Neue Elektro-Lkw schaffen 700 Kilometer, doch Hürden bleiben

Aktienhandel: Kurstafel mit Kursverläufen an der Börse
Quelle: Pixabay, sergeitokmakov

Teilen:

Die Nutzfahrzeugindustrie präsentiert auf der IAA Transportation 2026 in Hannover eine neue Generation batterieelektrischer Lastwagen. Größere Batterien, effizientere Antriebe und Ladeleistungen im Megawattbereich sollen Elektro-Lkw auch für längere Strecken attraktiver machen. Für viele Speditionen bleibt der Wechsel vom Diesel dennoch eine wirtschaftliche und organisatorische Herausforderung.

Die Messe ist vom 15. bis 20. September geöffnet. Schon am Pressetag einen Tag zuvor zeigten Hersteller und Ladeanbieter, wohin sich der schwere Straßengüterverkehr entwickelt. MAN, Volvo, Mercedes-Benz Trucks und andere Hersteller haben ihr Angebot an batterieelektrischen Fahrzeugen ausgebaut. Gleichzeitig spielt der Aufbau einer geeigneten Ladeinfrastruktur eine zentrale Rolle.

Die Elektro-Lkw auf der IAA Transportation 2026 zeigen damit zwei Entwicklungen gleichzeitig: Die technische Reichweite wächst deutlich, doch ein wirtschaftlicher Einsatz hängt weiterhin stark von Strecke, Ladepreisen, Depotinfrastruktur und Auslastung ab.

Elektro-Lkw erreichen inzwischen mehrere hundert Kilometer

Ein Schwerpunkt der Messe sind schwere Elektro-Lkw für den Fernverkehr. MAN präsentiert eine weiterentwickelte Generation des eTGX. Nach Angaben des Herstellers soll die 4×2-Sattelzugmaschine unter geeigneten Bedingungen eine Reichweite von bis zu 660 Kilometern erreichen. Eine Variante mit zusätzlichem Batteriepaket wird mit bis zu 720 Kilometern angegeben.

Volvo zeigt den FH Aero Electric mit verlängerter Reichweite. Der Hersteller nennt bis zu 700 Kilometer mit einer Batterieladung. Möglich wird dies unter anderem durch eine elektrische Achse, die zusätzlichen Raum für Batterien schafft. Volvo gibt für das Fahrzeug zudem eine Ladezeit von etwa 50 Minuten von 20 auf 80 Prozent an, wenn ein Megawatt-Ladesystem genutzt wird.

Solche Reichweitenangaben sind allerdings keine Garantie für jeden Transportauftrag. Tatsächliche Werte hängen unter anderem von Gesamtgewicht, Geschwindigkeit, Strecke, Wetter, Außentemperatur und Fahrweise ab. Im Speditionsalltag ist deshalb nicht allein die maximale Reichweite entscheidend. Wichtig ist vielmehr, ob sich Ladezeiten zuverlässig in Touren und gesetzliche Ruhezeiten integrieren lassen.

Mercedes-Benz Trucks erweitert sein Angebot ebenfalls. Auf der IAA ist unter anderem der eActros Lowliner zu sehen, eine besonders niedrig gebaute Sattelzugmaschine für Transporte mit großvolumigen Aufliegern. Das Fahrzeug basiert technisch auf dem bereits eingesetzten eActros 600. Die Serienproduktion des Lowliners soll im zweiten Quartal 2027 beginnen.

Megawatt-Laden soll lange Standzeiten verkürzen

Ein wichtiger Baustein für den elektrischen Fernverkehr ist das sogenannte Megawatt Charging System, kurz MCS. Daimler Truck, MAN, Scania und der Ladeanbieter Milence demonstrierten auf der IAA, wie schwere Elektro-Lkw mit sehr hoher Leistung geladen werden können.

Ziel ist, einen wesentlichen Teil der Batterie während einer regulären Fahrerpause nachzuladen. Bei einer Vorführung wurden Batterien nach Angaben der Messe innerhalb von 30 bis 45 Minuten weitgehend oder vollständig geladen. Damit nähert sich die Ladeplanung stärker den bestehenden Abläufen des Fernverkehrs an.

Das technische Potenzial steht allerdings einer noch jungen Infrastruktur gegenüber. Eine Analyse des International Council on Clean Transportation kam für Juni 2026 europaweit lediglich auf vier identifizierte, bereits betriebene öffentliche MCS-Ladepunkte. Bei Ladepunkten, die grundsätzlich von schweren Elektro-Lkw genutzt werden können, war das Angebot deutlich größer. Im Juli wurden europaweit rund 4.300 solcher Ladepunkte erfasst. Deutschland lag mit 1.090 Ladepunkten an der Spitze.

Damit bleibt eine entscheidende Frage, wo ein Lkw während seiner Tour tatsächlich mit ausreichender Leistung laden kann. Anders als bei einem Pkw müssen Stellflächen für schwere Sattelzüge groß genug sein und auch mit Auflieger problemlos angefahren werden können.

Hohe Investitionen bleiben für Speditionen ein Hindernis

Für Transportunternehmen zählt nicht nur der Kaufpreis eines Lastwagens. Entscheidend sind die Gesamtkosten über mehrere Jahre. Dazu gehören Energie, Wartung, Finanzierung, Maut, Ladeinfrastruktur und der mögliche Wiederverkaufswert.

Batterieelektrische Lkw sind bei der Anschaffung weiterhin teurer als vergleichbare Dieselfahrzeuge. Gleichzeitig können niedrigere Energie- und Wartungskosten sowie Mautvorteile den Abstand im laufenden Betrieb verringern. In Deutschland sind emissionsfreie schwere Nutzfahrzeuge derzeit von der Lkw-Maut befreit.

Berechnungen des International Council on Clean Transportation kommen deshalb zu dem Ergebnis, dass batterieelektrische Lkw unter bestimmten Annahmen in Deutschland über mehrere Jahre bereits niedrigere Gesamtkosten als Diesel-Lkw erreichen können. Das gilt jedoch nicht automatisch für jedes Unternehmen. Besonders wichtig sind der Strompreis und die Möglichkeit, Fahrzeuge günstig im eigenen Depot zu laden. Wer regelmäßig auf vergleichsweise teure öffentliche Schnellladepunkte angewiesen ist, hat andere Kostenbedingungen.

Hinzu kommen Investitionen am Betriebshof. Leistungsfähige Ladepunkte benötigen entsprechende Netzanschlüsse. Je nach Standort können dafür zusätzliche Leitungen, Transformatoren oder Netzverstärkungen erforderlich sein. Für kleinere und mittelgroße Speditionen kann deshalb nicht nur der Fahrzeugpreis, sondern das gesamte Energieprojekt zur entscheidenden Investitionsfrage werden.

Diesel dominiert den europäischen Lkw-Markt weiter

Wie groß der Abstand zwischen Messepräsentationen und Gesamtmarkt noch ist, zeigen die Zulassungszahlen. Im ersten Halbjahr 2026 entfielen nach Angaben des europäischen Herstellerverbandes ACEA 92,1 Prozent der neuen Lkw in der EU auf Dieselantriebe.

Elektrisch aufladbare Lkw erreichten einen Anteil von 4,8 Prozent. Ein Jahr zuvor waren es 3,6 Prozent. Die Zahl der Neuzulassungen in dieser Antriebskategorie stieg innerhalb eines Jahres um 47,7 Prozent. Deutschland, die Niederlande und Frankreich stellten zusammen rund drei Viertel der entsprechenden EU-Neuzulassungen.

Damit wächst der Markt schnell, allerdings von einem niedrigen Ausgangsniveau. Auch im bestehenden europäischen Fahrzeugbestand spielen elektrische Lastwagen bislang nur eine kleine Rolle.

EU schreibt Ausbau des Ladenetzes vor

Der Aufbau der Infrastruktur soll in den kommenden Jahren deutlich beschleunigt werden. Die EU-Verordnung über die Infrastruktur für alternative Kraftstoffe gibt Mindestziele für schwere Elektrofahrzeuge entlang wichtiger europäischer Verkehrsachsen vor.

Bis Ende 2030 sollen am Kernnetz des transeuropäischen Verkehrsnetzes in beiden Fahrtrichtungen Ladestandorte für schwere Elektrofahrzeuge in Abständen von höchstens 60 Kilometern verfügbar sein. Jeder Standort muss dabei eine Gesamtleistung von mindestens 3.600 Kilowatt bieten und mindestens zwei Ladepunkte mit jeweils mindestens 350 Kilowatt umfassen. Für das weitere TEN-V-Netz gelten ebenfalls Ausbauziele.

Ob ein elektrischer Lkw für eine Spedition wirtschaftlich passt, entscheidet deshalb zunehmend weniger allein die mögliche Reichweite des Fahrzeugs. Entscheidend wird das Zusammenspiel aus Fahrzeugpreis, Stromkosten, Maut, Ladeleistung, Netzanschluss und planbaren Ladepausen. Die neuen Modelle auf der IAA zeigen, dass die Fahrzeugtechnik große Schritte gemacht hat. Der flächendeckende Umbau des europäischen Schwerlastverkehrs hängt nun ebenso stark von Infrastruktur und Wirtschaftlichkeit ab.

Teilen:

Münster Map
Zum Aktivieren tippen
Route anzeigen

Mehr Beiträge:

Texte werden mit Unterstützung von KI-Tools erstellt und vor Veröffentlichung redaktionell geprüft. Mehr dazu