
Für die insolvente Accell Group mit bekannten Fahrradmarken wie Batavus, Sparta, Koga, Raleigh, Lapierre, Haibike und Ghost gibt es zahlreiche Kaufinteressenten. Rund 60 unverbindliche Angebote sind im Verkaufsprozess eingegangen. Sie beziehen sich nicht ausschließlich auf den gesamten Fahrradkonzern. Interessenten haben auch für einzelne Marken oder Kombinationen aus Marken und Geschäftsteilen geboten. Eine Entscheidung über Käufer war bis Freitag, 2. Oktober 2026, nicht bekanntgegeben worden. Die Accell Group Insolvenz entwickelt sich damit zunehmend zu mehreren parallel laufenden Verkaufs- und Sanierungsverfahren.
Aus dem ersten Bericht der niederländischen Insolvenzverwalter vom 22. September geht hervor, dass zuvor mehr als 300 mögliche Interessenten angesprochen worden waren. 103 Parteien erhielten demnach Zugang zu näheren Unternehmensinformationen. Daraus gingen rund 60 unverbindliche Angebote hervor. Die Gebote unterscheiden sich erheblich: Während sich Interessenten für einzelne Marken interessieren, umfassen andere Angebote mehrere Marken oder größere Teile des Geschäfts.
Die niederländischen Kerngesellschaften waren im August in die Insolvenz gerutscht. Accell hatte am 5. August zunächst einen Zahlungsaufschub beantragt, nachdem eine Lösung für die gesamte Gruppe nicht zustande gekommen war. Wenige Tage später wurden die zentralen niederländischen Gesellschaften für insolvent erklärt. Für Accell Group Holding wird das Insolvenzverfahren beim Gericht in Amsterdam geführt. Als Insolvenzverwalter sind Thijs Hekman und Erik Schuurs bestellt.
Zuvor hatte es bereits einen konkreten Übernahmeversuch gegeben. Das Bundeskartellamt hatte im Juli den geplanten Erwerb der Accell-Gruppe durch die Dutech-Gruppe aus Singapur freigegeben. Dutech ist unter anderem mit den Fahrradmarken Prophete und Kreidler aktiv. Die geplante Transaktion wurde anschließend jedoch nicht vollzogen.
Während über die Zukunft der Marken verhandelt wird, verkaufen die Insolvenzverwalter Teile des vorhandenen Vermögens. Ende September übernahm der niederländische Händler 12GO Biking den bestehenden Fahrradbestand von Accell Nederland. Betroffen sind insbesondere Räder der Marken Batavus, Sparta und Koga. Der Verkauf der Lagerware ist ausdrücklich von einem möglichen Verkauf der Markenrechte und weiterer Geschäftsaktivitäten getrennt.
Eine offizielle Kaufsumme wurde nicht genannt. 12GO Biking erklärte, dass die Fahrräder nicht ausschließlich über das eigene Endkundengeschäft verkauft werden sollen. Auch andere professionelle Fahrradhändler sollen über ein eigens geschaffenes Portal auf Teile des Bestands zugreifen können. Damit gelangt bereits Ware aus der Insolvenz auf den Markt, obwohl die langfristige Zukunft der betroffenen Marken noch nicht entschieden ist.
Für einen großen Teil der niederländischen Belegschaft hatte die Insolvenz bereits unmittelbare Folgen. Nach Angaben aus dem Verfahren endeten die Arbeitsverhältnisse von mehreren Hundert Beschäftigten. 65 ehemaligen Mitarbeitern wurde vorübergehend ein neuer Vertrag für zwei Monate angeboten, damit unter anderem der Verkauf von Fahrrädern, Ersatzteilen und Zubehör während des Insolvenzverfahrens fortgesetzt werden kann. Nach späteren Angaben nahmen 62 Beschäftigte dieses Angebot an.
Im ersten Insolvenzbericht waren außerdem bereits Forderungen von 434 Gläubigern in einer Gesamthöhe von 38,4 Millionen Euro registriert. Diese Summe entspricht nicht zwingend der endgültigen gesamten Verschuldung, weil Forderungen im weiteren Verlauf des Verfahrens hinzukommen oder geprüft werden können.
Die Lage der deutschen Marken Haibike, Ghost und Winora unterscheidet sich vom niederländischen Insolvenzverfahren. Die Accell Germany GmbH sowie Winora Staiger, Ghost-Bikes und der Teilegroßhändler Engelbert Wiener Bike Parts beantragten Anfang August beim Amtsgericht Schweinfurt Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung. Ziel ist eine eigenständige Sanierung der deutschen Aktivitäten und die Suche nach einer Investorenlösung.
Die Unternehmen beschäftigen an den Standorten Sennfeld und Waldsassen rund 370 Menschen. Der Geschäftsbetrieb sollte nach den Angaben zum Beginn des Verfahrens weitergeführt werden. Löhne und Gehälter wurden zunächst über das Insolvenzgeld abgesichert. Damit bedeutet die Insolvenz der niederländischen Mutter nicht automatisch, dass Haibike, Ghost oder Winora ihre Tätigkeit eingestellt haben.
Auch in anderen Ländern laufen eigenständige Verfahren. Die französische Traditionsmarke Lapierre wurde Ende August vom zuständigen Gericht in Dijon in ein Sanierungsverfahren mit zunächst sechsmonatiger Beobachtungsphase genommen. Das Unternehmen beschäftigte zu diesem Zeitpunkt 106 Mitarbeiter. In Großbritannien befindet sich Accell UK & Ireland, die Gesellschaft hinter dem dortigen Raleigh-Geschäft, seit August in einem Administrationsverfahren.
Für Händler ist vor allem entscheidend, welche Marken und Strukturen von möglichen Investoren übernommen werden. Accell verfügte bislang nicht nur über bekannte Fahrradnamen, sondern auch über Vertriebsstrukturen, Ersatzteilversorgung, IT-Systeme und den Teilebereich XLC. Deshalb können Angebote für einzelne Marken andere Folgen für den Fachhandel haben als die Übernahme größerer Geschäftseinheiten.
Ein flächendeckender Verkaufs- oder Servicestopp für sämtliche Accell-Marken lässt sich aus der Insolvenz nicht ableiten. In Deutschland sollen die betroffenen Gesellschaften weiterarbeiten. In den Niederlanden wird vorhandener Fahrradbestand inzwischen gezielt auch über den Fachhandel verkauft. Einzelne Leasinganbieter haben dagegen ihre Regeln angepasst. Lease a Bike Nederland stoppte beispielsweise nach der Insolvenz zunächst neue Verträge für mehrere Accell-Marken, ließ bereits bestehende Leasingverträge aber weiterlaufen. Wartungs- und Serviceleistungen für diese Verträge können nach Angaben des Unternehmens weiterhin abgerechnet werden.
Wie sich Garantieabwicklung, Ersatzteilversorgung und Händlerverträge langfristig entwickeln, hängt deshalb wesentlich davon ab, welche Geschäftsteile zusammen mit den Marken übernommen werden. Eine Aufteilung des Konzerns auf mehrere Erwerber ist nach dem bisherigen Verlauf möglich, aber nicht entschieden.
Die Accell-Insolvenz steht zugleich für die schwierige Entwicklung der europäischen Fahrradindustrie nach den außergewöhnlich starken Corona-Jahren. Während der Pandemie stieg die Nachfrage erheblich, zugleich erschwerten Lieferengpässe die Produktion. Hersteller und Händler bauten anschließend große Warenbestände auf. Mit der Normalisierung der Nachfrage gerieten Preise und Lagerbestände in der Branche unter Druck.
Accell hatte noch im Februar 2026 eine Finanzierungs- und Entschuldungsvereinbarung angekündigt und im April seine neu ausgerichtete Markenstrategie vorgestellt. Weniger als vier Monate später folgten die Insolvenzverfahren. Zum Portfolio gehörten zuletzt unter anderem Batavus, Sparta, Koga, Haibike, Ghost, Winora, Lapierre, Raleigh, Babboe und Carqon sowie die Teilemarke XLC.
Die rund 60 Angebote zeigen ein erhebliches Interesse an Marken und Vermögenswerten der Gruppe. Sie bedeuten jedoch noch keine abgeschlossene Übernahme. Welche Fahrradmarken gemeinsam weitergeführt werden, welche neue Eigentümer bekommen und wie viele Arbeitsplätze damit dauerhaft erhalten werden können, war am 2. Oktober noch offen.
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