
Deutschlands Bevölkerung dürfte in den kommenden zwei Jahrzehnten moderat zurückgehen. Hinter dieser bundesweiten Entwicklung verbergen sich jedoch erhebliche regionale Unterschiede. Nach einer neuen Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung und der Wüstenrot Stiftung könnte die Einwohnerzahl bis 2045 auf rund 81,8 Millionen sinken. Das wären etwa 1,7 Millionen Menschen weniger als Ende 2025. Gut zwei Drittel der 400 Landkreise und kreisfreien Städte dürften Einwohner verlieren.
Die am Dienstag veröffentlichte fünfte Ausgabe der Studie „Die demografische Lage der Nation“ untersucht neben der Bevölkerungsentwicklung auch die wirtschaftlichen, sozialen und bildungsbezogenen Voraussetzungen der Regionen. Besonders auffällig ist der Richtungswechsel in zahlreichen Gebieten, die zuletzt noch Einwohner hinzugewonnen hatten. 184 Regionen, deren Bevölkerung zwischen 2014 und 2024 gewachsen war oder weitgehend stagnierte, könnten in den kommenden Jahren schrumpfen.
Wie unterschiedlich die Entwicklung ausfallen könnte, zeigen zwei Extrembeispiele. Für den Landkreis Dahme-Spreewald im Berliner Umland errechnet die Prognose bis 2045 ein Bevölkerungsplus von 17,1 Prozent. Die kreisfreie Stadt Suhl in Thüringen könnte dagegen 30,4 Prozent ihrer Einwohner verlieren. 42 der 50 Regionen mit den stärksten prognostizierten Rückgängen liegen in Ostdeutschland. Gleichzeitig dürften dort Städte wie Leipzig, Dresden und Potsdam weiter wachsen. Auch im Westen ergibt sich kein einheitliches Bild. Die Aussichten verschlechtern sich unter anderem im Saarland, in Südwestfalen, im südlichen Niedersachsen und im Norden Bayerns, während beispielsweise das Allgäu und Südhessen Wachstum erwarten können.
Eine entscheidende Ursache liegt im natürlichen Bevölkerungssaldo. Nach den Berechnungen werden künftig in fast allen 400 Kreisen und kreisfreien Städten mehr Menschen sterben als geboren werden. Regionen können dieses Geburtendefizit deshalb vor allem durch Zuzug aus anderen Teilen Deutschlands oder aus dem Ausland ausgleichen. Metropolen ziehen dabei besonders häufig jüngere Menschen an, während Familien verstärkt in das Umland größerer Städte ziehen. Für viele dünn besiedelte ländliche Regionen reicht selbst ein positiver Wanderungssaldo voraussichtlich nicht aus. Fast acht von zehn dieser Regionen könnten bis 2045 Bevölkerung verlieren.
Damit wird Migration zu einem immer wichtigeren Faktor für die Bevölkerung in Deutschland bis 2045. Gerade dieser Teil einer langfristigen Prognose ist allerdings besonders unsicher. Wanderungsbewegungen hängen unter anderem von Arbeitsmärkten, Wohnkosten, politischen Entscheidungen und internationalen Krisen ab. Die Berechnung berücksichtigt deshalb aktuelle Wanderungsdaten und regionale Muster, geht langfristig aber von sinkenden Nettowanderungsgewinnen Deutschlands aus.
Der demografische Wandel betrifft nicht nur die Gesamtzahl der Einwohner. Besonders relevant für Wirtschaft und Sozialstaat ist die Altersstruktur. Bis 2045 dürfte die Bevölkerung im Erwerbsalter bundesweit um 4,7 Prozent zurückgehen. Besonders stark ist der prognostizierte Rückgang in Thüringen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und dem Saarland. Dort könnte die Zahl der Menschen im Erwerbsalter um etwa zwölf bis 18 Prozent sinken. Auf Ebene der Bundesländer erwarten lediglich Berlin, Hamburg und Bremen noch Zuwächse dieser Altersgruppe.
Parallel dazu dürfte die Zahl der Menschen über 67 Jahre bundesweit um 14,5 Prozent steigen. Dabei verlaufen auch die Alterungsprozesse regional unterschiedlich. In Teilen Ostdeutschlands ist die Entwicklung bereits weiter fortgeschritten. In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen könnte die absolute Zahl der über 67-Jährigen bis 2045 sogar sinken, weil auf die heute bereits ältere Bevölkerung deutlich kleinere Generationen folgen.
Neben der Bevölkerungsprognose bewertet die Untersuchung die Zukunftsfähigkeit der Regionen anhand von 26 Indikatoren. Einbezogen werden sechs demografische, zehn wirtschaftliche, vier bildungsbezogene und sechs soziale Kennzahlen. Demografie und Wirtschaft gehen jeweils zu einem Drittel in die Gesamtwertung ein, Bildung und soziale Bedingungen jeweils zu einem Sechstel. Die verwendeten Daten stammen überwiegend aus amtlichen Statistiken, deren jüngste verfügbare Werte je nach Kennzahl aus den Jahren 2022 bis 2025 stammen.
In diesem Vergleich hat sich insbesondere Bayern an der Spitze festgesetzt. 18 der 20 bestbewerteten Kreise und kreisfreien Städte liegen dort. Bei der vorherigen Untersuchung 2019 waren es zwölf. Gleichzeitig finden sich unter den schwächer bewerteten Regionen keineswegs ausschließlich ländliche Gebiete. Auch Großstädte wie Bremen, Duisburg, Dortmund, Lübeck, Salzgitter und Kaiserslautern gehören zu den 100 Regionen mit den niedrigsten Gesamtbewertungen. Die Studie beschreibt damit kein einfaches Gefälle zwischen Stadt und Land oder zwischen Ost und West.
Für die regionale Bevölkerungsprognose arbeitete das Berlin-Institut mit dem CIMA Institut für Regionalwirtschaft zusammen. Ausgangspunkt ist der Bevölkerungsstand vom 31. Dezember 2024. Die Berechnung schreibt einzelne Altersjahrgänge nach Geschlecht bis 2045 fort und berücksichtigt dabei Fertilität, Sterblichkeit sowie Wanderungen innerhalb Deutschlands und über die Bundesgrenzen. Für die Sterblichkeit werden mehrjährige Durchschnittswerte verwendet, damit kurzfristige Sondereffekte nicht unverändert in die Zukunft übertragen werden.
Die Methode ähnelt damit grundsätzlich den Verfahren amtlicher Bevölkerungsvorausberechnungen. Auch das Statistische Bundesamt arbeitet mit einer Kohorten-Komponenten-Methode und betont, dass solche Berechnungen keine sichere Vorhersage darstellen. Seine aktuelle 16. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung zeigt anhand unterschiedlicher Annahmen zu Geburtenrate, Lebenserwartung und Migration mehrere mögliche Entwicklungspfade. In acht von neun Hauptvarianten sinkt die Bevölkerungszahl Deutschlands langfristig.
Die Entwicklung beschränkt sich nicht auf Deutschland. Nach der aktuellen Bevölkerungsvorausberechnung von Eurostat dürfte die Einwohnerzahl der Europäischen Union zunächst noch leicht von 451,8 Millionen im Jahr 2025 auf rund 453,3 Millionen im Jahr 2029 steigen. Danach erwartet das Basisszenario einen allmählichen Rückgang auf rund 445 Millionen Menschen im Jahr 2050. Zugleich verändert sich die Altersstruktur deutlich, weil der Anteil der älteren Bevölkerung wächst und die Zahl der Menschen im Erwerbsalter langfristig sinkt.
Für Deutschland bedeutet die neue Regionalprognose deshalb vor allem, dass der demografische Wandel sehr unterschiedliche Aufgaben erzeugt. Wachsende Städte und ihr Umland benötigen zusätzlichen Wohnraum, Schulen und Verkehrsinfrastruktur. Schrumpfende Regionen müssen dagegen öffentliche Angebote mit weniger Einwohnern und einer kleineren Erwerbsbevölkerung aufrechterhalten. Der bundesweite Bevölkerungsrückgang fällt bis 2045 vergleichsweise moderat aus. Auf regionaler Ebene kann der Wandel dagegen wesentlich stärker sein.
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