
Der Verkauf von ebm-papst an Madison Air ist einer der größten Eigentümerwechsel eines deutschen Familienunternehmens der vergangenen Jahre. Der Ventilatoren- und Lufttechnikspezialist aus Mulfingen in Baden-Württemberg soll vollständig an den börsennotierten US-Konzern Madison Air Solutions gehen. Bekanntgegeben wurde die verbindliche Vereinbarung am Montag, 17. August 2026. Der Nettoverkaufspreis für die Anteile beträgt 4,775 Milliarden Euro. Die häufig genannte Summe von rund 5,1 Milliarden Euro beschreibt dagegen die Bewertung des Unternehmens einschließlich Verbindlichkeiten.
Mit dem Geschäft endet die mehr als sechs Jahrzehnte währende Geschichte von ebm-papst als Familienunternehmen. Ihre Anteile übertragen die drei Eigentümerfamilien Sturm, Ziehl und Philippiak an Madison Air. Für die Gesellschafterfamilien traten bei der Bekanntgabe Chloë McCracken, Jan Philippiak und Ralf Sturm auf. Als wesentliche Gründe für die Entscheidung nannten sie die Finanzkraft des neuen Eigentümers, dessen Position auf dem US-Markt sowie die Wachstumschancen in der Luft-, Kälte- und Klimatechnik.
ebm-papst wurde 1963 gegründet und hat seinen Hauptsitz im hohenlohischen Mulfingen. Das Unternehmen bezeichnet sich als weltweit führenden Hersteller von Ventilatoren und Motoren. Im Geschäftsjahr 2025/26 erzielte die Gruppe einen Umsatz von 2,236 Milliarden Euro. Zum Ende des Geschäftsjahres im März 2026 beschäftigte ebm-papst weltweit 13.055 Menschen. Rund 5.800 Beschäftigte arbeiten in Deutschland.
Der Käufer Madison Air Solutions ist ein US-amerikanischer Anbieter von Luftqualitäts-, Lüftungs-, Klima- und Kühllösungen. Zum Konzern gehören Marken wie Addison, AprilAire, Big Ass Fans, Broan-NuTone, Nortek Air Solutions, Nortek Data Center Cooling und Reznor. Die Produkte werden unter anderem in Rechenzentren, Industrieanlagen, Reinräumen, Gesundheitseinrichtungen und Wohngebäuden eingesetzt.
Madison Air ging aus dem Beteiligungsportfolio von Madison Industries hervor und ist seit April 2026 an der New York Stock Exchange unter dem Kürzel MAIR notiert. Unternehmensgründer Larry Gies ist Vorsitzender des Verwaltungsrats. Trotz des Börsengangs verfügt der Gründer über eine kontrollierende Stellung im Unternehmen. Madison Air erzielte 2025 einen Umsatz von rund 3,5 Milliarden US-Dollar.
Für die Beschäftigten sind vor allem die Zusagen zur künftigen Struktur von ebm-papst von Bedeutung. Mulfingen soll auch nach Abschluss der Transaktion Hauptsitz des Unternehmens bleiben. Nach den bislang veröffentlichten Angaben sollen zudem wesentliche Forschungs-, Entwicklungs- und Produktionsaktivitäten erhalten werden. Das Unternehmen erklärte außerdem, die weltweit rund 13.000 Arbeitsplätze sollten bestehen bleiben. Mittelfristig hält ebm-papst im Zuge des erwarteten Wachstums auch einen weiteren Beschäftigungsaufbau für möglich.
Besonders wichtig ist Mulfingen für das Kerngeschäft der Lufttechnik. Gemeinsam mit Niederstetten und Hollenbach bildet der Standort den größten Komplex der Unternehmensgruppe. Dort arbeiten derzeit rund 3.790 Menschen. Erst im Frühjahr hatte ebm-papst angekündigt, wegen des stark wachsenden Geschäfts mit Rechenzentren zusätzliche Stellen in Mulfingen-Hollenbach zu schaffen.
Die Übernahme fällt in eine Phase starken Wachstums im Kerngeschäft. Die Air Technology von ebm-papst legte im Geschäftsjahr 2025/26 um rund zwölf Prozent zu. Besonders dynamisch entwickelte sich die Nachfrage aus dem Bereich der Rechenzentren. Leistungsfähigere Server und KI-Chips erzeugen große Mengen Wärme und erhöhen den Bedarf an energieeffizienter Kühltechnik. ebm-papst liefert dafür unter anderem Ventilatoren und intelligente Luftführungssysteme.
Die Technologie des Unternehmens kommt jedoch wesentlich breiter zum Einsatz. Ventilatoren und Motoren von ebm-papst werden unter anderem in Klimaanlagen, Kälteanlagen, Wärmepumpen, Luftreinigern, elektronischen Geräten und industriellen Anwendungen verbaut. Innerhalb des Lufttechnikgeschäfts sind weltweit mehr als 250 Millionen Ventilatoren des Unternehmens installiert. Madison Air erhält mit dem Kauf zudem Zugriff auf eine Technologieplattform mit mehr als 1.200 Patenten.
Für Madison Air ist ebm-papst vor allem wegen seiner Technologie und seiner starken Position in Europa und Asien attraktiv. Der US-Konzern geht davon aus, dass sich der für ihn erreichbare Markt durch die Übernahme nahezu verdoppelt. Zusätzlich erwartet Madison Air bis zum dritten Jahr nach dem Zusammenschluss jährliche Kostensynergien von rund 160 Millionen US-Dollar. Diese sollen unter anderem durch Einkaufsvorteile, größere Skaleneffekte und effizientere Betriebsabläufe entstehen.
Für ebm-papst wiederum eröffnet die Verbindung einen stärkeren Zugang zum US-Markt. Gerade dort wächst das Geschäft mit Rechenzentren kräftig. Der Mulfinger Konzern baut seine Präsenz in den Vereinigten Staaten bereits aus und plant zusätzliche Produktionskapazitäten am Standort Telford. Der Verkauf verbindet damit zwei Unternehmen, deren Geschäftsmodelle sich bei Lüftung, Kühlung und Luftqualität stark ergänzen.
Vollzogen ist die Übernahme noch nicht. Madison Air rechnet mit einem Abschluss rund um das Jahresende 2026. Voraussetzung sind mehrere behördliche Freigaben und weitere übliche Abschlussbedingungen. Dazu gehören nach Angaben des US-Konzerns kartellrechtliche Genehmigungen, Prüfungen nach Regeln zur Kontrolle ausländischer Investitionen sowie eine Freigabe durch die Europäische Kommission nach der EU-Verordnung über ausländische Subventionen.
Die Finanzierung ist nach Angaben von Madison Air keine Bedingung für den Abschluss. Bezahlt werden soll die Transaktion aus vorhandenen Barmitteln sowie mit Fremd- und Eigenkapital. Für den Fremdkapitalanteil liegen vollständig zugesagte Finanzierungsvereinbarungen unter anderem von UniCredit und Wells Fargo vor.
Eine eigenständige öffentliche Bewertung des Verkaufs durch den Betriebsrat von ebm-papst oder die zuständige IG Metall lag am Montagnachmittag zunächst nicht vor. Für Arbeitnehmervertreter dürfte insbesondere entscheidend sein, wie verbindlich die angekündigte Sicherung von Beschäftigung, Produktion und Entwicklung an den deutschen Standorten ausgestaltet wird. Konkrete Vereinbarungen mit Arbeitnehmervertretern über langfristige Beschäftigungs- oder Standortgarantien wurden bei Bekanntgabe der Transaktion zunächst nicht veröffentlicht.
Auch eine gesonderte offizielle Stellungnahme der baden-württembergischen Landesregierung zum Eigentümerwechsel lag zunächst nicht vor. Die politische Bedeutung des Geschäfts reicht über die Region hinaus. Mit ebm-papst wechselt ein technologieintensiver Weltmarktführer in Bereichen wie energieeffizienter Lufttechnik, Wärmepumpen und Rechenzentrumskühlung von drei deutschen Eigentümerfamilien zu einem kontrollierten, aber börsennotierten US-Industriekonzern.
Der Eigentümerwechsel berührt damit eine seit Jahren geführte wirtschaftspolitische Diskussion über die Zukunft deutscher Familienunternehmen und sogenannter Hidden Champions. Gerade Baden-Württemberg ist von mittelständisch geprägten Weltmarktführern geprägt, deren Technologie international gefragt ist. Der Verkauf eines profitablen und wieder wachsenden Unternehmens wie ebm-papst unterscheidet sich dabei von Übernahmen, die aus einer akuten wirtschaftlichen Krise heraus erfolgen. Die Gruppe meldete zuletzt steigende Umsätze und zweistelliges Wachstum im Kerngeschäft.
Der Fall zeigt zugleich, weshalb ausländische Konzerne Interesse an deutschen Spezialisten haben. Technologie, Patente, qualifizierte Beschäftigte und langjährige Kundenbeziehungen lassen sich nur schwer kurzfristig aufbauen. Für ebm-papst wird deshalb entscheidend sein, ob die zugesagte Kontinuität bei Hauptsitz, Entwicklung und Produktion auch nach der Integration in Madison Air Bestand hat.
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