Reiche öffnet die Atomdebatte neu: Mini-Reaktoren im Blick

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Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche rückt neue Kernenergietechnologien stärker in den Mittelpunkt ihrer Energiepolitik. Unterlagen ihres Ministeriums zu einer USA-Reise im März zeigen, dass sich die CDU-Politikerin intensiv mit kleinen modularen Reaktoren beschäftigt und SMR als mögliches Feld internationaler Zusammenarbeit betrachtet. Zugleich hat Reiche den deutschen Atomausstieg öffentlich als schweren Fehler bezeichnet.

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Ein konkreter Wiedereinstieg Deutschlands in die kommerzielle Nutzung der Kernenergie ist damit allerdings nicht beschlossen. Weder liegt ein Regierungsbeschluss zum Bau von Mini-Atomkraftwerken vor noch ist bislang ein entsprechendes Genehmigungsprogramm angekündigt worden. Die veröffentlichten Ministeriumsunterlagen zeigen vielmehr, welche technologischen und wirtschaftlichen Optionen Reiche bei Gesprächen mit internationalen Partnern prüfen ließ.

Reiche bezeichnet Atomausstieg als großen Fehler

Besonders deutlich äußerte sich die Wirtschaftsministerin im März auf der internationalen Energiekonferenz CERAWeek in Houston. Dort bezeichnete sie den deutschen Ausstieg aus der Kernenergie als großen Fehler. Deutschland habe damit CO2-arme und vergleichsweise verlässlich verfügbare Stromerzeugung verloren. Reiche stellte ihre Kritik in den Zusammenhang mit Versorgungssicherheit, Energiepreisen und dem geplanten Ausstieg aus der Kohleverstromung.

Der deutsche Atomausstieg war am 15. April 2023 abgeschlossen worden. An diesem Tag endete der Leistungsbetrieb der letzten drei Kernkraftwerke Emsland, Isar 2 und Neckarwestheim 2. Die Anlagen befinden sich inzwischen in unterschiedlichen Stadien der Stilllegung und des Rückbaus. Nach dem geltenden Atomgesetz werden zudem keine neuen Genehmigungen für die Errichtung und den Betrieb kommerzieller Kernkraftwerke erteilt.

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Damit besteht ein erheblicher Unterschied zwischen einer politischen Neubewertung der Technologie und einem tatsächlichen Wiedereinstieg. Für neue Kernkraftwerke in Deutschland müssten zunächst die rechtlichen Rahmenbedingungen geändert werden. Hinzu kämen Genehmigungsverfahren, Sicherheitsprüfungen, Finanzierungsfragen und die weiterhin ungelöste langfristige Entsorgung hochradioaktiver Abfälle.

Interne Unterlagen zeigen Interesse an SMR-Technologie

Neue Aufmerksamkeit erhält die Debatte durch Unterlagen des Bundeswirtschaftsministeriums, die nach Informationsfreiheitsanfragen veröffentlicht wurden. Sie betreffen Reiches Reise zur CERAWeek und die Vorbereitung verschiedener Gespräche in den USA.

Darin werden Small Modular Reactors mehrfach genannt. In Unterlagen für Gespräche mit amerikanischen Regierungsvertretern wurde SMR neben Geothermie, CO2-Abscheidung sowie künstlicher Intelligenz und Rechenzentren ausdrücklich als mögliches Feld bilateraler Zusammenarbeit aufgeführt. Auch für weitere Gespräche wurde die Technologie als Thema vorbereitet.

Die Dokumente zeigen außerdem, dass das Ministerium die internationale Entwicklung dieser Reaktoren verfolgt. Das europäische Potenzial kleiner modularer Reaktoren wurde in den Vorbereitungsunterlagen hervorgehoben. Damit wird deutlich, dass Katherina Reiche und Atomkraft nicht nur über die Frage einer möglichen Wiederinbetriebnahme alter deutscher Anlagen verbunden sind. Ihr Blick richtet sich auch auf Reaktorkonzepte, die sich technisch und wirtschaftlich von den großen Kernkraftwerken früherer Jahrzehnte unterscheiden sollen.

Die Papiere belegen jedoch keinen bereits beschlossenen deutschen Bauplan. Ein verbindlicher Zeitplan für einen SMR in Deutschland, ein vorgesehener Standort oder ein konkretes staatliches Investitionsprogramm sind daraus nicht ersichtlich.

Was Mini-Atomkraftwerke von bisherigen Reaktoren unterscheidet

SMR steht für Small Modular Reactor. Gemeint sind Kernreaktoren mit deutlich geringerer Leistung als klassische große Atomkraftwerke. Ein wesentliches Konzept besteht darin, möglichst viele Komponenten standardisiert in Fabriken zu produzieren und anschließend am vorgesehenen Standort zusammenzusetzen.

Befürworter verbinden damit die Hoffnung auf kürzere Bauzeiten, besser kalkulierbare Kosten und zusätzliche Einsatzmöglichkeiten. Neben der Stromproduktion könnten solche Anlagen beispielsweise Prozesswärme für Industrieunternehmen oder Energie für große Rechenzentren bereitstellen.

Ob diese Erwartungen im kommerziellen Betrieb im großen Maßstab erfüllt werden können, ist noch offen. Weltweit befinden sich zahlreiche unterschiedliche SMR-Konzepte in Entwicklung. Nach Angaben der EU-Kommission gibt es international mehr als 120 Entwürfe in verschiedenen Entwicklungsstadien. Russland und China haben bereits kleinere modulare Anlagen an ihre Stromnetze angeschlossen.

Auch Kanada gehört zu den Ländern, die konkrete Projekte verfolgen. Am Standort Darlington in der Provinz Ontario entsteht ein neues Kernenergieprojekt mit mehreren kleinen modularen Reaktoren. Die Provinzregierung plant dort insgesamt vier Einheiten mit zusammen rund 1.200 Megawatt Leistung.

EU setzt inzwischen ausdrücklich auf SMR-Forschung

Die deutsche Diskussion findet vor dem Hintergrund einer veränderten europäischen Energiepolitik statt. Die EU-Kommission legte im März 2026 eine Strategie zur Entwicklung und Einführung kleiner sowie fortgeschrittener modularer Reaktoren vor. Ziel ist es, erste SMR-Projekte in Europa in den frühen 2030er-Jahren in Betrieb zu bringen.

Die Kommission sieht mögliche Einsatzfelder unter anderem bei der Stromversorgung, bei industrieller Wärme und bei energieintensiven Anwendungen. Vorläufige europäische Berechnungen gehen davon aus, dass SMR bis 2050 eine installierte Leistung von 17 bis 53 Gigawatt in der Europäischen Union erreichen könnten. Ob diese Größenordnung tatsächlich erreicht wird, hängt unter anderem von Genehmigungen, Finanzierung, Baukosten und der technischen Entwicklung ab.

Parallel fördert die EU unter dem Euratom-Programm Forschung zu nuklearer Sicherheit, Strahlenschutz, Entsorgung und neuen Reaktortechnologien. Der europäische Kurs bedeutet jedoch nicht, dass alle Mitgliedstaaten Kernenergie einsetzen müssen. Über ihren jeweiligen Energiemix entscheiden die Staaten grundsätzlich selbst.

Kein Beschluss zur Rückkehr deutscher Atomkraftwerke

Für Deutschland bleibt die Lage deshalb widersprüchlicher als in vielen anderen europäischen Staaten. Die Bundesregierung treibt einerseits den Ausbau erneuerbarer Energien, Stromnetze und steuerbarer Kraftwerkskapazitäten voran. Andererseits gibt es innerhalb der Union seit längerem Forderungen, neue Kerntechnologien nicht grundsätzlich auszuschließen.

Bereits im Bundestagswahlprogramm hatten CDU und CSU Forschung an Kernenergie der vierten und fünften Generation sowie an Small Modular Reactors ausdrücklich unterstützt. Im Koalitionsvertrag von CDU, CSU und SPD wurde eine Rückkehr zur kommerziellen Kernenergie dagegen nicht vereinbart.

Reiches Äußerungen und die nun veröffentlichten Unterlagen zeigen deshalb vor allem eine technologische und politische Öffnung. Die Wirtschaftsministerin betrachtet neue Reaktorkonzepte erkennbar als Thema für Forschung, internationale Kooperation und Industriepolitik. Von einem beschlossenen deutschen Atomkraft-Comeback kann daraus bislang nicht gesprochen werden.

Sollten SMR künftig tatsächlich in Deutschland zur Strom- oder Wärmeerzeugung eingesetzt werden, wäre dafür eine grundlegende politische und rechtliche Entscheidung erforderlich. Bis dahin bleibt der Atomausstieg die geltende Rechtslage, während die Diskussion über neue Formen der Kernenergie wieder deutlich an Bedeutung gewinnt.

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