
Münster. Mit ihren Kindern und ein paar in Eile gepackten Sachen sitzt sie im Zug in eine andere Stadt. Das Handy musste zurückbleiben. Hat der Zug Verspätung, kann sie niemandem Bescheid geben. Am Zielbahnhof wartet eine Mitarbeiterin des Frauenhauses, ob die Frau tatsächlich im Zug sitzt, weiß in diesem Moment niemand. „Es gibt eine Sicherheitslücke zwischen dem Wegkommen von zu Hause und dem Ankommen im Frauenhaus“, sagt Ines Gutschmidt von der Frauenhausberatungsstelle in Münster.
Mehr als 1.000 Delikte gegen Frauen im sozialen Nahraum registrierte die Polizei Münster im Jahr 2025, die häusliche Gewalt erreichte einen neuen Höchststand. Zugleich hakt es beim Personal, der Finanzierung und der Koordination.
Seit 2018 verpflichtet die Istanbul-Konvention Deutschland dazu, Frauen vor Gewalt zu schützen. Münster hat seit 2025 einen eigenen Aktionsplan mit 85 Maßnahmen. Münster Aktuell hat mit Polizei, Stadt, Beratungsstellen und Täterarbeit gesprochen und Ratsunterlagen sowie den Aktionsplan ausgewertet. Die Stadt kommt voran, verweist gleichzeitig auf die größte Schutzlücke, die nicht nur für die Stadt Münster gilt. Gerade die Frauen, die Hilfe am dringendsten brauchen, erreicht das System am schlechtesten. Frauen mit Behinderung, Frauen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus, Frauen ohne Chance auf dem Wohnungsmarkt.
„Häusliche Gewalt bleibt ein gesellschaftlich drängendes Problem“, sagt Polizeipräsidentin Alexandra Dorndorf. „Auch hier in Münster gibt es keinen Grund zur Entwarnung.“ 930 Fälle häuslicher Gewalt hat ihre Behörde 2025 registriert, so viele wie nie zuvor und mehr als zwei pro Tag. 2023 zählte die Polizei 847 Fälle, 2024 waren es 799, dann folgte der Sprung auf den Höchstwert. Die Statistik zählt nach der Definition des Bundeslagebilds Gewalt in Partnerschaften und Familien, unabhängig davon, ob die Beteiligten zusammenwohnen. Und sie bildet nur ab, was angezeigt wird. „Wir gehen von einem sehr kleinen Hellfeld und einem sehr großen Dunkelfeld aus“, sagt Dorndorf. Viele Betroffene schreckten aus Angst und Scham vor einer Anzeige zurück.
Außerdem erfasst die Polizei Delikte gegen Frauen im sozialen Nahraum, verübt von Partnern, Verwandten oder Menschen aus dem Freundeskreis. 2025 zählte sie hier unter anderem 647 Körperverletzungsdelikte, 186 Bedrohungen, 112 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung und 76 Fälle von Stalking.
Dass die Zahlen langfristig steigen, liest die Polizei auch als Zeichen wachsenden Vertrauens. Lange habe Münster auffällig niedrige Anzeigezahlen gehabt. „Frauen wurden ermutigt, Anzeige zu erstatten. Seitdem steigen die Zahlen“, sagt Dorndorf.
Gemessen an der Einwohnerzahl steht Münster bei den Schutzplätzen gar nicht schlecht da, das räumt auch Ines Gutschmidt ein. Nur ist der Maßstab eben nicht mehr der Vergleich mit anderen Städten, sondern die Istanbul-Konvention. Und daran gemessen bleibt der Abstand groß, wie der Aktionsplan selbst dokumentiert. Drei Frauen- und Kinderschutzhäuser gibt es in Münster, mit Betten für insgesamt 19,2 Familien. Die Konvention sieht einen Familienplatz pro 10.000 Einwohner vor, Münster müsste demnach 32 Familienplätze vorhalten. Es fehlen Plätze für knapp 13 Familien oder 33 Betten.
Ähnlich sieht es in der Beratung aus. Den fünf Frauenberatungsstellen fehlen nach den Maßstäben des Bundesverbands der Frauenberatungsstellen 11,5 Stellen, die Wartezeit auf einen regulären Termin beträgt laut Aktionsplan teilweise acht bis zwölf Wochen. Akute Fälle berät die Frauenhausberatungsstelle sofort. Braucht eine Frau einen Dolmetscher, vergehen bis zum Erstgespräch aber meist rund 48 Stunden. Der angespannte Wohnungsmarkt verschärft die Lage zusätzlich, weil Frauen, die das Frauenhaus verlassen könnten, keine bezahlbare Wohnung finden. Die Plätze bleiben belegt.
Bei der Frauenhausberatungsstelle des Vereins Frauenhaus und Beratung e.V. haben im Jahr 2025 insgesamt 271 Frauen Unterstützung gesucht, in 713 Beratungsgesprächen, dazu kamen 31 Begleitungen zum Gericht. Seit 2023 ist die Zahl der beratenen Frauen um gut ein Viertel gestiegen. Ein Grund dafür ist ein Kooperationsvertrag mit der Polizei. Seit Ende 2024 übermittelt sie nach Einsätzen wegen häuslicher Gewalt die Kontaktdaten der Betroffenen an die Beratungsstellen, sofern die Frauen zustimmen. Die Beraterinnen melden sich dann von sich aus. 2023 erreichten die Frauenhausberatungsstelle auf diesem Weg elf Meldungen, 2025 waren es 91.
Trotzdem kommen viele Frauen erst spät oder gar nicht im Hilfesystem an. „Es macht uns sehr betroffen, wenn Frauen zu uns kommen, die sechs Jahre lang nach Hilfe gesucht haben und einfach nicht wussten, dass es uns gibt“, erzählt Gutschmidt. Manche seien von ihren Partnern gezielt isoliert oder mit Drohungen kleingehalten worden, etwa der Ankündigung, sie würden die Kinder verlieren oder abgeschoben.
Und selbst wenn ein Platz gefunden ist, bleibt der Weg dorthin riskant. Aus Sicherheitsgründen kommen Frauen aus Münster meist in Häusern anderer Städte unter. Die Polizei darf sie aus versicherungsrechtlichen Gründen nicht über die Stadtgrenze bringen, also organisiert die Beratungsstelle Fahrkarte und Umstiege selbst. Es ist die Lücke, von der Gutschmidt eingangs erzählt.
Wenn die Stadt selbst eine Lücke benennt, dann diese. Die größte Schutzlücke liege bei den sogenannten vulnerablen Gruppen, schreibt das Amt für Gleichstellung auf Anfrage von Münster Aktuell. Oberbürgermeister Tilman Fuchs wird konkreter. Gefährdet seien vor allem Frauen, die es auf dem Wohnungsmarkt ohnehin schwer haben und deshalb doppelt bedroht sind, durch die Gewalt und durch drohende Wohnungslosigkeit.
Die Praxis bestätigt das. Von den Betten in den drei Frauenhäusern ist bis heute genau ein Zimmer barrierefrei, dort kann eine einzige Familie unterkommen, trotz allem, was der Aktionsplan sich vornimmt. Auch die Frauenhausberatungsstelle selbst ist erst kürzlich aus der vierten in die erste Etage gezogen, eine eigene barrierefreie Toilette hat sie weiterhin nicht.
Dazu kommen finanzielle Hürden. Frauenhäuser finanzieren sich über Tagessätze, die je nach Haus bei 20 Euro und mehr liegen und aus Sozialleistungen oder dem Einkommen der Frauen bezahlt werden. Wer durch dieses Raster fällt, etwa als Studentin ohne Anspruch auf staatliche Leistungen, findet nur schwer einen Platz. Manche Häuser nehmen Frauen dann trotzdem auf, ohne zu wissen, wie sie ihre Kosten decken sollen. „Es kann nicht eine der Fragen sein, wovon die Frau lebt und wie das Haus sie finanziert“, sagt Gutschmidt.
Ihr Team versucht deshalb, den Zugang für Frauen zu öffnen, die das Hilfesystem bisher kaum erreicht. Für gehörlose Frauen gebärdet eine Kollegin, bei Angeboten für trans Frauen steht die Beratungsstelle noch am Anfang. „Es reicht nicht, dass man sagt, wir wollen uns für diese Gruppen stark machen. Man muss die Tür noch ein bisschen weiter aufmachen“, sagt Gutschmidt.
Was in Münster aus Sicht der Praxis am dringendsten fehlt, hat einen Namen im Aktionsplan. Maßnahme Nummer 65, die Konzipierung einer Clearingwohnung. Gemeint ist eine geschützte Unterkunft, in der Frauen mit ihren Kindern zwei bis drei Tage sicher unterkommen, während die Beratungsstelle in Ruhe den besten Weg klärt. Reicht ein Antrag nach dem Gewaltschutzgesetz, oder braucht es einen Frauenhausplatz, und wie weit weg muss er liegen? Dazu kommen Schule und Verein der Kinder.
„Mit der Notwendigkeit einer Clearingstelle oder Schutzwohnung sind wir fast täglich konfrontiert“, sagt Gutschmidt. Es brauche diesen Puffer, „damit die Flucht aus einer Gewaltbeziehung auch wirklich gelingt“.
Den Antrag ihres Vereins auf Mittel für die Konzeptentwicklung hat der Rat für den Doppelhaushalt 2026/27 dennoch abgelehnt. Die Begründung lautete, es gebe grundsätzlich keine Gelder für Konzeptentwicklungen. An dem Konzept weiterarbeiten kann der Verein derzeit nicht, dafür fehlen die Ressourcen. Aufgeben will Gutschmidt das Vorhaben trotzdem nicht, „weil es einfach drängt“.
Wer Gewalt verhindern will, muss auch mit denen arbeiten, die sie ausüben. Bei der Krisen- und Gewaltberatung für Männer und Jungen des Caritasverbands Münster gehen inzwischen fünf bis sechs Anmeldungen pro Woche ein. Es gibt Wartelisten, ein Erstgespräch ermöglicht das Team innerhalb von 14 Tagen. „Rückfallreduzierung ist das Ziel“, sagt Bereichsleiter Jonas Lemli. Die Männer sollen ihr eigenes Verhalten verstehen und Alternativen entwickeln, bevor Konflikte eskalieren.
Besonders kritisch sind Trennungen. „In Trennungssituationen wird alles intensiver erlebt, die Emotionslage steigt“, sagt Lemli. Auch Gutschmidt beschreibt die ersten Wochen nach einer Trennung als gefährlichste Zeit. Die meisten Tötungen von Frauen durch Partner oder Ex-Partner geschehen in dieser Phase. Wie viele solcher Femizide es in Münster gibt, weiß allerdings niemand genau. Sie werden in der Kriminalstatistik nicht gesondert erfasst, ein Punkt, an dem sich auch die Polizeipräsidentin eine bessere Datenlage wünscht.
Den Aktionsplan gab der Rat 2022 auf Antrag von Grünen, SPD und Volt in Auftrag. Über zwei Jahre erarbeiteten ihn Beratungsstellen, Polizei, Justiz und Verwaltung gemeinsam, er reicht von Prävention an Schulen über Fortbildungen bis zum Ausbau der Frauenhausplätze. Seit dem Beschluss ist einiges passiert. Die Stadt hat 2026 eine Koordinierungsstelle Istanbul-Konvention eingerichtet, zunächst mit einer halben Stelle. Ein Beirat aus Betroffenen wird vorbereitet. Die Polizei Münster hat ihre Dienstanweisung zu häuslicher Gewalt nach den Vorgaben der Konvention überarbeitet und im Sommer erstmals zu einer Fallkonferenz geladen, bei der Justiz und Beratungsstellen gemeinsam über besonders gefährdete Frauen und konkrete Schutzkonzepte beraten.
Auf die große Entlastung vom Bund müssen die Träger dagegen warten. Das Gewalthilfegesetz verspricht allen Betroffenen einen Rechtsanspruch auf Schutz und Beratung, in Kraft tritt er erst 2032. Bis dahin bleibt der Gewaltschutz ein Flickwerk aus Landesmitteln, kommunalen Zuschüssen und Spenden.
Gutschmidt setzt neben politischen Beschlüssen auch auf einen gesellschaftlichen Wandel. Obwohl jede dritte Frau im Laufe ihres Lebens Gewalt erlebt, ist das Thema noch immer stark mit Scham verbunden. Bei Veranstaltungen begännen Nachfragen häufig mit dem Hinweis, man erkundige sich für eine andere Person. „Die Scham muss die Seite wechseln“, sagt Gutschmidt. Unter diesem Motto plant ihr Team für das kommende Jahr eine Aktion. Ähnlich formuliert es Oberbürgermeister Fuchs. „Frauen, die Gewalt erleben, sind nicht schuldig. Die Verantwortung liegt immer beim Täter.“
Das bundesweite Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen ist unter 116 016 rund um die Uhr erreichbar, anonym, kostenlos, in 18 Sprachen und in Gebärdensprache. Eine Übersicht der Münsteraner Anlaufstellen gibt es unter gewaltschutz-muenster.de. In akuter Gefahr wähle die 110.
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