
Greven. Ab August 2026 gilt ein bundesweiter Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder – zunächst für die erste Klasse, dann schrittweise für alle Jahrgänge. Was für Familien ein echter Fortschritt sein soll, bringt Kommunen wie Greven in Zugzwang. Denn die Nachfrage nach OGS-Plätzen ist bereits jetzt hoch – vor allem an der Martin-Luther-Schule in der Innenstadt. Viele Eltern fürchten, dass ihre Kinder in höheren Klassen künftig keinen Platz mehr bekommen. Und auch landesweit ist klar: Es fehlen nicht nur Räume, sondern auch Personal.
Das Ganztagsförderungsgesetz (GaFöG) sieht ab dem Schuljahr 2026/27 einen stufenweisen Anspruch auf Ganztagsbetreuung vor:
ab 2026/27: für Klasse 1
ab 2027/28: für Klassen 1 und 2
ab 2028/29: für Klassen 1 bis 3
ab 2029/30: für alle Grundschulklassen (1–4)
Der Anspruch umfasst täglich acht Stunden Betreuung an fünf Tagen in der Woche, wobei die Unterrichtszeit mitgerechnet wird. Auch während der Ferien ist eine Betreuung erforderlich – mit einer Schließzeit von bis zu vier Wochen jährlich. Erfüllt werden kann der Anspruch durch Angebote in der Schule (Offener oder Gebundener Ganztag), durch Hort oder durch Kindertageseinrichtungen. Eine reine Übermittagsbetreuung genügt in der Regel nicht, um den gesetzlichen Anspruch vollständig zu erfüllen.
Zur Unterstützung stellt der Bund bis 2029 insgesamt 3,5 Milliarden Euro für den Ausbau der Ganztagsinfrastruktur bereit. Zudem erhalten die Bundesländer ab 2026 dauerhaft höhere Anteile am Umsatzsteueraufkommen, um den laufenden Betrieb zu finanzieren.
Trotz dieser Mittel ist der Platzbedarf enorm: Bereits zum Schuljahr 2026/27 werden bundesweit rund 342.000 zusätzliche Plätze benötigt. Bis zur Vollumsetzung des Rechtsanspruchs im Jahr 2029/30 rechnet das Bundesfamilienministerium mit einem durchschnittlichen Bedarf von 390.000 neuen Plätzen. Besonders betroffen: der westdeutsche Raum – und damit auch NRW und Kommunen wie Greven.
NRW hat früh auf den Ausbau des Offenen Ganztags (OGS) gesetzt: Bereits seit 2003 wird das System stetig erweitert. Im Schuljahr 2023/24 nutzten 52,7 Prozent aller Grundschulkinder in NRW ein Ganztagsangebot. Insgesamt wurden 372.930 Kinder im schulischen Ganztag betreut – überwiegend im offenen Format, das mehr Flexibilität bietet als der gebundene Ganztag.
Rund 95 Prozent der Grundschulen in NRW sind mittlerweile OGS-Standorte. Dennoch reichen die vorhandenen Kapazitäten nicht aus, um den bevorstehenden Rechtsanspruch für alle Altersstufen zu erfüllen.
In Greven gibt es OGS-Angebote an allen fünf Grundschulen. Vier davon – Martin-Luther-Schule, St. Martinischule, Marienschule und Erich-Kästner-Schule – werden vom Verein „Lernen fördern e. V.“ betreut. An der St. Josefschule übernimmt die Evangelische Jugendhilfe die Trägerschaft. Die reguläre Betreuungszeit endet in der Regel um 16 Uhr, zusätzlich bestehen an einigen Schulen verkürzte Übermittagsangebote („LüMi“).
Bereits heute betreut „Lernen fördern“ in Greven über 1.100 Kinder – mit steigender Tendenz. Doch der Platz reicht vielerorts nicht aus, um auch künftig alle Jahrgänge unterzubringen.
Am stärksten unter Druck steht derzeit die Martin-Luther-Grundschule. Dort gibt es aktuell 70 OGS-Plätze und 50 LüMi-Plätze. Doch die vorhandenen Räume sind unzureichend: Die Betreuung findet teils in mobilen Klassenräumen statt, das Mittagessen im benachbarten Martin-Luther-Haus.
Die Stadt Greven plant zwar einen Neubau, um die OGS dauerhaft zu sichern. Doch ein konkreter Standort ist bisher nicht beschlossen – und damit ist unklar, wann sich die Situation tatsächlich verbessert. Eltern, deren Kinder bereits in Klasse 2 oder 3 sind, sorgen sich: Werden ihre Kinder verdrängt, wenn der Rechtsanspruch ab 2026 für neu eingeschulte Erstklässler greift?
Ein Blick auf die anderen Schulen zeigt ein ähnliches Bild – wenn auch mit unterschiedlichen Dimensionen:
Träger: Lernen fördern e. V.
Rund 350 Kinder in 16 Gruppen (OGS)
Zusätzlich: OGS Plus bis 13:20 Uhr
Ferienbetreuung durch „Abenteuerkiste“
Träger: Lernen fördern e. V.
Betreuung bis 16 Uhr, optional kürzer
2019: 258 OGS-Plätze – aktuelle Zahlen nicht veröffentlicht
Gesamtschülerzahl: über 500
Träger: Lernen fördern e. V.
2019: 174 Plätze, schon damals Warteliste
Auch hier: „Abenteuerkiste“ in den Ferien
Träger: Evangelische Jugendhilfe
115 Plätze, aufgeteilt in fünf Gruppen
Bei Überbelegung: Auswahlverfahren in Absprache mit der Stadt
Die Bevölkerungsentwicklung in Greven zeigt eine moderate Wachstumsdynamik – mit klaren Unterschieden zwischen den Stadtteilen:
Innenstadtbereiche & links der Ems: steigende Schülerzahlen bis 2037
Reckenfeld: kurzfristig Anstieg, mittelfristig Seitwärtsbewegung
Bauerschaften: steigender Bedarf bei Kita- und Grundschulkindern
Insgesamt: positive Wanderungsbilanz bei Kindern unter 10 Jahren
Diese Prognosen deuten darauf hin, dass die Nachfrage nach Ganztagsplätzen in den nächsten Jahren nicht abnimmt, sondern punktuell weiter steigt. Die OGS-Angebote müssen daher flexibel und vorausschauend erweitert werden – besonders an stark nachgefragten Standorten wie der Martin-Luther-Schule.
Der kommende Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung ist politisch gewollt und gesetzlich gesichert. Doch die Umsetzung stellt Kommunen wie Greven vor erhebliche Herausforderungen: Räume müssen geschaffen, Personal eingestellt, Abläufe organisiert werden. Fördermittel vom Bund sind vorhanden – doch sie reichen nicht automatisch aus, um alle Probleme zu lösen.