
Die Türkei steht vor einem grundlegenden Schritt in ihrer Energiepolitik. Am Atomkraftwerk Akkuyu an der Mittelmeerküste laufen die Vorbereitungen für die Inbetriebnahme des ersten Reaktorblocks. Die Regierung in Ankara hält an ihrem Ziel fest, noch 2026 erstmals Strom aus dem Kraftwerk zu erzeugen. Gleichzeitig macht das Projekt deutlich, wie eng der geplante Einstieg in die Kernenergie mit Russland verbunden ist.
Das Atomkraftwerk Akkuyu ist das erste Kernkraftwerk der Türkei. Es entsteht in der Provinz Mersin und soll aus vier Blöcken mit jeweils 1.200 Megawatt Leistung bestehen. Die gesamte geplante Kapazität liegt damit bei 4.800 Megawatt. Nach Angaben des türkischen Energieministeriums könnte die Anlage nach vollständiger Inbetriebnahme jährlich rund 35 Terawattstunden Strom erzeugen. Das entspräche ungefähr einem Zehntel des heutigen türkischen Stromverbrauchs.
Beim ersten Block sind die eigentlichen Bauarbeiten nach Angaben des Betreibers abgeschlossen. Seitdem konzentrieren sich die Arbeiten auf Tests und die Vorbereitung des Betriebs. Im Juni wurden zunächst technische Prüfungen mit nicht nuklearem Testmaterial durchgeführt. Anschließend begann die nächste Phase der Inbetriebnahmearbeiten.
Anfang September startete zudem eine geplante Überprüfung durch das Moskauer Zentrum der World Association of Nuclear Operators. Dabei wird unter anderem beurteilt, ob Betriebspersonal und Abläufe auf den künftigen Anlagenbetrieb vorbereitet sind.
Der türkische Energieminister Alparslan Bayraktar hatte bereits im Juni erklärt, dass die Regierung bis Ende 2026 erstmals Strom aus dem ersten Block erzeugen wolle. Auch Rosatom hatte im Sommer eine Inbetriebnahme im weiteren Jahresverlauf angestrebt.
Unklar blieb zunächst, wann genau der erste Block tatsächlich erstmals Strom ins Netz einspeisen und wann der reguläre kommerzielle Betrieb beginnen kann. Frühere Zeitpläne für Akkuyu waren mehrfach verschoben worden. Der ursprünglich vorgesehene Start des ersten Blocks lag deutlich früher.
Akkuyu unterscheidet sich von vielen anderen internationalen Kraftwerksprojekten durch sein Eigentumsmodell. Grundlage ist ein Regierungsabkommen zwischen der Türkei und Russland aus dem Jahr 2010. Das russische Staatsunternehmen Rosatom finanziert und errichtet das Kraftwerk und ist zugleich Eigentümer des Projektunternehmens.
Das Modell wird als Build, Own and Operate bezeichnet. Rosatom übernimmt damit nicht nur den Bau, sondern bleibt auch wirtschaftlich und betrieblich eng mit der Anlage verbunden. Türkische Unternehmen können grundsätzlich Anteile übernehmen. Nach dem bilateralen Abkommen muss die russische Seite jedoch mindestens 51 Prozent halten.
Im Frühjahr 2026 erklärte Rosatom, erneut Gespräche mit türkischen Unternehmen über eine Beteiligung von bis zu 49 Prozent zu führen. Eine entsprechende Transaktion war zunächst nicht abgeschlossen.
Diese Struktur macht Akkuyu für die Türkei zu einem ungewöhnlichen Energieprojekt. Zwar steht das Kraftwerk auf türkischem Staatsgebiet und soll einen erheblichen Teil des dort benötigten Stroms liefern, doch Eigentum, Finanzierung, Technologie und ein großer Teil des betrieblichen Know-hows sind eng an einen russischen Staatskonzern gebunden.
Ankara begründet den Ausbau der Kernenergie vor allem mit Versorgungssicherheit und dem hohen Energiebedarf des Landes. Die türkische Stromnachfrage steigt seit Jahren. 2025 lag der Stromverbrauch nach Angaben des Energieministeriums bei 360,9 Terawattstunden. Für 2030 werden mehr als 455 Terawattstunden erwartet.
Noch stammt ein erheblicher Teil des türkischen Stroms aus fossilen Energieträgern. 2025 kamen 33,6 Prozent der Erzeugung aus Kohle und 23 Prozent aus Erdgas. Gleichzeitig wächst der Anteil von Wind und Solarenergie deutlich.
Akkuyu soll diese Struktur ergänzen. Kernkraftwerke können unabhängig von Wetterbedingungen kontinuierlich Strom erzeugen. Aus Sicht der türkischen Regierung kann die Anlage damit den Bedarf an importiertem Erdgas für die Stromproduktion verringern.
Die politische Frage der Energieabhängigkeit wird dadurch allerdings komplizierter. Russland gehört bereits zu den wichtigsten Energielieferanten der Türkei, insbesondere bei Erdgas und Erdöl. Mit Akkuyu kommt eine langfristige nukleare Zusammenarbeit hinzu.
Der Einstieg in die Kernenergie vermindert deshalb nicht automatisch die strategische Bedeutung Russlands für die türkische Energieversorgung. Statt eines Teils der fossilen Importe entsteht zusätzlich eine langfristige Verbindung über Kraftwerkseigentum, Betrieb und nukleare Dienstleistungen.
Akkuyu soll nach den Plänen Ankaras nicht das einzige Atomkraftwerk des Landes bleiben. Die türkische Regierung führt Gespräche über weitere Großprojekte in Sinop am Schwarzen Meer und in der Region Thrakien.
Dabei bemüht sich Ankara auch um Partner außerhalb Russlands. Für mögliche weitere Anlagen wurden unter anderem Gespräche mit Südkorea und anderen Staaten geführt. Gleichzeitig hat Präsident Recep Tayyip Erdoğan zuletzt eine weitere Zusammenarbeit mit Russland im Nuklearbereich nicht ausgeschlossen.
Langfristig verfolgt die Türkei deutlich größere Ziele. Die Regierung strebt bis zur Mitte des Jahrhunderts eine nukleare Kraftwerksleistung von rund 20.000 Megawatt an. Zusätzlich sollen kleinere Reaktorkonzepte geprüft werden.
Kernenergie ist damit Teil einer Strategie, die mehrere Ziele gleichzeitig verfolgt: wachsenden Strombedarf decken, fossile Energieimporte reduzieren, erneuerbare Energien ergänzen und technologische Kompetenzen im eigenen Land aufbauen.
Die Größenordnung des Projekts ist für das türkische Stromsystem erheblich. Nach vollständiger Fertigstellung aller vier Blöcke soll Akkuyu rund 35 Terawattstunden Strom pro Jahr liefern können. Gemessen am Verbrauch der vergangenen Jahre entspricht das ungefähr zehn Prozent.
Der erste Block allein wird diese Größenordnung noch nicht erreichen. Seine Inbetriebnahme wäre dennoch ein historischer Schritt, weil die Türkei damit erstmals Strom aus einem eigenen Kernkraftwerk erzeugen würde.
Wann dieser Punkt erreicht wird, hängt vom Abschluss der laufenden Prüfungen und den notwendigen Genehmigungsschritten ab. Offiziell bestätigt war zunächst das Ziel, die erste Stromproduktion noch 2026 zu erreichen. Ein konkreter Termin für den Beginn des regulären Betriebs lag nicht vor.
Für die türkische Energiepolitik wird Akkuyu damit zu einem doppelten Symbol. Das Kraftwerk erweitert die heimische Stromproduktion um eine neue Energiequelle. Zugleich vertieft es eine bereits weitreichende energiepolitische Verbindung zu Russland, die Ankara bei seinen Plänen für mehr Versorgungssicherheit langfristig berücksichtigen muss.
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