
Die US-Notenbank Federal Reserve steht vor einer schwierigen Zinsentscheidung. Obwohl die Inflation in den Vereinigten Staaten deutlich über dem angestrebten Niveau liegt, rechnen die meisten Ökonomen am Mittwoch, 28. Oktober 2026, mit unveränderten Leitzinsen. Im Mittelpunkt steht deshalb nicht nur der aktuelle Beschluss, sondern vor allem die Frage, ob die Notenbank bereits im Dezember erneut die Zinsen erhöhen könnte. Auch für die internationalen Aktienmärkte, den Dollar und Anleger in Deutschland hat die Entscheidung Bedeutung.
Der Fed-Zinsentscheid am 28. Oktober 2026 wird um 19 Uhr deutscher Zeit veröffentlicht. Um 19.30 Uhr beginnt die Pressekonferenz des Notenbankvorsitzenden Kevin Warsh. Die Termine liegen aufgrund der unterschiedlichen Zeitumstellung in Europa und den USA eine Stunde früher als bei vielen anderen Sitzungen.
Die geldpolitischen Entscheidungen trifft der Offenmarktausschuss der Federal Reserve, das Federal Open Market Committee (FOMC). Das Gremium legt die Zielspanne für den kurzfristigen US-Leitzins fest und bestimmt damit eine wesentliche Grundlage für die Finanzierungskosten in der größten Volkswirtschaft der Welt.
Bei ihrer vorherigen Sitzung am 16. September hatte die Fed den Leitzins einstimmig um 0,25 Prozentpunkte angehoben. Seither liegt die Zielspanne bei 3,75 bis 4,00 Prozent. Mit der Erhöhung wollte die Notenbank dem weiterhin hohen Preisauftrieb entgegenwirken.
Eine weitere Zinserhöhung am Mittwoch gilt unter den befragten Wirtschaftsexperten als unwahrscheinlich. In einer Reuters-Umfrage vom 16. bis 20. Oktober erwarteten 94 von 100 Ökonomen, dass die Fed ihre Leitzinsspanne zunächst unverändert lässt.
Für Dezember fiel das Bild allerdings deutlich anders aus. Sämtliche 100 Teilnehmer der Umfrage rechneten mit einer Zinserhöhung bei der letzten regulären Sitzung des Jahres. Diese Einschätzung stellt eine Prognose dar und ist keine bereits getroffene Entscheidung.
Die Notenbank steht damit vor einer Abwägung. Einerseits sprechen die hohen Verbraucherpreise für eine weiterhin restriktive Geldpolitik. Andererseits könnte ein zu schneller Anstieg der Finanzierungskosten die Nachfrage dämpfen und den Arbeitsmarkt zusätzlich belasten.
Fed-Chef Kevin Warsh hat sich bislang mit konkreten Aussagen zum nächsten Zinsschritt zurückgehalten. Deshalb dürften die Formulierungen im Beschluss sowie seine Antworten während der Pressekonferenz besonders aufmerksam verfolgt werden.
Den stärksten Handlungsdruck erzeugt weiterhin die Inflation. Nach Angaben des US-Arbeitsministeriums lagen die Verbraucherpreise im September 2026 um 3,7 Prozent über dem Niveau des Vorjahres. Gegenüber August erhöhten sie sich saisonbereinigt um 0,6 Prozent.
Besonders deutlich verteuerte sich Energie. Der Benzinpreisindex stieg innerhalb eines Monats saisonbereinigt um 9,1 Prozent. Damit trugen die Kraftstoffkosten mehr als die Hälfte zum monatlichen Anstieg des gesamten Verbraucherpreisindex bei.
Auch die Kerninflation, bei der die besonders schwankungsanfälligen Preise für Lebensmittel und Energie herausgerechnet werden, blieb erhöht. Sie lag im September bei 2,6 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat.
Für die Federal Reserve ist außerdem der Preisindex der privaten Konsumausgaben, kurz PCE, von zentraler Bedeutung. Dieser lag im August bei 3,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Ohne Lebensmittel und Energie erreichte er 3,0 Prozent. Die Werte liegen weiterhin über dem Inflationsziel der Fed von zwei Prozent.
Höhere Energiepreise stellen die Geldpolitik vor ein besonderes Problem. Sie können die Inflation unmittelbar erhöhen und gleichzeitig die Kaufkraft der Verbraucher verringern. Werden steigende Transport- und Produktionskosten an Kunden weitergegeben, können zusätzliche Preissteigerungen entstehen.
Eine weitere Zinserhöhung könnte die Nachfrage bremsen, würde aber nicht unmittelbar die Ursachen gestiegener Energiepreise beseitigen.
Neben der Preisstabilität gehört ein möglichst hoher Beschäftigungsstand zu den gesetzlichen Zielen der US-Notenbank. Deshalb spielt die Entwicklung des Arbeitsmarktes für die Entscheidung eine wichtige Rolle.
Im September entstanden nach Angaben des Bureau of Labor Statistics außerhalb der Landwirtschaft lediglich 29.000 zusätzliche Arbeitsplätze. Die Arbeitslosenquote lag bei 4,2 Prozent, nach 4,1 Prozent im August.
Die Beschäftigung veränderte sich damit nur geringfügig. Ein deutlicher Beschäftigungseinbruch lässt sich aus diesen Zahlen nicht ableiten. Zugleich zeigen sie, dass der Stellenaufbau nur noch schwach ausfällt.
Eine restriktivere Geldpolitik könnte Unternehmen bei Investitionen und Neueinstellungen zusätzlich bremsen. Für die Notenbank entsteht dadurch ein Zielkonflikt zwischen der Bekämpfung der Inflation und dem Schutz der wirtschaftlichen Beschäftigung.
Auch das Konjunkturbarometer der Fed, das sogenannte Beige Book vom 14. Oktober, deutete auf eine uneinheitliche Entwicklung hin. In mehreren US-Regionen wuchs die Wirtschaftsleistung nur leicht. Viele Unternehmen meldeten eine weitgehend unveränderte Beschäftigung, während höhere Kosten weiterhin die Preisentwicklung beeinflussten.
Gleichzeitig sprechen wichtige Wirtschaftsdaten nicht für eine umfassende wirtschaftliche Schwäche. Das reale Bruttoinlandsprodukt der Vereinigten Staaten wuchs im zweiten Quartal 2026 nach der dritten Schätzung des Bureau of Economic Analysis mit einer auf das Jahr hochgerechneten Rate von 2,2 Prozent.
Zu dieser Entwicklung trugen unter anderem Konsumausgaben, Investitionen und Exporte bei. Insbesondere die Investitionstätigkeit stützte die wirtschaftliche Aktivität.
Für die Fed ergibt sich daraus ein weiterer schwieriger Zusammenhang. Eine robuste Konjunktur kann dafür sprechen, dass Unternehmen und Verbraucher höhere Finanzierungskosten verkraften. Zugleich kann eine anhaltend starke Nachfrage den Rückgang der Inflation erschweren.
Neue Informationen erhält die Notenbank bereits am Donnerstag, 29. Oktober. Dann werden die erste Schätzung des US-Wirtschaftswachstums im dritten Quartal sowie die PCE-Inflationsdaten für September veröffentlicht.
Die Veröffentlichung erfolgt erst nach dem heutigen Zinsbeschluss. Für die anschließende Bewertung der US-Geldpolitik und die Erwartungen an Dezember könnten die Zahlen dennoch bedeutsam sein.
An den internationalen Finanzmärkten dürfte die Kommunikation der Fed mindestens ebenso wichtig werden wie die eigentliche Zinsentscheidung.
Sollten die Zinsen wie erwartet unverändert bleiben, könnte die Reaktion zunächst begrenzt ausfallen. Entscheidend wäre dann, ob Warsh eine weitere Verschärfung der Geldpolitik in Aussicht stellt oder einen zurückhaltenderen Ton anschlägt.
Steigende Zinserwartungen können die Renditen von US-Staatsanleihen nach oben treiben. Bei bereits ausgegebenen festverzinslichen Anleihen führt ein solcher Renditeanstieg grundsätzlich zu sinkenden Kursen. Umgekehrt können nachlassende Zinserwartungen bestehende Anleihen stützen.
Auch Aktien reagieren auf Veränderungen des Zinsausblicks. Höhere Finanzierungskosten können Unternehmensgewinne belasten und die Bewertung zukünftiger Erträge beeinflussen. Besonders wachstumsorientierte Unternehmen reagieren häufig empfindlich auf Veränderungen der erwarteten Zinsen.
Eine Zinspause allein bedeutet deshalb nicht automatisch steigende Aktienkurse. Wenn Anleger bereits damit gerechnet haben, kann die zukünftige Ausrichtung der Geldpolitik größere Auswirkungen haben als die Entscheidung selbst.
Auch der Wechselkurs zwischen Euro und US-Dollar kann auf die Aussagen der Fed reagieren. Sollten die Finanzmärkte nach der Entscheidung mit länger anhaltend hohen US-Zinsen rechnen, könnte das den Dollar stützen.
Ein stärkerer Dollar macht amerikanische Wertpapiere aus Sicht von Euro-Anlegern bei unveränderten US-Kursen rechnerisch wertvoller. Gleichzeitig verteuert er den Erwerb neuer Dollar-Anlagen.
Verliert der Dollar gegenüber dem Euro an Wert, entsteht der umgekehrte Effekt. Kursgewinne amerikanischer Aktien können dann durch Wechselkursverluste geschmälert oder sogar vollständig aufgezehrt werden.
Das betrifft insbesondere Anleger, die US-Aktien oder international ausgerichtete Fonds und ETFs halten. Auch bei weltweit investierenden Aktienfonds spielt der hohe Anteil amerikanischer Unternehmen eine wichtige Rolle.
Darüber hinaus kann eine Veränderung des Dollar-Kurses deutsche Unternehmen beeinflussen. Ein stärkerer Dollar kann Exporte in die Vereinigten Staaten preislich begünstigen. Gleichzeitig können in Dollar gehandelte Rohstoffe für europäische Abnehmer teurer werden.
Für die Spar- und Kreditzinsen deutscher Verbraucher ist allerdings weiterhin in erster Linie die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank maßgeblich. Die Fed legt die Zinsen in Deutschland nicht unmittelbar fest.
Nach der Oktober-Sitzung steht für die Federal Reserve in diesem Jahr noch eine reguläre Zinsentscheidung an. Das FOMC tagt am 8. und 9. Dezember 2026. Bei dieser Sitzung werden auch neue wirtschaftliche Projektionen der Notenbank veröffentlicht.
Die aktuellen Prognosen vieler Ökonomen deuten auf eine weitere Zinserhöhung im Dezember hin. Ausschlaggebend dürften die bis dahin veröffentlichten Inflations-, Arbeitsmarkt- und Konjunkturdaten sein.
Am Mittwochabend richtet sich der Blick deshalb auf zwei Ebenen: auf die aktuelle Leitzinsspanne und auf die Hinweise, die Kevin Warsh für den weiteren geldpolitischen Kurs gibt.
Der erwartete Verzicht auf eine sofortige Zinserhöhung würde den Inflationsdruck nicht beseitigen. Er könnte der Notenbank jedoch zusätzliche Zeit verschaffen, die Entwicklung von Preisen, Beschäftigung und Wirtschaftswachstum zu beurteilen. Ob daraus im Dezember eine weitere Zinserhöhung folgt, ist noch nicht entschieden.
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