
Die Folgen des Iran-Kriegs verändern die internationalen Lieferströme für Chemierohstoffe und petrochemische Produkte. Besonders stark betroffen sind Hersteller in Asien, die bei wichtigen Ausgangsstoffen traditionell auf Lieferungen aus dem Nahen Osten angewiesen sind. Für Chemieunternehmen in Deutschland entsteht dadurch zumindest vorübergehend eine ungewöhnliche Marktchance. Die deutsche Chemieindustrie profitiert von Lieferausfällen in Asien, ohne dass damit bereits eine nachhaltige Erholung der seit Jahren angeschlagenen Branche verbunden wäre.
Das zeigt sich besonders deutlich im Geschäftsklima. Der entsprechende Index des Münchner Ifo-Instituts für die deutsche Chemieindustrie sprang im August von minus 26,3 Punkten im Juli auf minus 2,4 Punkte. Noch deutlicher fiel die Veränderung bei der Bewertung der aktuellen Geschäftslage aus. Dieser Indikator stieg von minus 14,6 auf plus 11,6 Punkte. Damit bewerteten die Unternehmen ihre gegenwärtige Lage erstmals seit vier Jahren wieder insgesamt positiv.
Als entscheidenden Grund für die Verbesserung nennt das Ifo-Institut Lieferausfälle in Asien infolge der anhaltenden Behinderungen in der Straße von Hormus. Dadurch steige die Nachfrage nach chemischen Produkten aus deutscher Herstellung. Auch die Exporterwartungen der Branche verbesserten sich deutlich. Der entsprechende Ifo-Indikator stieg im August von minus 22,7 Punkten im Vormonat auf plus 10,1 Punkte. Gleichzeitig planen mehr Unternehmen wieder eine Ausweitung ihrer Produktion.
Die Ursache für die unterschiedlichen Auswirkungen auf Europa und Asien liegt unter anderem in den internationalen Rohstoffströmen. Die Straße von Hormus gehört zu den wichtigsten Transportwegen für Erdöl, Flüssiggas und petrochemische Grundstoffe aus dem Persischen Golf. Der Schiffsverkehr liegt weiterhin deutlich unter dem Niveau vor dem Krieg. Am Donnerstag passierten nach vorläufigen Daten des Analyseunternehmens Kpler lediglich sieben Frachtschiffe die Meerenge. Der Durchschnitt der vorherigen zehn Tage lag bei 15 Schiffen.
Für die asiatische Petrochemie ist das besonders problematisch. Nach Angaben von S&P Global wurden vor dem Konflikt täglich fast 1,2 Millionen Barrel Naphtha durch die Straße von Hormus transportiert. Diese Mengen deckten demnach etwa 60 bis 70 Prozent des asiatischen Importbedarfs. Nach Beginn des Konflikts brachen die Lieferungen aus dem Nahen Osten zeitweise massiv ein. Im März lagen die entsprechenden Naphtha-Ausfuhren bei nur 692.000 Tonnen, nach 4,06 Millionen Tonnen im Februar.
Naphtha ist ein zentraler Ausgangsstoff für zahlreiche petrochemische Produkte. Fehlt der Rohstoff oder verteuert er sich stark, geraten insbesondere sogenannte Cracker unter Druck, in denen Grundchemikalien wie Ethylen und Propylen hergestellt werden. Branchenanalysen zufolge mussten asiatische Produzenten wegen der Versorgungsprobleme ihre Auslastung reduzieren und teilweise alternative Rohstoffe aus weiter entfernten Regionen beschaffen.
Die Auswirkungen lassen sich auch bei einzelnen großen asiatischen Konzernen erkennen. Der chinesische Energiekonzern Sinopec meldete für das erste Halbjahr zwar einen um 19,3 Prozent höheren Nettogewinn. Gleichzeitig sank die Verarbeitung von Rohöl jedoch um 5,6 Prozent. Als einen Belastungsfaktor nannte der Konzern den eingeschränkten Zugang zur Straße von Hormus. Im Chemiegeschäft schrieb Sinopec weiterhin Verluste, auch wenn das Minus gegenüber dem Vorjahr kleiner ausfiel. Die Ethylenproduktion sank um 15,5 Prozent.
Auch asiatische Raffinerien versuchen inzwischen, ihre Abhängigkeit vom Nahen Osten zu reduzieren. Unternehmen in Südkorea, Japan und Taiwan haben zusätzliche Rohölmengen aus den USA gekauft. Asiens Einfuhren von US-Rohöl erreichten laut Kpler im Juli mit rund 2,35 Millionen Barrel pro Tag einen Rekordwert. Die längeren Lieferwege und höheren Prämien zeigen jedoch, dass Ersatzbeschaffung nicht kostenlos möglich ist.
Auch beim weltgrößten Chemiekonzern BASF sind Auswirkungen der veränderten Lieferlage erkennbar. Das Unternehmen erklärte Ende Juli, die Auslastung seiner Anlagen habe sich durch Lieferunterbrechungen im Zusammenhang mit dem Nahost-Konflikt verbessert. BASF hob zugleich seine Ergebnisprognose für 2026 an. Das EBITDA vor Sondereinflüssen soll nun zwischen 6,9 und 7,7 Milliarden Euro liegen. Zuvor hatte der Konzern mit 6,2 bis 7,0 Milliarden Euro gerechnet.
Der Umsatz von BASF war im zweiten Quartal im Jahresvergleich um 16 Prozent auf 17,2 Milliarden Euro gestiegen. Dazu trugen sowohl höhere Preise als auch größere Absatzmengen bei. BASF weist allerdings selbst auf die Risiken der geopolitischen Lage hin. Der Konzern rechnet für 2026 inzwischen mit einem durchschnittlichen Brent-Ölpreis von 80 Dollar je Barrel, nachdem zuvor 65 Dollar angenommen worden waren.
Damit zeigt sich die Kehrseite der aktuellen Entwicklung. Lieferprobleme asiatischer Konkurrenten können deutschen Unternehmen Marktanteile und höhere Auslastung ermöglichen. Gleichzeitig verteuern der Konflikt und die eingeschränkten Transportmöglichkeiten Energie und Rohstoffe auch in Europa.
Die bessere Stimmung trifft auf eine Branche, die weiterhin deutlich unter früheren Produktionsniveaus arbeitet. Nach Angaben des Ifo-Instituts liegt die Produktion der deutschen Chemieindustrie noch rund 20 Prozent unter dem Niveau von 2021. Die Kapazitätsauslastung lag zuletzt bei 73,2 Prozent und damit deutlich unter dem langfristigen Durchschnitt von 80,4 Prozent.
Auch die allgemeinen Produktionsdaten zeigen, dass Deutschlands energieintensive Industrie weiterhin unter Druck steht. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes sank deren Produktion im Juni 2026 saison- und kalenderbereinigt um 1,8 Prozent gegenüber Mai. Gegenüber dem Vorjahresmonat lag sie allerdings 2,2 Prozent höher.
Zusätzlich ist Europa selbst von den Folgen der gestörten Energieversorgung betroffen. Die Preise für Flüssigerdgas sind deutlich gestiegen, weil weniger LNG durch die Straße von Hormus transportiert werden kann und europäische sowie asiatische Käufer stärker miteinander um verfügbare Lieferungen konkurrieren. Gerade für energieintensive Chemieanlagen bleibt das ein bedeutender Kostenfaktor.
Für die deutsche Chemiebranche ergibt sich damit ein widersprüchliches Bild. Die Versorgungsprobleme asiatischer Wettbewerber führen zu mehr Nachfrage nach Produkten aus Deutschland und können bislang schwach ausgelastete Anlagen besser füllen. Gleichzeitig trifft derselbe geopolitische Konflikt europäische Unternehmen über höhere Energie-, Transport- und Rohstoffkosten.
Ob daraus ein längerfristiger Wettbewerbsvorteil entsteht, ist deshalb offen. Schon eine deutliche Normalisierung des Schiffsverkehrs durch die Straße von Hormus könnte internationale Lieferketten erneut verändern. Die aktuelle Entwicklung ist vor allem eine Folge außergewöhnlicher Engpässe auf dem Weltmarkt und noch kein Beleg dafür, dass die strukturellen Probleme der deutschen Chemieindustrie überwunden sind.
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