
Das geplante Daimler Truck Lkw-Werk Cheb soll zu einem wichtigen Produktionsstandort für Mercedes-Benz-Lkw in Tschechien werden. Nahe der bayerischen Grenze will der Nutzfahrzeughersteller eine Fabrik mit einer Kapazität von rund 25.000 Fahrzeugen jährlich und gut 1.000 Arbeitsplätzen errichten. Anfang Oktober haben die Planungen eine weitere Entwicklung genommen: Die Stadt Cheb hat grundsätzlich auch einem zusätzlichen Kunden- und Servicezentrum zugestimmt. Während ein Teil der bisherigen Lkw-Produktion aus Deutschland und der Türkei nach Tschechien verlagert werden soll, entstehen dadurch neue wirtschaftliche Perspektiven für die Grenzregion.
Das neue Lkw-Werk von Daimler Truck soll im Strategischen Industriepark Cheb in der Region Karlsbad entstehen. Der Standort liegt nahe der Autobahn D6 und nur wenige Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Für die Fertigung ist eine Fläche von rund 65 Hektar vorgesehen. Daimler Truck beziffert die geplanten Investitionen auf einen niedrigen bis mittleren dreistelligen Millionenbetrag. Nach Angaben der tschechischen Wirtschaftsförderagentur CzechInvest könnten ungefähr 1.100 qualifizierte Arbeitsplätze entstehen. Das Unternehmen selbst spricht von gut 1.000 Stellen.
Der Baubeginn ist für 2027 vorgesehen, der Produktionshochlauf soll gegen Ende des Jahrzehnts erfolgen. Die erforderlichen Genehmigungen müssen dafür noch vollständig vorliegen. Produziert werden sollen Lastwagen mit konventionellen und alternativen Antrieben. Neben Beschäftigten für die Fahrzeugmontage benötigt der Konzern nach eigenen Angaben Personal für IT, Qualitätssicherung und Instandhaltung. Auf seiner Standortseite nennt Daimler Truck bereits das Bauunternehmen Goldbeck als Partner für die Umsetzung des Projekts.
Zusätzliche Planungen betreffen ein Kunden- und Servicezentrum unmittelbar neben der neuen Fabrik. Nach Angaben der staatlichen tschechischen Entwicklungsgesellschaft SIRS hat die Stadt Cheb diesem Vorhaben Anfang Oktober zugestimmt. Dafür sollen weitere rund 3,7 Hektar Grundstücksfläche bereitgestellt werden. Beide Einrichtungen könnten damit zeitlich aufeinander abgestimmt entwickelt werden. Für das zusätzliche Zentrum stehen allerdings noch die endgültige Investorenentscheidung und verbindliche Vereinbarungen aus. Eine gesicherte Zahl weiterer Arbeitsplätze wurde dafür zunächst nicht genannt.
Mit dem neuen Standort verändert Daimler Truck die Aufgabenverteilung innerhalb seines europäischen Produktionsnetzwerks. Cheb soll künftig Teile des bisherigen Fertigungsprogramms aus Wörth am Rhein in Rheinland-Pfalz und aus Aksaray in der Türkei übernehmen. Die Planung ist Bestandteil einer umfassenderen Neuorganisation der europäischen Lkw-Produktion, mit der der Hersteller Kosten reduzieren und unterschiedliche Fahrzeugvarianten wirtschaftlicher fertigen will.
Für das Werk in Wörth bedeutet die Verlagerung allerdings keinen vollständigen Rückzug aus der Lkw-Produktion. Der Standort bleibt nach Unternehmensangaben das wichtigste Produktionswerk für Mercedes-Benz-Lkw in Europa. Dort sollen weiterhin besonders komplexe Fahrzeuge gebaut, neue Modelle eingeführt sowie Produktionsverfahren weiterentwickelt werden. Auch die Fertigung lackierter Fahrerhaus-Rohbauten verbleibt in Wörth. Diese sollen künftig ebenfalls an das Werk in Cheb geliefert werden. Die jährliche Produktion in Wörth ist weiterhin im mittleren bis hohen fünfstelligen Bereich vorgesehen, abhängig von der Marktentwicklung.
Daimler Truck plant zudem erhebliche Investitionen in Deutschland. Bis 2030 sollen mehr als zwei Milliarden Euro in die deutschen Produktionsstandorte fließen, davon etwa die Hälfte nach Wörth. Vorgesehen sind unter anderem eine neue Lackieranlage und der Umbau des Rohbaus für künftige Fahrerhausgenerationen. Zugleich verfolgt das Unternehmen mit dem Effizienzprogramm „Cost Down Europe“ das Ziel, die jährlichen Kosten in Europa bis spätestens 2030 um mehr als eine Milliarde Euro zu senken. Im Rahmen dieses Programms ist auch ein Abbau von rund 5.000 Stellen in Deutschland vorgesehen. Der Zukunftstarifvertrag mit der IG Metall schließt betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2034 aus. Eine unmittelbar durch Cheb verursachte Zahl wegfallender Arbeitsplätze in Wörth hat Daimler Truck nicht veröffentlicht.
Die Ansiedlung hat auch für die deutsche Seite der Grenze Bedeutung. Im Landkreis Wunsiedel im Fichtelgebirge beschäftigt sich bereits ein eigener Arbeitskreis mit den möglichen wirtschaftlichen Folgen. Vertreten sind unter anderem der Landkreis, die Euregio Egrensis sowie Arbeitsmarktinstitutionen. Untersucht werden insbesondere die Möglichkeiten für Zulieferbetriebe, Logistikunternehmen und Dienstleister. Gleichzeitig stehen Fragen zum Arbeitskräftebedarf, zu Verkehrsanbindungen und zum möglichen zusätzlichen Wohnraumbedarf im Mittelpunkt.
Wie eng die Arbeitsmärkte beiderseits der Grenze bereits miteinander verbunden sind, zeigen Zahlen des Landkreises Wunsiedel. Im Jahr 2025 arbeiteten dort 2.629 Beschäftigte aus Tschechien. Neue Stellen bei Daimler Truck könnten den grenzüberschreitenden Arbeitsmarkt zusätzlich verändern. Nach Angaben der tschechischen Entwicklungsgesellschaft SIRS soll die durchschnittliche Vergütung am neuen Standort mindestens 20 Prozent über dem regionalen Lohnniveau der Region Karlsbad liegen. Diese Vorgabe ist Bestandteil der Vereinbarungen für die Investorenansiedlung.
Auch das Genehmigungsverfahren für das Industrieprojekt läuft weiter. Am 8. September 2026 fand in Cheb eine öffentliche Erörterung der Umweltverträglichkeitsprüfung statt. Das tschechische Umweltinformationssystem führte das Projekt zuletzt weiterhin in dieser Verfahrensphase. Eine abschließende Umweltstellungnahme war dort zunächst nicht hinterlegt. Der neue Produktionsstandort und die ergänzenden Servicepläne sind damit weitreichende Vorhaben, deren konkrete Umsetzung weiterhin an ausstehende Verfahrensschritte gebunden ist.
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