
Nur wenige Kilometer von Polen entfernt ist am Sonntag ein Passagierzug auf dem Weg in Richtung Warschau von einer russischen Drohne getroffen worden. Nach Angaben der ukrainischen Staatsbahn Ukrzaliznytsia traf der Angriff die Lokomotive in der westukrainischen Region Wolyn rund zwei Kilometer von der polnischen Grenze entfernt. Menschen wurden demnach nicht verletzt. Der Vorfall ereignete sich während einer neuen größeren russischen Angriffswelle auf die Ukraine und erhöht auch in Polen die Aufmerksamkeit für Angriffe unmittelbar an der Grenze zu einem NATO und EU Mitgliedstaat.
Der Drohnenangriff auf Zug Kiew Warschau traf nach Angaben der ukrainischen Bahn die Lokomotive des Passagierzugs. Eine für die Beobachtung von Luftangriffen zuständige Einheit der Bahn habe die Besatzung zuvor vor der Gefahr gewarnt. Dadurch konnten Sicherheitsmaßnahmen eingeleitet werden. Ukrzaliznytsia meldete keine Verletzten. Die ukrainische Bahn erklärte zugleich, ihre Verbindungen trotz der anhaltenden Luftangriffe weiter aufrechtzuerhalten.
Der Treffer ereignete sich in der Nähe des ukrainisch polnischen Grenzübergangs Jahodyn und Dorohusk. Damit lag der Angriff unmittelbar vor der Außengrenze der Europäischen Union und der NATO. In derselben Region wurden am Sonntag weitere Schäden nach russischen Angriffen gemeldet. Unter anderem wurde ein Fahrzeug nahe dem Grenzübergang getroffen. Der Verkehr an dem Übergang war zeitweise beeinträchtigt.
Die polnischen Streitkräfte reagierten bereits während der russischen Luftangriffe auf die Westukraine mit erhöhten Sicherheitsmaßnahmen. Nach Angaben des polnischen operativen Führungskommandos waren Militärflugzeuge im polnischen Luftraum im Einsatz. Auch bodengebundene Luftverteidigungs und Radarsysteme wurden in erhöhte Bereitschaft versetzt. Das polnische Regierungszentrum für Sicherheit warnte Menschen in den östlichen Woiwodschaften Lublin und Karpatenvorland vor der Situation. Hinweise darauf, dass der Zug oder die Drohne polnisches Staatsgebiet erreicht hätten, lagen zunächst nicht vor.
Ukrzaliznytsia verwies nach dem Vorfall darauf, dass das ukrainische Eisenbahnsystem erneut Ziel russischer Luftangriffe geworden sei. Bereits in den Tagen zuvor waren Bahnanlagen und Züge in verschiedenen Landesteilen angegriffen worden. Am 8. September wurden nach Angaben des Unternehmens Passagiere und Personal eines Zuges zwischen Kiew und Sumy vor einem Drohnenangriff evakuiert. Auch dort hatte das interne Überwachungssystem der Bahn rechtzeitig vor der Gefahr gewarnt.
Die Eisenbahn besitzt für die Ukraine seit Beginn der russischen Vollinvasion im Februar 2022 eine besondere Bedeutung. Sie befördert täglich Zivilisten zwischen den Städten des Landes und stellt internationale Verbindungen unter anderem nach Polen bereit. Zugleich spielt das Schienennetz eine wichtige Rolle für Wirtschaft, Versorgung und Logistik. Weil der zivile Luftverkehr in der Ukraine weitgehend ruht, sind internationale Bahnverbindungen zudem eine der wichtigsten Möglichkeiten für Reisen zwischen der Ukraine und anderen europäischen Staaten.
Der Vorfall bei der polnischen Grenze war Teil einer umfangreichen russischen Angriffswelle. Nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe wurden in der Nacht zum Sonntag mehrere Hundert Drohnen gegen Ziele in der Ukraine eingesetzt. Auch westliche Landesteile, die weit von der eigentlichen Front entfernt liegen, waren betroffen. Die ukrainische Luftverteidigung meldete die Abwehr eines großen Teils der unbemannten Fluggeräte. Unabhängig überprüfen lassen sich einzelne Abschusszahlen während laufender Kampfhandlungen nur eingeschränkt.
Russland hat seine Angriffe auf ukrainische Infrastruktur in den vergangenen Monaten wieder verstärkt. Betroffen waren neben Energieanlagen und Industrie auch Verkehrswege und Bahninfrastruktur. Moskau erklärt regelmäßig, militärisch oder logistisch relevante Einrichtungen anzugreifen. Gleichzeitig werden bei russischen Angriffen immer wieder zivile Gebäude, Fahrzeuge und Infrastruktur beschädigt sowie Menschen getötet oder verletzt.
Für Polen hat die Entwicklung zusätzliche sicherheitspolitische Bedeutung. Ministerpräsident Donald Tusk hatte bereits wenige Tage vor dem Angriff erklärt, sein Land müsse mit möglichen weiteren Zwischenfällen und Angriffen im Bereich der ukrainischen Grenzen zu europäischen Staaten rechnen. Anlass waren unter anderem russische Drohnenangriffe nahe anderer ukrainischer Grenzübergänge. Polen gehört zu den wichtigsten Transitstaaten für Menschen, Waren und Hilfslieferungen zwischen der Europäischen Union und der Ukraine.
Am Sonntag blieb der bestätigte Treffer auf ukrainischem Staatsgebiet. Eine Verletzung des polnischen Luftraums im Zusammenhang mit dem Angriff auf den Zug wurde zunächst nicht gemeldet. Die Nähe des Einschlags zur Grenze unterstreicht dennoch, wie unmittelbar russische Luftangriffe inzwischen auch Verkehrswege treffen können, die die Ukraine mit EU Staaten verbinden.
Trotz der Angriffe hält Ukrzaliznytsia den Personenverkehr weitgehend aufrecht. Dabei werden Zugbewegungen nach Angaben des Unternehmens zunehmend mit der Luftlage abgestimmt. Bei konkreten Gefahren können Züge angehalten, Besatzungen gewarnt oder Fahrgäste vorübergehend in Sicherheit gebracht werden. Der Vorfall vom Sonntag zeigt, dass diese Maßnahmen inzwischen auch auf internationalen Strecken nahe der EU Grenze erforderlich sein können.
Wie stark die Lokomotive beschädigt wurde und welche Auswirkungen der Treffer auf den weiteren Betrieb der Verbindung zwischen Kiew und Warschau hatte, war zunächst nicht vollständig geklärt. Bestätigt war, dass bei dem Angriff keine Menschen verletzt wurden. Weitere behördliche Angaben zu möglichen Folgeschäden lagen zunächst nicht vor.
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