
Deutsche Unternehmen investieren trotz geopolitischer Spannungen und der europäischen Debatte über geringere Abhängigkeiten weiterhin Milliardenbeträge in China. Im ersten Halbjahr 2026 lagen die deutschen Direktinvestitionen in China bei rund 5,6 Milliarden Euro. Das geht aus einer am Montag veröffentlichten Auswertung des Instituts der deutschen Wirtschaft hervor, die auf Daten der Deutschen Bundesbank basiert.
Gegenüber dem ersten Halbjahr 2025 lag das Investitionsvolumen damit rund ein Drittel höher. Ein außergewöhnlicher Höchststand ist die Summe allerdings nicht. Der durchschnittliche Halbjahreswert der Jahre 2020 bis 2025 lag nach Berechnungen des IW ebenfalls bei rund 5,6 Milliarden Euro. Die aktuelle Entwicklung zeigt damit vor allem, dass deutsche Unternehmen ihr finanzielles Engagement in China bislang nicht grundsätzlich zurückfahren.
Hinter der Gesamtsumme verbirgt sich allerdings eine deutlich differenziertere Entwicklung. Ein wachsender Teil der Direktinvestitionen wird nicht durch neues Kapital aus Deutschland finanziert, sondern durch Gewinne, die deutsche Tochtergesellschaften bereits in China erwirtschaftet haben und anschließend dort belassen. Für das Jahr 2025 lagen diese reinvestierten Gewinne nach der IW-Auswertung bei 7,8 Milliarden Euro. Im Durchschnitt der Jahre 2017 bis 2024 lag der entsprechende Wert bei 5,4 Milliarden Euro.
Auch die Deutsche Bundesbank hatte für 2025 auf diese Entwicklung hingewiesen. Demnach zogen deutsche Direktinvestoren ohne die vor Ort erwirtschafteten und wieder angelegten Gewinne insgesamt Finanzmittel aus China ab. Dies betraf sowohl Beteiligungskapital als auch konzerninterne Kredite. Die hohen gesamten Direktinvestitionsströme können deshalb nicht mit einem gleich starken Zufluss neuen Kapitals aus Deutschland gleichgesetzt werden.
Die IW-Auswertung zeigt zudem, dass sich deutsche Unternehmen in China unterschiedlich positionieren. Seit 2017 lag der Wert aufgelöster Beteiligungen nach den Berechnungen über dem Wert neuer Beteiligungen. Zwischen 2017 und 2024 investierten Unternehmen jährlich im Schnitt rund zwei Milliarden Euro in neue Beteiligungen, während Beteiligungen im Umfang von durchschnittlich 3,6 Milliarden Euro aufgelöst wurden. Daraus ergab sich bei dieser Investitionskomponente ein Nettoabfluss von rund 1,6 Milliarden Euro pro Jahr.
Bei konzerninternen Krediten zeigt sich ebenfalls eine Verschiebung. Seit 2023 erhalten deutsche Muttergesellschaften nach Angaben des IW unter dem Strich Kapital von ihren chinesischen Tochterunternehmen. Für 2025 lag dieser Mittelzufluss nach Deutschland bei 2,7 Milliarden Euro. Die Entwicklung verdeutlicht, dass eine hohe Gesamtsumme der Direktinvestitionen allein nur begrenzt erkennen lässt, wie Unternehmen ihre China-Strategien verändern.
Trotz des schwierigen Wettbewerbsumfelds planen zahlreiche deutsche Firmen weiteres Engagement. Eine im April 2026 durchgeführte Befragung der Deutschen Handelskammer in China unter 216 Mitgliedsunternehmen ergab, dass 61 Prozent ihre Investitionen in China innerhalb der folgenden zwei Jahre erhöhen wollten. Im Vorjahr hatte der Anteil bei 53 Prozent gelegen. Elf Prozent der Befragten planten dagegen geringere Investitionen.
Gleichzeitig berichteten viele Unternehmen über Belastungen durch geopolitische und handelspolitische Konflikte. In derselben Erhebung gaben 69 Prozent an, durch Spannungen zwischen den USA und China negativ betroffen zu sein. 59 Prozent nannten Auswirkungen der Spannungen zwischen der EU und China. Als wichtigste Herausforderung im Verhältnis zwischen der EU und China bezeichneten 52 Prozent der Befragten Maßnahmen zur Verringerung europäischer Abhängigkeiten von China.
Die Entwicklung steht damit in einem Spannungsverhältnis zur europäischen De-Risking-Strategie. Die Europäische Union verfolgt das Ziel, kritische Abhängigkeiten und Verwundbarkeiten unter anderem in Lieferketten zu reduzieren und Bezugsquellen stärker zu diversifizieren. Eine vollständige wirtschaftliche Abkopplung von China ist nach der offiziellen EU-Linie ausdrücklich nicht vorgesehen.
Für Unternehmen kann daraus eine parallele Strategie entstehen. Einerseits werden Lieferketten und Absatzmärkte breiter aufgestellt, andererseits investieren Unternehmen weiter vor Ort, wenn China für Produktion, Forschung oder Verkauf eine zentrale Rolle spielt. Hohe reinvestierte Gewinne ermöglichen dabei weiteres Wachstum chinesischer Tochtergesellschaften, ohne dass im gleichen Umfang frisches Kapital aus Deutschland überwiesen werden muss.
Die 5,6 Milliarden Euro im ersten Halbjahr sollten deshalb nicht als Prognose für das Gesamtjahr verstanden werden. Direktinvestitionsströme können durch einzelne große Transaktionen stark schwanken. Zudem fielen die Werte im zweiten Halbjahr in mehreren jüngeren Jahren deutlich schwächer oder negativ aus. Das IW verzichtet deshalb darauf, aus dem Halbjahreswert eine Jahresprognose abzuleiten.
Die Bundesbank erfasst bei diesen Zahlen Kapitalströme und nicht den gesamten Bestand deutscher Investitionen in China. Zu den Direktinvestitionstransaktionen zählen unter anderem neue und aufgelöste Beteiligungen, konzerninterne Kredite sowie reinvestierte Gewinne. Damit zeigt die aktuelle Auswertung vor allem, dass China für einen erheblichen Teil der deutschen Wirtschaft weiterhin ein wichtiger Investitionsstandort ist, während sich zugleich die Finanzierung und Struktur des Engagements verändern.
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