
Ein schwerer Cyberangriff auf die weltweit größte Kryptobörse Binance hat Digitalwährungen im Wert von schätzungsweise 6,3 Milliarden US-Dollar betroffen. Während ein Teil der Vermögenswerte bereits eingefroren werden konnte, müssen Kunden vorerst auf Auszahlungen verzichten. Das Unternehmen verspricht, sämtliche Verluste zu übernehmen. Am Kryptomarkt gerieten Bitcoin und andere Digitalwährungen unter Druck.
Der Hackerangriff auf Binance hat am Donnerstagabend, 29. Oktober 2026, begonnen und sich über mehrere Blockchain-Netzwerke erstreckt. Das Unternehmen bestätigte am Freitag einen schwerwiegenden Sicherheitsvorfall. Nach eigenen Angaben beläuft sich dessen geschätzter Umfang auf rund 6,3 Milliarden US-Dollar.
Die US-amerikanische Blockchain-Analysefirma TRM Labs hat Transaktionen im Umfang von etwa 6,36 Milliarden Dollar untersucht. Nach ihrer Auswertung wurden Kryptowährungen aus Binance-Wallets über zehn verschiedene Blockchain-Netzwerke verschoben. Der größte Teil der Bewegungen habe sich innerhalb von ungefähr 20 Minuten ereignet.
Betroffen waren unter anderem Vermögenswerte auf Ethereum, Bitcoin, Solana und weiteren Netzwerken. Der Angriff erstreckte sich damit nicht nur auf eine einzelne Kryptowährung oder ein einzelnes technisches System.
Die tatsächliche Höhe des endgültigen Schadens steht noch nicht fest. Die bislang genannten Milliardenbeträge beschreiben den Umfang der betroffenen Vermögenswerte beziehungsweise der nachverfolgten Transfers. Ein erheblicher Teil konnte bereits blockiert werden. Wie viele der übrigen Werte dauerhaft verloren sind, war zunächst offen.
Nach ersten Untersuchungen von Binance könnte ein manipuliertes Notebook eines IT-Mitarbeiters den Zugang zu internen Systemen ermöglicht haben. Betroffen gewesen sein soll der Computer eines sogenannten DevOps-Ingenieurs. Diese Fachkräfte arbeiten an der Entwicklung, Bereitstellung und technischen Betreuung von Softwaresystemen.
Über den möglicherweise kompromittierten Rechner könnte ein Angreifer Zugriff auf einen internen Service-Container erhalten haben. Anschließend seien offenbar nicht autorisierte Auszahlungsaufträge ausgelöst worden.
Binance erklärte zunächst, keine Hinweise darauf gefunden zu haben, dass private Schlüssel der Kryptowährungs-Wallets entwendet worden seien. Solche Schlüssel ermöglichen die Verfügung über digitale Vermögenswerte.
Spätere Untersuchungen ergaben nach Angaben des Unternehmens zusätzliche Angriffspunkte. Demnach handelte es sich offenbar um einen mehrstufigen Vorgang. Binance stellte klar, dass der Angriff nicht allein durch eine einzelne Berechtigung eines Mitarbeiters mit einem einzigen Vorgang möglich gewesen sei. Die genaue technische Ursache wird weiter untersucht.
Ein wesentlicher Teil der betroffenen Kryptowährungen konnte bereits blockiert werden. Nach Angaben von Binance wurden gemeinsam mit Blockchain-Partnern Vermögenswerte im Umfang von rund drei Milliarden US-Dollar eingefroren.
Daran waren auch Unternehmen beteiligt, die sogenannte Stablecoins herausgeben. Diese digitalen Währungen sollen ihren Wert möglichst eng an eine herkömmliche Währung wie den US-Dollar koppeln.
Unter anderem wurden Vermögenswerte durch die Stablecoin-Anbieter Tether und Circle gesperrt. Auch weitere Unternehmen und Verantwortliche einzelner Blockchain-Netzwerke beteiligten sich an den Maßnahmen.
Das Einfrieren bedeutet allerdings nicht, dass sämtliche betroffenen Werte bereits an Binance zurückübertragen wurden. Vielmehr sollen die Maßnahmen verhindern, dass die betreffenden digitalen Vermögenswerte weiter verschoben oder genutzt werden können.
Die Blockchain-Analysefirma TRM Labs bezifferte den Umfang nachverfolgbarer Sperrungen zwischenzeitlich auf rund 2,7 Milliarden Dollar. Binance bestätigte anschließend einen höheren Gesamtwert von ungefähr drei Milliarden Dollar. Die Angaben beruhen auf unterschiedlichen Erfassungsständen.
Der Sicherheitsvorfall hat unmittelbare Folgen für die Kunden der Handelsplattform. Binance setzte zunächst Einzahlungen und Auszahlungen aus, um die eigenen Systeme zu überprüfen und weitere unberechtigte Transfers zu verhindern.
In einer späteren Aktualisierung erklärte das Unternehmen, dass Einzahlungen regulär möglich seien. Die Auszahlungen blieben dagegen weiterhin vorübergehend gesperrt.
Binance arbeitet nach eigenen Angaben an zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen für den Auszahlungsdienst und die dafür verwendeten Adressen. Das Unternehmen stellte eine Wiederaufnahme der Auszahlungen innerhalb von etwa 48 Stunden in Aussicht. In einer weiteren Aktualisierung war von ungefähr 45 Stunden die Rede. Ein verbindlicher Zeitpunkt für die vollständige Freigabe wurde zunächst nicht genannt.
Der Handel mit Kryptowährungen war nach Angaben von Binance grundsätzlich weiterhin möglich. Damit unterscheidet sich die vorübergehende Einschränkung bei Auszahlungen von einer vollständigen Schließung der Handelsplattform.
Trotz des erheblichen Umfangs des Sicherheitsvorfalls versichert Binance, dass die Vermögenswerte seiner Nutzer geschützt seien. Das Unternehmen kündigte an, sämtliche durch den Angriff entstandenen Verluste zu übernehmen.
Dafür sollen sowohl eigene Unternehmensmittel als auch der Sicherheitsfonds Secure Asset Fund for Users, kurz SAFU, eingesetzt werden.
Der Fonds wurde eingerichtet, um bei außergewöhnlichen Sicherheitsvorfällen finanzielle Schäden für Kunden abzufedern. Nach Angaben von Binance umfasste er 2026 Vermögenswerte im Umfang von ungefähr einer Milliarde US-Dollar.
Damit liegt die genannte Größe des Sicherheitsfonds deutlich unter dem bislang geschätzten Gesamtumfang des Angriffs. Binance will deshalb zusätzlich auf Unternehmensmittel zurückgreifen.
Wie hoch die tatsächlich erforderlichen Ausgleichszahlungen ausfallen werden, hängt unter anderem davon ab, welche Vermögenswerte dauerhaft verloren bleiben und welche Beträge noch gesichert werden können.
Eine unabhängig bestätigte abschließende Schadensbilanz lag zunächst nicht vor. Binance kündigte außerdem an, nach Abschluss der Sicherheitsmaßnahmen aktualisierte Reservenachweise zu veröffentlichen.
Der Vorfall wirkte sich auch auf den Handel mit Kryptowährungen aus. Nach Bekanntwerden der Sicherheitsprobleme verzeichneten mehrere wichtige Digitalwährungen deutliche Kursrückgänge.
Nach einer Reuters-Meldung vom 30. Oktober 2026, 1.35 Uhr mitteleuropäischer Zeit, fiel Bitcoin im frühen asiatischen Handel zeitweise auf 77.646 US-Dollar. Das entsprach einem Sechswochentief. Ethereum erreichte demnach zwischenzeitlich 2.238,76 US-Dollar und damit den niedrigsten Stand seit rund zwei Monaten.
Besonders deutlich geriet auch BNB unter Druck, ein ursprünglich von Binance eingeführter Token, der unter anderem zur Bezahlung von Handelsgebühren verwendet werden kann. Laut den von Reuters zitierten Daten des Kursdienstes CoinGecko lag BNB zum Berichtszeitpunkt bei 694 US-Dollar. Gegenüber dem vorherigen 24-Stunden-Zeitraum entsprach dies einem Rückgang von mehr als acht Prozent.
Die Kursbewegungen zeigen, dass ein Sicherheitsvorfall bei einer großen Handelsplattform Auswirkungen auf den gesamten Kryptomarkt haben kann. Wie stark einzelne Rückgänge unmittelbar auf den Binance-Angriff zurückzuführen sind, lässt sich allerdings nicht eindeutig bestimmen.
Die US-amerikanische Blockchain-Analysefirma TRM Labs geht davon aus, dass die nordkoreanische Hackergruppe TraderTraitor hinter dem Angriff stecken könnte. Das Unternehmen begründet seine Einschätzung mit technischen Übereinstimmungen zu früheren Angriffen sowie der Auswertung von Blockchain-Transaktionen und weiteren Erkenntnissen.
Eine unabhängige behördliche Bestätigung dieser Zuordnung für den aktuellen Binance-Fall lag zunächst nicht vor. Auch Binance selbst hat bislang keine abschließende Identifizierung der Verantwortlichen veröffentlicht.
Die Gruppe TraderTraitor wird bereits mit anderen großen Angriffen auf Kryptowährungsunternehmen in Verbindung gebracht.
Im Februar 2025 wurden bei einem Hackerangriff auf die Kryptobörse Bybit digitale Vermögenswerte im Umfang von ungefähr 1,5 Milliarden US-Dollar entwendet. Das amerikanische FBI ordnete diesen Angriff ausdrücklich nordkoreanischen Akteuren aus dem Umfeld von TraderTraitor zu.
Sollte sich der von TRM Labs ermittelte Umfang des aktuellen Binance-Angriffs bestätigen, wäre dieser gemessen am Wert der entwendeten Kryptowährungen ungefähr viermal so groß wie der damalige Bybit-Fall. Damit könnte es sich um den bislang umfangreichsten bekannten Diebstahl digitaler Vermögenswerte handeln.
Binance arbeitet nach eigenen Angaben mit Strafverfolgungsbehörden, Blockchain-Analyseunternehmen und weiteren Partnern zusammen. Ziel ist es, die Bewegungen der betroffenen Kryptowährungen nachzuverfolgen, zusätzliche Vermögenswerte zu sperren und die Verantwortlichen zu identifizieren.
Zugleich sollen die internen Systeme überprüft und Sicherheitsvorkehrungen verbessert werden. Binance kündigte einen ausführlichen technischen Abschlussbericht an, sobald die Untersuchung abgeschlossen und die Erkenntnisse überprüft seien.
Der Angriff verdeutlicht eine grundlegende Herausforderung zentralisierter Kryptobörsen: Während digitale Währungen auf verschiedenen Blockchain-Netzwerken verwaltet werden, konzentrieren solche Plattformen technische Zugriffsrechte, Handelsfunktionen und umfangreiche Kundenvermögen in gemeinsamen Systemen.
Für die betroffenen Kunden sind deshalb zwei Entwicklungen besonders relevant. Einerseits geht es um die sichere Wiederaufnahme der Auszahlungen. Andererseits muss Binance seine Zusage erfüllen, mögliche finanzielle Verluste auszugleichen.
Wie viele der betroffenen Kryptowährungen letztlich zurückgeführt werden können und welche zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen dauerhaft eingeführt werden, war am Freitagmittag noch nicht abschließend geklärt.
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