Wie Ulrich Siegmund seinen Wahlkampf über eigene Kanäle führt

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Ulrich Siegmunds Wahlkampf in Sachsen-Anhalt setzt stärker als bei vielen seiner politischen Konkurrenten auf direkte Kommunikation. Videos für soziale Netzwerke, persönliche Auftritte, Bürgerdialoge, Fotos mit Unterstützern und eine flächendeckende Tour durch das Land bilden wesentliche Teile der Kampagne. Anlass für neue Aufmerksamkeit ist eine am Dienstag veröffentlichte WELT Nahbeobachtung, die Siegmunds weitgehend selbst aufgebaute Medienwelt in den Mittelpunkt stellt. Die WELT beschreibt dabei einen Kandidaten, der insbesondere die Bildsprache von TikTok und Instagram nutzt und seine Botschaften ohne die Vermittlung klassischer Redaktionen verbreiten kann. Vollständig meidet Siegmund etablierte Medien allerdings nicht. Erst am Montag veröffentlichte der MDR ein ausführliches Kandidateninterview mit ihm.

Die AfD verbindet Social Media mit flächendeckenden Auftritten

Die Wahlkampagne der AfD Sachsen-Anhalt wurde Anfang Juni unter dem Motto „Alles ist möglich“ vorgestellt. Nach Angaben der Partei sind rund 1,5 Millionen Euro für den Wahlkampf vorgesehen. Hinzu kommen Unterstützung der Bundespartei und nach Darstellung Siegmunds zuvor gebildete Rücklagen. Landesweit plante die AfD knapp 50.000 Plakate. Bereits bei der Vorstellung kündigte Siegmund an, in jedem Landkreis zwei Tage unterwegs sein zu wollen. Neben klassischen Veranstaltungen gehören auch Fahrten mit Simson Mopeds und ein starker Social Media Einsatz zum Konzept. Die Partei hat als eigenes Ziel mehr als 45 Prozent ausgegeben und strebt ausdrücklich eine Alleinregierung an.

Wie diese Mischung aus digitaler Reichweite und persönlichem Kontakt aussieht, war zuletzt bei sogenannten Bürgerdialogen zu beobachten. Bei einem Termin in Wittenberg Anfang August bildeten sich nach einem Bericht der Deutschen Presse Agentur lange Schlangen für Fotos und Autogramme. Auch Familien und Kinder waren unter den Besuchern. Siegmunds eigentlicher Bühnenauftritt blieb vergleichsweise kurz. Politische Kernbotschaften wurden mit persönlicher Ansprache, Small Talk und einer Veranstaltung mit Essen, Getränken und Fanartikeln verbunden. Solche Termine dienen damit nicht nur der Vermittlung politischer Positionen, sondern erzeugen zugleich Bildmaterial, das anschließend wieder auf den eigenen Plattformen verbreitet werden kann.

TikTok und Instagram verschaffen Siegmund große eigene Reichweite

Besonders deutlich ist der Abstand zur Konkurrenz in sozialen Netzwerken. Der Analysedienst Nindo führte Siegmunds Instagram Konto am Dienstag mit rund 482.000 Followern. Zum Vergleich hatte die ZEIT im August 2025 dort noch rund 80.000 Follower angegeben. Innerhalb etwa eines Jahres ist das Publikum auf dieser Plattform damit erheblich gewachsen. Auf YouTube wird Siegmunds eigener Kanal inzwischen in öffentlich auffindbaren Angaben mit rund 138.000 Abonnenten geführt. Für TikTok werden aktuell Reichweiten von knapp 700.000 Followern genannt. Eine gleichwertig aktuelle unabhängige Messung des TikTok Wertes war zunächst nicht verfügbar, weshalb die Zahl nur als Größenordnung gelten kann.

Dass dieser Vorsprung nicht erst im eigentlichen Wahlkampf entstanden ist, zeigt ein Vergleich aus dem vergangenen Jahr. Im August 2025 schrieb die ZEIT bereits von mehr als einer halben Million TikTok Followern für Siegmund. CDU Spitzenkandidat Sven Schulze hatte damals etwa 4.500 Instagram Follower und keinen TikTok Account. Der Magdeburger Politikwissenschaftler Roger Stöcker bezeichnete die Position der AfD deshalb gegenüber der ZEIT als digitale Dominanz und sah die übrigen Landesparteien deutlich im Rückstand. Entscheidend sei nach seiner Einschätzung, dass eine Followerschaft nicht kurzfristig allein durch zusätzliches Personal oder mehr Geld aufgebaut werden könne.

Eigene Kanäle ersetzen klassische Medien aber nicht vollständig

Die These, Siegmund komme im Wahlkampf ohne klassische Medien aus, beschreibt deshalb eher eine Verschiebung als einen vollständigen Rückzug. Noch am 10. August stellte er sich den Fragen des MDR zu Sicherheit, Migration, Staatsausgaben und Fachkräftemangel. Ende Juli debattierte er in Magdeburg öffentlich mit CDU Spitzenkandidat Sven Schulze über Wirtschaft, Bildung, Fachkräfte und Sicherheit. Deutschlandfunk und die Deutsche Presse Agentur berichteten darüber. Auch Interviews mit anderen etablierten Medien gehören weiterhin zu seinem Wahlkampf.

Der Unterschied liegt vor allem in der Verteilung. Ein Interview wird von einer Redaktion geführt, eingeordnet und gegebenenfalls mit Gegenpositionen oder Faktenchecks ergänzt. Auf dem eigenen Instagram, TikTok oder YouTube Kanal entscheidet dagegen das politische Team selbst über Thema, Bildauswahl, Länge, Ausschnitt und Veröffentlichungszeitpunkt. Diese direkte Kommunikation ist nicht auf die AfD beschränkt. Im Fall Siegmunds ist ihr Gewicht wegen seiner ungewöhnlich großen persönlichen Reichweite jedoch besonders hoch. Stöcker verwies bereits 2025 darauf, dass die AfD frühzeitig auf solche Plattformen gesetzt habe, während Wettbewerber stärker auf Interviews mit etablierten Medien konzentriert gewesen seien.

INSA sieht die AfD inzwischen bei 42 Prozent

Parallel zu dieser Kommunikationsstrategie hat sich die AfD in den Umfragen deutlich von der CDU abgesetzt. In der jüngsten INSA Erhebung im Auftrag der „Bild“, für die 1.000 Menschen zwischen dem 31. Juli und dem 6. August befragt wurden, erreicht die AfD 42 Prozent. Die CDU kommt auf 22 Prozent, die Linke auf 13 Prozent, die SPD auf 6 Prozent, das BSW auf 5 Prozent, Grüne und FDP jeweils auf 4 Prozent. Die statistische Fehlertoleranz wird mit bis zu 3,1 Prozentpunkten angegeben. Damit wären Grüne und FDP nach dieser Erhebung derzeit nicht im Landtag vertreten.

Ein zweites Institut zeigt ein sehr ähnliches Kräfteverhältnis. Infratest dimap ermittelte zwischen dem 23. und 28. Juli im Auftrag von MDR, WDR, Mitteldeutscher Zeitung und Volksstimme 41 Prozent für die AfD und 24 Prozent für die CDU. Die Linke lag bei 13 Prozent, die SPD bei 7 Prozent, die Grünen bei 5 Prozent und das BSW bei 4 Prozent. Befragt wurden 1.149 Wahlberechtigte. Die Schwankungsbreite lag je nach Parteistärke ungefähr zwischen zwei und drei Prozentpunkten. Die beiden jüngsten Erhebungen unterscheiden sich damit vor allem bei den kleineren Parteien, deren Abschneiden für die spätere Mehrheitsbildung entscheidend werden könnte.

Wahl am 6. September macht die Fünf Prozent Hürde entscheidend

Die Landtagswahl findet am Sonntag, 6. September 2026, statt. Das bestätigt der Landtag von Sachsen-Anhalt. Ob die AfD trotz eines Stimmenanteils von etwas mehr als 40 Prozent eine absolute Mehrheit der Mandate erreichen könnte, hängt wesentlich davon ab, wie viele Stimmen auf Parteien entfallen, die an der Fünf Prozent Hürde scheitern. Deshalb lassen sich aus den aktuellen Prozentwerten noch keine sicheren Mehrheitsverhältnisse ableiten.

Nach der jüngsten INSA Erhebung wären AfD, CDU, Linke, SPD und BSW im Parlament. Rechnerisch hätten CDU, Linke, SPD und BSW zusammen eine Mehrheit der gültigen Stimmen, die auf Landtagsparteien entfallen. Politisch ist eine solche Viererkonstellation derzeit jedoch nicht vereinbart. Die CDU schließt auf Grundlage ihres Unvereinbarkeitsbeschlusses eine Zusammenarbeit sowohl mit der AfD als auch mit der Linken aus. Die AfD wiederum wirbt nicht um eine Koalition, sondern um eine Alleinregierung. Siegmund lehnte am Dienstag auch den Vorschlag des BSW für wechselnde Mehrheiten ab.

Eine Besonderheit der Landesverfassung erhöht die Bedeutung möglicher Enthaltungen. Für die Wahl des Ministerpräsidenten ist zunächst die Mehrheit aller Abgeordneten erforderlich. Wird sie nicht erreicht, genügt im dritten Wahlgang die Mehrheit der abgegebenen Stimmen. Der Landtag beschreibt diese Regel ausdrücklich so. Deshalb könnte die Haltung einer kleineren Fraktion wie des BSW entscheidend werden, selbst wenn sie keinen Kandidaten aktiv unterstützt. Das ist allerdings ein mögliches Szenario auf Basis heutiger Umfragen und keine Prognose für die tatsächliche Zusammensetzung des nächsten Landtags.

CDU, SPD, Linke und Grüne setzen unterschiedliche Gegenakzente

Die Konkurrenz reagiert auf die starke AfD nicht mit einer gemeinsamen Wahlkampfstrategie. CDU Spitzenkandidat und Ministerpräsident Sven Schulze erklärte nach dem Sachsen Anhalt Trend von Infratest dimap Ende Juli, das Ergebnis sei für ihn Ansporn, den Wahlkampf zu intensivieren. Er versucht die Abstimmung als Entscheidung über die konkrete Landesregierung und nicht als Protest gegen die Bundespolitik zu rahmen. Gegenüber Siegmund wirft Schulze der AfD zugleich vor, für die kommenden fünf Jahre kein tragfähiges Regierungskonzept vorzulegen.

Linken Spitzenkandidatin Eva von Angern wertete die 13 Prozent von Infratest dimap als Rückenwind. Sie hat zugleich erklärt, ihre Partei sei bereit, einen Beitrag dazu zu leisten, eine AfD Regierung zu verhindern. SPD Spitzenkandidat Armin Willingmann sprach bei damals sieben Prozent von einer stabilen Ausgangsbasis mit weiterem Potenzial. Grünen Spitzenkandidatin Susan Sziborra Seidlitz stellte die Fünf Prozent Hürde in den Mittelpunkt und argumentierte, der Wiedereinzug ihrer Partei könne eine AfD Mehrheit verhindern. In der jüngsten INSA Erhebung sind SPD und Grüne jeweils noch einen Punkt schwächer als bei Infratest dimap.

Inzwischen wird auch auf Bundesebene über die möglichen Mehrheiten gesprochen. Der frühere Thüringer Ministerpräsident Bodo Ramelow von der Linken fordert CDU und Linke zu einer Verständigung auf, um eine AfD geführte Regierung zu verhindern. Grünen Bundesvorsitzender Felix Banaszak unterstützt die Idee eines breiten Zusammenschlusses demokratischer Parteien und appelliert an die CDU, ihre Abgrenzung zur Linken zu überdenken. Die CDU hält bislang an ihrem Ausschluss einer Zusammenarbeit sowohl mit AfD als auch mit Linken fest.

Politikwissenschaftler sehen Personalisierung und digitale Vorteile

Der Chemnitzer Politikwissenschaftler Benjamin Höhne bewertet Siegmunds aktuelle Auftritte kritisch. Nach dem Bürgerdialog in Wittenberg sprach er gegenüber der Deutschen Presse Agentur von einem inhaltlich wenig konkreten Wahlkampf in der heißen Phase. Nach seiner Analyse halte die AfD ihre Aussagen bewusst allgemeiner, um möglichst unterschiedliche Wählergruppen anzusprechen und potenzielle Unterstützer nicht durch zusätzliche programmatische Festlegungen abzuschrecken. Diese Bewertung stammt von Höhne und ist keine Feststellung über die Motive der Kampagne.

Roger Stöcker von der Universität Magdeburg hatte bereits 2025 auf einen strukturellen Vorteil der AfD im digitalen Wettbewerb hingewiesen. Nach seiner Einschätzung hatte die Partei in Sachsen-Anhalt früh einen großen Vorsprung aufgebaut. Zugleich relativierte er die Bedeutung sozialer Medien: Wegen der Altersstruktur des Landes seien digitale Plattformen nicht der gesamte Wahlkampf. Ihre Bedeutung nehme allerdings in allen Altersgruppen zu, während klassische Zeitungsreichweiten zurückgingen und Inhalte zusätzlich über Messenger weiterverbreitet würden.

Was die Strategie für die politische Öffentlichkeit verändert

Siegmunds Kampagne zeigt damit einen Wandel, der weit über Sachsen-Anhalt hinausreicht. Politische Akteure mit großen eigenen Accounts sind weniger darauf angewiesen, dass eine Pressekonferenz, ein Interview oder eine Rede von einem klassischen Medium aufgegriffen wird. Sie können ihr Publikum unmittelbar erreichen und dieselben Inhalte über mehrere Plattformen mehrfach verbreiten. Der einzelne Beitrag wird dabei nicht automatisch durch Gegenfragen, konkurrierende Positionen oder eine redaktionelle Prüfung ergänzt. Diese Beschreibung folgt der von Stöcker hervorgehobenen Verschiebung politischer Kommunikation und der aktuellen WELT Analyse zu Siegmunds Wahlkampf.

Umgekehrt beweist eine hohe Followerzahl weder Zustimmung in der Gesamtbevölkerung noch einen ursächlichen Zusammenhang mit einem Umfragewert. Die jüngsten 41 beziehungsweise 42 Prozent für die AfD stammen aus repräsentativ angelegten Wahlumfragen, nicht aus Social Media Statistiken. Zudem zeigt Siegmunds Teilnahme an MDR Interviews, öffentlichen Debatten und anderen Medienformaten, dass beide Kommunikationswelten parallel bestehen. Neu ist vor allem das Kräfteverhältnis: Ein Landespolitiker kann heute selbst ein Publikum von mehreren Hunderttausend Accounts erreichen und damit einen erheblichen Teil seines Wahlkampfs unter eigener redaktioneller Kontrolle führen. Wie stark sich dies am 6. September in tatsächliche Stimmen übersetzt, ist durch die vorhandenen Daten nicht feststellbar.

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