
Die Verkäufe von Elektroautos steigen in Europa deutlich schneller als im Vorjahr. Damit verbessert sich auch die CO2-Bilanz zahlreicher Autohersteller. Neue Berechnungen zeigen, dass große Teile der Branche ihre europäischen Flottengrenzwerte bereits im laufenden Abrechnungszeitraum einhalten. Selbst Volkswagen, bislang einer der Hersteller mit dem größten Rückstand, könnte seine Vorgaben bis Ende 2027 erfüllen. Gleichzeitig fordert die Automobilindustrie weitere Erleichterungen bei den europäischen Klimaregeln.
Nach einer am 5. Oktober 2026 veröffentlichten Untersuchung der Umweltorganisation Transport & Environment wurden zwischen Januar und August in der Europäischen Union rund 1,64 Millionen rein batterieelektrische Autos verkauft. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht das einem Zuwachs von 45 Prozent. Der Anteil elektrischer Fahrzeuge an den Neuzulassungen erreichte damit 22 Prozent. Im August lag er sogar bei 28 Prozent.
Eine separate Untersuchung des International Council on Clean Transportation (ICCT) bestätigt die Entwicklung. Das Forschungsinstitut ermittelte für den europäischen Markt einschließlich weiterer Länder wie Norwegen einen Elektroautoanteil von 23 Prozent in den ersten acht Monaten des Jahres. Unter den sieben größten Autokonzernen Europas erreichte BMW mit 30 Prozent den höchsten Anteil rein elektrischer Neuzulassungen.
Der steigende Elektroautoabsatz wirkt sich unmittelbar auf die Klimabilanz der Hersteller aus. Bei den europäischen CO2-Flottengrenzwerten für Neuwagen zählt nicht der Ausstoß eines einzelnen Fahrzeugs, sondern der Durchschnitt aller neu zugelassenen Autos eines Herstellers oder eines zusammengeschlossenen Herstellerpools. Rein elektrische Fahrzeuge werden dabei mit null Gramm CO2 aus dem Auspuff berücksichtigt.
Die ICCT-Auswertung vom 24. September zeigt, wie weit die einzelnen Herstellergruppen ihre Vorgaben bereits erfüllen. Im Zeitraum von Januar 2025 bis August 2026 lag der durchschnittliche anrechenbare CO2-Ausstoß bei rund 93 Gramm je Kilometer. Damit erreichten die untersuchten Herstellerpools im Durchschnitt bereits den für 2025 bis 2027 maßgeblichen Zielwert.
Besonders deutlich unterschritt der Herstellerpool des chinesischen Autobauers BYD seine Vorgabe mit einem Abstand von 46 Gramm je Kilometer. Der Verbund um Tesla lag acht Gramm unter seinem Ziel. Nissan und der Kia-Pool unterschritten ihre Grenzwerte um jeweils vier Gramm.
Auch mehrere deutsche Hersteller befinden sich auf Kurs. Die Pools von BMW und Mercedes-Benz lagen jeweils drei Gramm unter ihrem Grenzwert. Der Mercedes-Verbund umfasst dabei auch andere Marken, darunter Volvo. Renault erreichte laut ICCT seinen Zielwert genau.
Anders sieht die Situation bei Volkswagen aus. Der Herstellerpool mit den Marken VW, Audi, Škoda, Seat und Cupra überschritt seine Vorgabe noch um sechs Gramm CO2 je Kilometer. Porsche wird in dieser Berechnung gesondert berücksichtigt und lag mit seinem Pool bereits drei Gramm unter dem jeweiligen Grenzwert.
Eine zusätzliche Untersuchung von Transport & Environment kommt ebenfalls zu dem Ergebnis, dass sämtliche großen europäischen Hersteller ihre Ziele bis Ende 2027 erreichen könnten. Für Volkswagen erwartet die Organisation weitere Fortschritte durch neue Elektromodelle und steigende elektrische Verkaufsanteile.
Grundlage der Berechnungen ist die europäische CO2-Verordnung für neue Pkw. Seit 2025 gilt ein durchschnittlicher Zielwert von 93,6 Gramm CO2 je Kilometer, wobei die konkreten Grenzwerte je nach Hersteller und Fahrzeuggewicht abweichen.
Die EU hatte den Herstellern bereits 2025 eine zusätzliche Erleichterung eingeräumt. Statt die Grenzwerte für jedes einzelne Jahr von 2025 bis 2027 einzuhalten, dürfen die Unternehmen ihre Emissionen über den gesamten Dreijahreszeitraum ausgleichen.
Entscheidend ist deshalb die abschließende Bilanz Ende 2027. Hersteller, die ihre Vorgaben zwischenzeitlich überschreiten, können dies durch entsprechend bessere Werte in anderen Jahren kompensieren.
Die aktuellen Zahlen sind somit noch keine endgültige Entscheidung über die Einhaltung der Grenzwerte. Sie zeigen allerdings, dass die Branche trotz unterschiedlicher Ausgangslagen bereits erhebliche Fortschritte erzielt hat.
Während die Elektroauto-Verkäufe zulegen, setzt sich die europäische Automobilindustrie weiterhin für Änderungen an den künftigen Klimavorgaben ein. Der Herstellerverband ACEA erneuerte seine Forderungen am 14. Oktober 2026 nach einer Sitzung seines zuständigen Vorstands in Brüssel.
Der Verband verlangt unter anderem mehr Spielraum bei der Berechnung künftiger Emissionsziele. Vorgeschlagen wird ein fünfjähriger Ausgleichszeitraum ab 2028. Außerdem sollen erneuerbare Kraftstoffe, emissionsärmere Materialien und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der Hersteller stärker berücksichtigt werden.
ACEA-Präsident und Mercedes-Benz-Chef Ola Källenius verwies auf die Fortschritte der Unternehmen bei der Umstellung auf emissionsfreie Antriebe. Zugleich forderte der Verband bessere Bedingungen für Investitionen, Beschäftigung und die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Produktion.
Die Forderungen betreffen insbesondere die nächste Verschärfung der CO2-Vorgaben ab 2030 sowie die langfristigen Regelungen für Neuwagen ab 2035. Die Hersteller verweisen dabei auf hohe Investitionskosten, internationale Konkurrenz und Unterschiede beim Ausbau der Ladeinfrastruktur.
Nach bisher geltendem EU-Recht müssen die durchschnittlichen direkten CO2-Emissionen neu zugelassener Pkw ab 2035 auf null sinken. Die Regel betrifft Neuwagen und bedeutet kein Verbot, bereits zugelassene Verbrenner weiterhin zu nutzen.
Allerdings hat die Europäische Kommission bereits im Dezember 2025 eine Abschwächung vorgeschlagen. Demnach soll die vorgeschriebene Emissionsminderung ab 2035 nur noch 90 statt 100 Prozent gegenüber dem Ausgangswert von 2021 betragen. Verbleibende Emissionen sollen unter bestimmten Voraussetzungen durch den Einsatz emissionsärmerer Materialien und nachhaltiger Kraftstoffe ausgeglichen werden können.
Dadurch könnten auch nach 2035 bestimmte Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor neu zugelassen werden. Der Vorschlag ist allerdings noch nicht geltendes Recht. Im Europäischen Parlament befand sich die geplante Gesetzesänderung Mitte Oktober weiterhin im Beratungsverfahren.
Transport & Environment warnt vor einer weiteren Abschwächung der Klimavorgaben. Die Organisation sieht darin ein Risiko für die Entwicklung günstiger Elektroautos und die internationale Wettbewerbsfähigkeit europäischer Hersteller. Nach ihren Berechnungen könnten allein 2026 rund 60 neue batterieelektrische Modelle auf den Markt kommen, darunter zunehmend Fahrzeuge in niedrigeren Preisklassen.
Damit stehen sich in der europäischen Autopolitik weiterhin unterschiedliche Einschätzungen gegenüber. Die Industrie fordert zusätzliche Flexibilität, während Umweltorganisationen auf die bereits erzielten Fortschritte verweisen. Die gestiegenen Elektroauto-Verkäufe liefern der Debatte nun eine neue wirtschaftliche und klimapolitische Grundlage.
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