
Die Hüttenwerke Krupp Mannesmann (HKM) in Duisburg stehen vor einem grundlegenden Umbau ihrer Stahlproduktion. Der Salzgitter-Konzern investiert rund eine Milliarde Euro in einen neuen Elektrolichtbogenofen, der ab 2029 deutlich klimafreundlicher Stahl produzieren soll. Während das Großprojekt die industrielle Zukunft des Standorts sichern soll, werden bis 2029 voraussichtlich rund 1.700 Arbeitsplätze abgebaut. Bei einem Besuch am Montag, 19. Oktober 2026, informierten sich die Ministerpräsidenten Hendrik Wüst aus Nordrhein-Westfalen und Olaf Lies aus Niedersachsen über die geplante Umstellung.
Der neue Elektrolichtbogenofen bei HKM soll nach Unternehmensangaben der größte seiner Art in Deutschland und der zweitgrößte innerhalb der Europäischen Union werden. Vorgesehen ist eine technische Kapazität von bis zu 2,5 Millionen Tonnen Flüssigstahl jährlich. Im regulären Betrieb plant Salzgitter zunächst mit einer Produktionsmenge von rund zwei Millionen Tonnen. Die Anlage wird Stahlschrott und zugekauftes direktreduziertes Eisen mithilfe elektrischer Energie einschmelzen. Damit unterscheidet sich das Verfahren grundlegend von der bisherigen Stahlherstellung mit Hochöfen und Koks.
Die Investitionskosten liegen nach Angaben der IG Metall und des WDR bei rund einer Milliarde Euro. Davon übernehmen der Bund und Nordrhein-Westfalen gemeinsam 200 Millionen Euro über das Förderprogramm „Bundesförderung Industrie und Klimaschutz“. Den übrigen Finanzierungsbedarf trägt im Wesentlichen die Salzgitter AG. Einen wichtigen Auftrag hat HKM bereits am 28. Juli 2026 vergeben: Der italienische Anlagenbauer Tenova soll den Elektrolichtbogenofen einschließlich wesentlicher technischer Einrichtungen liefern und gemeinsam mit HKM in Betrieb nehmen. Die Umsetzung begann im August 2026, die Fertigstellung ist für 2029 vorgesehen.
Bei ihrem Besuch auf dem Werksgelände am Montag unterstrichen Hendrik Wüst und Olaf Lies die Bedeutung des Vorhabens für die industrielle Zukunft. Auch die Vorsitzende der IG Metall, Christiane Benner, nahm an dem Termin teil. Wüst bezeichnete das Projekt gegenüber dem WDR als Investition in die Souveränität Deutschlands. Mit dem neuen Ofen soll am traditionsreichen Stahlstandort Duisburg die Produktion auf einer technisch veränderten Grundlage fortgesetzt werden.
Für die Beschäftigten ist die Umstellung mit erheblichen Einschnitten verbunden. Nach dem im Juli vereinbarten Sozialtarifvertrag sollen bei HKM insgesamt rund 1.700 Arbeitsplätze wegfallen. Etwa 500 Beschäftigte haben das Unternehmen nach Angaben des WDR bereits verlassen. Weitere rund 1.200 Stellen sollen bis Mitte 2029 abgebaut werden. Der Personalabbau hängt mit der Verkleinerung der Produktion und dem Wechsel zu einem Verfahren zusammen, das weniger Beschäftigte benötigt. Ursprünglich hatte Salzgitter sogar angekündigt, die Belegschaft langfristig von rund 3.000 auf etwa 1.000 Menschen zu reduzieren.
Der Sozialtarifvertrag enthält Regelungen zu Abfindungen, Altersteilzeit und weiteren Möglichkeiten für einen sozialverträglichen Austritt. Über die konkreten finanziellen Bedingungen vereinbarten die Tarifparteien Stillschweigen. Die IG Metall hatte zuvor über Monate für eine verbindliche Absicherung der Beschäftigten gekämpft. Nach Gewerkschaftsangaben sichert die Fortführung des Werks zugleich eine erhebliche Zahl industrieller Arbeitsplätze. Im Juli war von insgesamt rund 2.200 gesicherten Stellen bei HKM und in verbundenen Produktionsbereichen der Region die Rede.
Auch Ministerpräsident Wüst ging beim Besuch am Montag auf die Einschnitte für die Belegschaft ein. Für die Gewerkschaft bleibt die soziale Gestaltung des Personalabbaus ein zentraler Bestandteil des Umbaus. Während der neue Ofen den langfristigen Betrieb des Werks ermöglichen soll, endet für viele Beschäftigte die Arbeit im Unternehmen bereits vor der geplanten Inbetriebnahme.
Die Eigentümerverhältnisse bei HKM haben sich bereits grundlegend verändert. Seit Juli 2026 gehört das Unternehmen vollständig zur Salzgitter AG. Zuvor war das Duisburger Stahlwerk ein Gemeinschaftsunternehmen von thyssenkrupp Steel Europe, Salzgitter und dem französischen Röhrenhersteller Vallourec. Am 8. Juli wurde die Vereinbarung zur vollständigen Übernahme unterzeichnet. Damit trägt Salzgitter die alleinige Verantwortung für die weitere Entwicklung des Standorts. Die Lieferbeziehungen zu thyssenkrupp Steel sollen Ende 2028 auslaufen, vier Jahre früher als zunächst vorgesehen.
Der Rückbau der bisherigen Produktionsanlagen hat unterdessen begonnen. Am 19. September 2026 wurde Hochofen A nach mehr als 53 Betriebsjahren endgültig abgeschaltet. Bereits wenige Tage zuvor hatte HKM eine seiner beiden Koksofenbatterien außer Betrieb genommen. Hochofen B bleibt zunächst bestehen und soll die Produktion bis zum Übergang auf den Elektrolichtbogenofen ermöglichen. Im Jahr 2025 produzierten beide Hochöfen zusammen rund vier Millionen Tonnen Roheisen. Für 2026 kalkuliert HKM mit etwa drei Millionen Tonnen, ab 2027 soll die Kapazität bei jährlich bis zu 2,5 Millionen Tonnen liegen.
Die Umstellung verändert auch die Rohstoffversorgung. Statt Eisenerz mit Koks im Hochofen zu Roheisen zu verarbeiten, setzt HKM künftig auf eingeschmolzenen Schrott und direktreduziertes Eisen. Das Unternehmen will dadurch den Ausstoß klimaschädlicher Gase erheblich senken. Nach Angaben von Salzgitter ist langfristig eine Verringerung der CO₂-Emissionen aus der Stahlproduktion um bis zu 90 Prozent möglich. Voraussetzung dafür sind ausreichend erneuerbarer Strom und entsprechend emissionsarm hergestellte Ausgangsmaterialien. Der geplante Ofen allein garantiert diese Einsparung deshalb noch nicht.
Der Umbau in Duisburg ist Teil einer umfassenden Veränderung der deutschen Stahlindustrie. Die Unternehmen müssen ihre energieintensive Produktion schrittweise klimafreundlicher gestalten und gleichzeitig im internationalen Wettbewerb bestehen. Hohe Energiekosten, ein angespannter europäischer Stahlmarkt und die schwache Nachfrage wichtiger Industriezweige erschweren die notwendigen Investitionen. Besonders die Automobilindustrie, der Maschinenbau und die Bauwirtschaft beeinflussen den Absatz deutscher Stahlhersteller.
Nach Angaben der Wirtschaftsvereinigung Stahl stieg die deutsche Rohstahlproduktion im August 2026 gegenüber dem Vorjahresmonat um 1,7 Prozent auf rund 2,6 Millionen Tonnen. Dabei entwickelte sich die Elektrostahlproduktion mit einem Zuwachs von 13 Prozent deutlich besser als die konventionelle Herstellung über Hochofen und Konverter, die um zwei Prozent zurückging. Von Januar bis August wurden insgesamt rund 23,9 Millionen Tonnen Rohstahl hergestellt. Das entsprach einem Plus von 6,3 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum, allerdings von einem zuvor niedrigen Produktionsniveau aus.
Auch die internationale Marktentwicklung bleibt anspruchsvoll. Der Weltstahlverband worldsteel erwartet nach seiner Prognose vom 12. Oktober 2026 für das laufende Jahr eine weltweite Stahlnachfrage von rund 1,72 Milliarden Tonnen. Damit dürfte der Bedarf gegenüber 2025 weitgehend stagnieren. Für 2027 wird ein Wachstum von 1,7 Prozent prognostiziert. Die Wirtschaftsvereinigung Stahl weist zugleich darauf hin, dass die erwartete Erholung in Deutschland von einem historisch niedrigen Nachfrageniveau ausgeht. Für die Branche bleiben deshalb wettbewerbsfähige Strompreise, der Schutz vor unfairen Handelspraktiken und die Nachfrage nach emissionsarm produziertem Stahl wichtige wirtschaftliche Faktoren.
Die Investition bei HKM zeigt damit zwei Seiten der industriellen Transformation. In Duisburg entsteht eine Anlage, die einen wesentlichen Teil der bisherigen Stahlproduktion ersetzen und den CO₂-Ausstoß deutlich reduzieren soll. Gleichzeitig wird das Werk kleiner und benötigt erheblich weniger Personal. Mit der für 2029 vorgesehenen Inbetriebnahme verbindet Salzgitter die Perspektive, auch künftig Stahl in Duisburg zu produzieren. Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und die Energieversorgung werden wesentlich dafür sein, wie erfolgreich dieser Umbau langfristig verläuft.
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