ABC-Klassen in NRW: Wie die neue Sprachförderung vor der Einschulung greifen soll

NRW führt ab 2028 verpflichtende ABC-Klassen zur Sprachförderung vor der Einschulung ein. Das Konzept, der Zeitplan und die Folgen für Münster im Überblick.
Foto: Land NRW / Martin Götz

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Wenn Kinder dem Unterricht vom ersten Schultag an kaum folgen können, weil die Sprache fehlt, sind die Chancen auf einen erfolgreichen Bildungsweg von Beginn an eingeschränkt. Genau an diesem Punkt setzt Nordrhein-Westfalen nun an. Mit verpflichtenden ABC-Klassen will das Land massive Sprachdefizite bereits im Jahr vor der Einschulung auffangen. Das Konzept verändert Anmeldefristen, verschiebt Verantwortlichkeiten und stellt Kommunen, Schulen und Familien vor neue organisatorische Aufgaben – auch in Münster.

Das Konzept der ABC-Klassen im Überblick

Das Modell wurde Mitte Januar 2026 von Ministerpräsident Hendrik Wüst und Schulministerin Dorothee Feller vorgestellt. Kern ist eine verpflichtende Sprachförderung im letzten Jahr vor der Einschulung. Kinder mit festgestelltem Förderbedarf sollen regelmäßig an sogenannten ABC-Klassen teilnehmen, in der Regel zweimal wöchentlich für jeweils zwei Stunden. Die Verantwortung liegt bei den Schulen, nicht bei den Kitas.

Frühere Anmeldung als Schlüssel zur Förderung

Damit ausreichend Zeit für die Förderung bleibt, wird die Grundschulanmeldung vorgezogen. Statt im Herbst sollen Eltern ihre Kinder künftig bereits im Frühjahr des Vorjahres anmelden. In diesem Zuge erfolgt auch eine landesweit einheitliche Sprachstandsfeststellung, die für alle Kinder gilt – unabhängig davon, ob sie eine öffentliche Schule oder eine Ersatzschule besuchen sollen.

Starttermin und rechtlicher Rahmen

Die ersten ABC-Klassen sind für das Schuljahr 2028/2029 vorgesehen. Verpflichtend betroffen sind Kinder, die ab dem 1. August 2029 schulpflichtig werden. Parallel dazu müssen schulrechtliche Änderungen den Landtag passieren. Nach der Kabinettsfreigabe ist zunächst eine Verbändeanhörung vorgesehen, eine parlamentarische Befassung wird für den Sommer 2026 erwartet.

Zusatzoption „ABC Plus“ für hohen Förderbedarf

Für Kinder mit besonders großen Sprachdefiziten plant das Land eine erweiterte Variante. Mit „ABC Plus“ soll die Schuleingangsphase auf bis zu drei Jahre verlängert werden können. Die Entscheidung darüber soll bereits vor dem ersten Schuljahr bei den Schulleitungen liegen. Ziel ist es, Überforderung früh zu vermeiden und individuelle Lernwege zu ermöglichen.

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Kritik und offene Fragen aus Politik und Praxis

Die Opposition sieht das Vorhaben kritisch. Die SPD, vertreten durch Fraktionschef Jochen Ott, bemängelt eine zu starke Fokussierung auf Sprache und warnt vor isolierten Förderstrukturen außerhalb des vertrauten Kita-Umfelds. Auch aus den Gewerkschaften kommen mahnende Stimmen. Der Verband Bildung und Erziehung NRW weist darauf hin, dass bereits heute Lehrkräfte und sozialpädagogische Fachkräfte fehlen. Ohne zusätzliche, tatsächlich besetzte Stellen sei die Umsetzung kaum realistisch.

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Finanzielle Dimension und Rolle der Kommunen

Nach Schätzungen aus landesweiten Berichten könnten jährlich rund 50.000 Kinder an ABC-Klassen teilnehmen. Dafür wären etwa 1.600 zusätzliche Stellen nötig, die Personalkosten werden auf rund 100 Millionen Euro pro Jahr beziffert. Hinzu kommen Ausgaben für Räume, Lernmittel und Transport. Das Land hat angekündigt, die Kommunen über einen Belastungsausgleich finanziell zu unterstützen.

Was das Modell konkret für Münster bedeutet

Rechnerisch werden in Münster pro Jahrgang rund 2.700 Kinder schulpflichtig. Überträgt man den landesweiten Anteil von etwa einem Drittel mit Sprachdefiziten, könnten künftig 800 bis 900 Kinder pro Jahrgang für ABC-Klassen infrage kommen. Ob diese Quote tatsächlich zutrifft, hängt vom neuen einheitlichen Sprachtest ab.

Für die Stadt als Schulträger stellen sich praktische Fragen. Es braucht geeignete Kursorte in Schulen, Kitas oder anderen Einrichtungen, eine verlässliche Organisation des Transports sowie ausreichend qualifiziertes Personal. Gleichzeitig müssen Familien sich früher mit der Schulwahl und dem Sprachstand ihres Kindes befassen. Für Kitas und Schulen entsteht eine zusätzliche Schnittstelle, die gut abgestimmt werden muss.

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