
Großbritanniens Premierminister Andy Burnham hat zehn Jahre nach dem Brexit-Referendum erklärt, dass Russland in die Abstimmung über den EU-Austritt eingegriffen habe. Nach eigenen Angaben erhielt er nach seinem Amtsantritt eine entsprechende Bestätigung. Seine Aussagen markieren einen deutlichen Kurswechsel gegenüber früheren britischen Regierungen. Russland hat Vorwürfe einer Einmischung allerdings wiederholt zurückgewiesen. Welche Erkenntnisse Burnhams Einschätzung zugrunde liegen und ob die mutmaßlichen Aktivitäten das Abstimmungsergebnis beeinflussten, blieb zunächst offen.
Der britische Regierungschef äußerte sich in einem Gespräch für den Politikpodcast „The Rest Is Politics“, aus dem am Sonntag, 11. Oktober 2026, Aussagen öffentlich wurden. Burnham erklärte, er habe nach seinem Amtsantritt im Juli ausdrücklich nach einer möglichen russischen Einmischung in das Brexit-Referendum gefragt. Darauf habe er eine eindeutige Antwort erhalten, dass es eine solche Einflussnahme gegeben habe.
Damit geht Burnham über die bisherigen öffentlichen Erklärungen der britischen Regierung hinaus. Er ist der erste amtierende britische Premierminister, der ausdrücklich von einer bestätigten russischen Einmischung in das Referendum spricht.
Der Regierungschef nannte allerdings weder die Stelle, von der er diese Einschätzung erhalten haben will, noch konkrete geheimdienstliche Erkenntnisse. Auch zur Art und zum Umfang der mutmaßlichen Einflussnahme machte er keine näheren Angaben.
Eine unabhängige Bestätigung der von Burnham angesprochenen Erkenntnisse lag zunächst nicht vor.
Moskau hat Vorwürfe einer russischen Einflussnahme auf das Brexit-Referendum bereits mehrfach zurückgewiesen. Präsident Wladimir Putin erklärte am 24. Juni 2016, Russland habe sich weder in den Abstimmungsprozess eingemischt noch versucht, das Ergebnis zu beeinflussen. Die russische Regierung habe die Entwicklungen lediglich aufmerksam verfolgt.
Auch der damalige russische Botschafter in London, Andrei Kelin, bestritt im Juli 2020 gegenüber Sky News, dass der Kreml versucht habe, das Referendum zu beeinflussen. Eine Verstärkung politischer Spaltungen in Großbritannien liege nicht im russischen Interesse, erklärte der Diplomat damals.
Zu den neuen Aussagen Burnhams lag zunächst keine aktuelle Stellungnahme der russischen Botschaft in London vor. Eine entsprechende Anfrage der Nachrichtenagentur Reuters blieb zunächst unbeantwortet.
Damit stehen sich die Darstellung des britischen Premierministers und die bisherigen Dementis der russischen Führung gegenüber. Konkrete neue Belege für die von Burnham beschriebene Einflussnahme wurden bislang nicht veröffentlicht.
Schon Jahre zuvor hatte sich das britische Parlament mit möglichen russischen Einflussversuchen beschäftigt. Der parlamentarische Geheimdienst- und Sicherheitsausschuss veröffentlichte im Juli 2020 einen Bericht über russische Aktivitäten in Großbritannien.
Darin verwies das Gremium auf Untersuchungen zu russischen Medien und sozialen Netzwerken. Unter anderem ging es um EU-kritische beziehungsweise Brexit-freundliche Inhalte der russischen Staatsmedien RT und Sputnik sowie um automatisierte Konten und sogenannte Trolle in sozialen Netzwerken.
Der Ausschuss kritisierte insbesondere, dass die britische Regierung mögliche Einflussversuche rund um das Referendum nicht ausreichend untersucht hatte. Eine umfassende Bewertung russischer Aktivitäten im Zusammenhang mit der Abstimmung war dem Gremium nicht vorgelegt worden.
Die damalige konservative Regierung erklärte dagegen, ihr lägen keine Belege für eine erfolgreiche Einflussnahme auf das Referendum vor. Sie lehnte eine gesonderte rückwirkende Untersuchung ab.
Der Bericht von 2020 stellte somit nicht fest, dass Russland das Abstimmungsergebnis verändert hatte. Vielmehr machte er deutlich, dass Umfang und mögliche Auswirkungen einer Einflussnahme nicht hinreichend untersucht worden waren.
Burnham verbindet seine Aussagen zum Brexit mit einer Warnung vor ausländischer Einflussnahme auf europäische Demokratien. Besonders Deutschland und Frankreich müssten nach seiner Auffassung die Gefahren durch Desinformation und politische Einflusskampagnen ernst nehmen.
Der Premierminister erklärte, die Menschen in Europa müssten besser darüber informiert werden, in welchem Umfang ausländische Akteure versuchten, demokratische Prozesse zu beeinflussen. Dabei bezeichnete er Russland als eine Bedrohung für die politische Stabilität europäischer Staaten.
Mit seinen Äußerungen rückte Burnham das Thema über Großbritannien hinaus in einen europäischen Zusammenhang. Seine Warnung richtet sich insbesondere auf mögliche politische Einflussversuche durch gezielte Informationskampagnen.
Welche konkreten Aktivitäten den von Burnham angesprochenen Einflussversuchen in Deutschland und Frankreich zugrunde liegen, erläuterte er in diesem Zusammenhang nicht näher.
Beim Referendum am 23. Juni 2016 stimmten 51,9 Prozent der Wähler für einen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union. 48,1 Prozent votierten für den Verbleib. Insgesamt beteiligten sich rund 33,6 Millionen Menschen an der Abstimmung. Großbritannien verließ die EU schließlich am 31. Januar 2020.
Ob die von Burnham angesprochene russische Einflussnahme auf das Brexit-Referendum einen messbaren Einfluss auf das Ergebnis hatte, ist weiterhin ungeklärt. Auch aus seinen jüngsten Äußerungen ergibt sich kein Beleg dafür, dass die Abstimmung ohne ausländische Einmischung anders ausgegangen wäre.
Die neue Debatte fällt in eine Phase, in der Burnham auch die künftigen Beziehungen zwischen Großbritannien und der Europäischen Union neu ausrichten will. Seine Regierung hat angekündigt, verschiedene Möglichkeiten einer engeren Zusammenarbeit zu prüfen. Selbst eine spätere Rückkehr in die EU wird dabei nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Ein konkreter Beschluss über einen erneuten Beitritt liegt allerdings nicht vor.
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