
Der wirtschaftliche Streit zwischen der Europäischen Union und China wird für deutsche Unternehmen zunehmend zum Geschäftsrisiko. Kurz vor neuen Handelsgesprächen in Peking zeigt ein vorab veröffentlichtes Ergebnis der diesjährigen Geschäftsklimaumfrage der Deutschen Handelskammer in China, wie groß die Sorge vor einer weiteren Verschärfung ist. 80 Prozent der befragten Firmen rechnen mit Auswirkungen auf ihr China-Geschäft, falls die laufenden Verhandlungen keine greifbaren Ergebnisse bringen und sich daraus eine einem Handelskonflikt vergleichbare Situation entwickelt. 33 Prozent erwarten erhebliche, weitere 47 Prozent moderate Auswirkungen. 14 Prozent rechnen mit keinen Folgen.
Der Zeitpunkt der Umfrage ist brisant. EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič wird am 8. und 9. Oktober in Peking zu Gesprächen mit Chinas Handelsminister Wang Wentao erwartet. Bereits Ende Juni hatten beide Seiten einen neuen Konsultationsprozess für Handel und Investitionen gestartet. Vier Arbeitsbereiche stehen dabei im Mittelpunkt: ein ausgewogeneres Verhältnis bei Handel und Investitionen, Exportkontrollen, geistiges Eigentum und die Reform der Welthandelsorganisation. Die EU hatte sich vorgenommen, bis Oktober greifbare Fortschritte zu erreichen. Noch im September erklärte die Kommission, konkrete erste Ergebnisse seien für das nächste Treffen wichtig.
Die Deutsche Handelskammer in China dringt vor dem Treffen auf Verhandlungen statt pauschaler handelspolitischer Maßnahmen. Oliver Oehms, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Kammer in Nordchina, sprach sich für gezielte Instrumente aus, die auf konkrete Probleme einzelner Branchen zugeschnitten sind. Pauschale Zölle oder allgemeine Vorgaben könnten dagegen auch Unternehmen treffen, die von der engen wirtschaftlichen Verflechtung mit China profitieren. Die Kammer verweist darauf, dass deutsche Unternehmen in China nicht nur produzieren und verkaufen, sondern dort zunehmend Wissen und technologische Erfahrungen sammeln, die auch für ihre Konzernzentralen in Deutschland relevant sind.
Hinter der Auseinandersetzung steht ein deutlich gewachsenes Ungleichgewicht im Warenhandel. Nach Angaben von Eurostat importierte die Europäische Union 2025 Waren im Wert von 559,4 Milliarden Euro aus China. Die EU-Ausfuhren nach China erreichten dagegen 199,6 Milliarden Euro. Daraus ergab sich ein Defizit von 359,8 Milliarden Euro. Gegenüber 2024 gingen die europäischen Exporte um 6,5 Prozent zurück, während die Importe aus China um 6,4 Prozent zunahmen. China war damit zugleich das wichtigste Herkunftsland für Warenimporte in die EU.
Brüssel sieht neben dem Handelsdefizit weitere strukturelle Probleme. Dazu gehören aus Sicht der EU eingeschränkter Marktzugang, staatlich beeinflusste Wettbewerbsbedingungen und Abhängigkeiten bei wichtigen Rohstoffen und Vorprodukten. China weist die Vorwürfe zurück, wonach seine Handelsüberschüsse oder industrielle Überkapazitäten einseitig mit unfairen Praktiken erklärt werden könnten. Die chinesische Regierung kritisiert europäische Schutzmaßnahmen regelmäßig als protektionistisch. Die Gespräche in Peking sollen deshalb klären, ob sich konkrete Fortschritte erreichen lassen, bevor der politische Druck auf beiden Seiten weiter steigt.
Parallel zur Sorge vor einer Eskalation hat sich in Teilen der deutschen Wirtschaft die Diskussion über einen entschlosseneren europäischen Kurs verschärft. Eine separate Sonderumfrage der Deutschen Industrie und Handelskammer vom September liefert dafür konkrete Zahlen. Zwischen dem 20. Juli und dem 10. August beteiligten sich 1.325 Unternehmen aus Industrie, Handel, Bau, Verkehr und Dienstleistungen. Zwei Drittel gaben an, einen zunehmenden Wettbewerbsdruck durch chinesische Anbieter zu spüren. In der Industrie waren es 83 Prozent.
55 Prozent der befragten Unternehmen unterstützten stärkere handelspolitische Maßnahmen der EU gegen Wettbewerbsverzerrungen, selbst wenn daraus für das eigene Unternehmen Nachteile wie höhere Preise, zusätzliche Bürokratie, Zölle oder Gegenmaßnahmen entstehen könnten. 37 Prozent lehnten einen solchen Kurs eher oder vollständig ab. Zugleich forderten 67 Prozent ein geschlossenes europäisches Auftreten gegenüber China, 60 Prozent eine Verringerung strategischer Abhängigkeiten. Die Ergebnisse zeigen allerdings keinen Wunsch nach einer pauschalen Abschottung. Nur 36 Prozent befürworteten einen stärker begrenzten Zugang zum EU-Markt.
Die Zahlen machen das zentrale Spannungsfeld deutlich. Deutsche Unternehmen in China sind einerseits von wachsendem Wettbewerb, politischen Risiken und möglichen Handelsbeschränkungen betroffen. Andererseits bleibt der chinesische Markt für viele Konzerne ein bedeutender Absatzmarkt, Produktionsstandort und Innovationsraum. In der DIHK-Umfrage erklärten 88 Prozent der Unternehmen, die bereits Investitionen oder Niederlassungen in China haben, dass sie zunehmenden Wettbewerbsdruck wahrnehmen. Gleichzeitig kommt ein vollständiger Rückzug für die große Mehrheit der befragten Unternehmen nicht infrage.
Auch frühere Erhebungen der Deutschen Handelskammer in China zeichnen deshalb kein Bild einer einfachen Abkehr. In einer Befragung vom Frühjahr berichteten 59 Prozent der Unternehmen bereits von Belastungen durch Spannungen zwischen der EU und China. Gleichzeitig wünschten sich 51 Prozent bessere politische Rahmenbedingungen für Kooperationen mit chinesischen Unternehmen. 39 Prozent forderten von der Bundesregierung, sich stärker für fairen Wettbewerb und bessere Preisbedingungen einzusetzen.
Die wirtschaftlichen Warnungen treffen inzwischen auf einen veränderten politischen Kurs in Europa. Deutschland und Frankreich haben die EU-Kommission aufgefordert, ihre handelspolitischen Schutzmöglichkeiten auszubauen und schneller auf erhebliche Marktverzerrungen reagieren zu können. Am 5. Oktober legten Bundeskanzler Friedrich Merz und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron der Kommission weitere Vorschläge für ein schneller einsetzbares europäisches Instrument vor. Die Initiative nennt China nicht ausdrücklich als einziges Ziel, steht aber vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion über chinesische Überkapazitäten, Subventionen und europäische Abhängigkeiten.
Damit wächst der Druck auf die Gespräche in Peking. Die EU will ihre industrielle Basis stärker schützen und das Handelsverhältnis mit China ausgleichen, ohne die wirtschaftlichen Beziehungen grundsätzlich abzubrechen. Für deutsche Unternehmen liegt darin ein schwieriger Balanceakt. Sie verlangen zunehmend Schutz vor Wettbewerbsverzerrungen, sind gleichzeitig aber besonders stark den Folgen möglicher Gegenmaßnahmen ausgesetzt. Die neue AHK-Umfrage zeigt, wie groß dieses Risiko eingeschätzt wird: Vier von fünf befragten Firmen rechnen bei einer deutlichen Eskalation mit spürbaren Folgen für ihr China-Geschäft.
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