorurteile und ein zunehmend belastendes gesellschaftliches Klima ausrichten lässt.
Querl sieht auch im Austausch zwischen Islam, Judentum und Christentum einen wichtigen Ansatz. Als Beispiel nennt er die Gründung der Islamisch-Theologischen Fakultät an der Universität Münster. Diese reiche auch dem Judentum und dem Christentum die Hand. Für ihn sei das „ein Schritt nach vorne“. Er schätzt an Münster, dass „die Fronten eher ab- als ausgebaut werden“. Diesen Austausch gelte es trotz der angespannten weltpolitischen Lage zu erhalten.
Oberbürgermeister Tilman Fuchs setzt im Kampf gegen Antisemitismus auf die Zusammenarbeit von Stadt, Polizei, Religionsgemeinschaften und Bildungseinrichtungen. „Das jüdische Leben gehört zu Münster, zu Münsters Stadtgesellschaft“, betont er im Gespräch mit MS Aktuell. Eine wichtige Rolle spiele dabei die Bildungsarbeit, etwa durch die Villa ten Hompel. Auch die Polizei setzt neben der Strafverfolgung auf Präventionsangebote, den Austausch mit der jüdischen Gemeinde und Veranstaltungen an Schulen und Hochschulen.
Hanna Rybak plädiert beim Umgang mit dem Nahostkonflikt für Zurückhaltung mit Urteilen. Wer die komplexen Hintergründe nicht ausreichend kenne und selbst nicht unmittelbar betroffen sei, solle aus ihrer Sicht lieber darauf verzichten, sich ein Urteil zu bilden und dieses zu äußern. Sie schätze es, wenn Menschen die Grenzen ihres Wissens anerkennen und ehrlich sagen: „Ich habe mich zu wenig damit befasst. Ich weiß einfach schlicht zu wenig darüber, um darüber entscheiden zu können.“
Wo Antisemitismus auftritt, sei dagegen entschiedener Widerspruch gefragt. Fuchs appelliert, auch im Freundeskreis aufmerksam zu sein und antisemitische Äußerungen anzusprechen. Stefan Querl, Antisemitismusbeauftragter der Stadt, erinnert an den Grundsatz: „Hinsehen, Handeln, Hilfe holen.“ Auch Ludger Hiepel von der Universität betont: „Denn für die Betroffenen ist es doppelt schlimm, wenn niemand Einspruch erhebt, sondern schweigt.“ Drei Jahre nach dem 7. Oktober bleibt damit die Herausforderung, dass jüdische Menschen in Münster nicht nur Solidarität erfahren, sondern ihre Religion und Identität auch ohne Angst im Alltag leben können.
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