
Nach dem schweren Zwischenfall mit einem Tanker in der Straße von Hormus widersprechen sich Iran und die USA über die Ursache. Betroffen ist der unter panamaischer Flagge fahrende Öltanker El Gaia. Das Schiff wurde beschädigt, an Bord brach Feuer aus. Die Internationale Seeschifffahrtsorganisation IMO führt die El Gaia als beschädigt und nennt zwei vermisste Seeleute. Die Ursache des Vorfalls ist dagegen weiterhin nicht unabhängig geklärt.
Die iranischen Revolutionsgarden erklärten am Montag, die El Gaia sei in einer von Iran als gesperrt bezeichneten Zone südlich der Straße von Hormus mit Seeminen in Berührung gekommen. Dabei sei es zu einem schweren Zwischenfall mit Feuer an Bord gekommen. Einen Zeitpunkt für den angeblichen Minenkontakt nannten die Revolutionsgarden zunächst nicht. Eine unabhängige Bestätigung dafür lag zunächst nicht vor.
Das für den Nahen Osten zuständige US-Zentralkommando CENTCOM wies die iranische Darstellung ausdrücklich zurück. Nach Darstellung des US-Militärs war die El Gaia bereits im August von einer iranischen Rakete getroffen und manövrierunfähig gemacht worden. Am vergangenen Wochenende sei das Schiff vor der Küste Omans erneut mit einer iranischen Drohne angegriffen worden. CENTCOM erklärte außerdem, der Tanker werde inzwischen von einem regionalen Partner abgeschleppt. Auch diese Angaben zur genauen Abfolge der Angriffe ließen sich zunächst nicht unabhängig vollständig bestätigen.
Fest steht, dass es in der Nacht zum 13. September einen schweren Sicherheitsvorfall in der Meerenge gab. Die britische Stelle UK Maritime Trade Operations registrierte für den 12. September gegen 23 Uhr UTC den Treffer eines unbekannten Projektils auf ein Schiff, das die Straße von Hormus passierte. In einer späteren Aktualisierung wurde ein Feuer an Bord gemeldet, die Besatzung sollte mit Hilfe örtlicher Behörden evakuiert werden. Der ursprüngliche Warnhinweis nannte das Schiff noch nicht.
Eine anschließende Navigationswarnung identifizierte die El Gaia als an einem Sicherheitsvorfall beteiligtes Schiff und meldete Feuer sowie ein Abdriften des Tankers. Die IMO führt die El Gaia mit der IMO-Nummer 9325336 in ihrer Liste bestätigter Vorfälle im Nahen Osten. Dort ist für den 12. September ein Schaden am Schiff vermerkt. Das Ausmaß einer möglichen Verschmutzung ist demnach nicht geklärt. Zwei Seeleute wurden als vermisst geführt.
Indiens Außenministerium hatte zuvor erklärt, dass sich mindestens 14 indische Seeleute an Bord befanden. 13 von ihnen seien gerettet worden, ein indischer Staatsangehöriger werde vermisst. Warum die IMO zwei vermisste Seeleute nennt, während Indien von einem vermissten Inder sprach, blieb zunächst offen.
Der Zwischenfall trifft eine Route, auf der der Schiffsverkehr ohnehin bereits stark eingeschränkt ist. Nach vorläufigen Daten des Analyseunternehmens Kpler passierten am Montag nur vier Rohstoffschiffe die Straße von Hormus. Am Sonntag waren es noch zehn gewesen. Zwei Massengutfrachter verließen die Meerenge, zwei leere Öltanker fuhren hinein. Schiffe mit abgeschaltetem AIS-Transponder können in diesen Zahlen allerdings fehlen.
Vor Beginn des Krieges mit Iran Ende Februar passierten nach Branchendaten im Durchschnitt etwa 125 größere Handelsschiffe pro Tag die Meerenge. Über Hormus lief damals ein erheblicher Teil des internationalen Energiehandels. Rund ein Fünftel der weltweiten täglichen Versorgung mit Rohöl und Flüssigerdgas war von dieser Route abhängig. Inzwischen wird die Passage nur noch von einem Bruchteil der früheren Zahl an Schiffen genutzt.
Zusätzlich verschärft ein Ausfall der saudischen Ost-West-Pipeline die Lage. Saudi-Arabien hat die rund 1.200 Kilometer lange Leitung außer Betrieb genommen, nachdem eine Anlage am vergangenen Donnerstag aus der Luft angegriffen worden war. Die Pipeline verbindet die Fördergebiete am Persischen Golf mit dem Rotmeerhafen Yanbu. Sie wurde bereits in den 1980er-Jahren gebaut, um Rohöl an der Straße von Hormus vorbeitransportieren zu können.
Gerade während der weitgehenden Blockade von Hormus hat diese Verbindung stark an Bedeutung gewonnen. Zuletzt wurden nach Marktangaben rund vier Millionen Barrel Öl pro Tag über die Pipeline in Richtung Rotes Meer transportiert. Das entspricht ungefähr vier Prozent der weltweiten Ölversorgung. Saudi-Arabien macht iranisch unterstützte Kräfte im Irak für den Angriff verantwortlich. Die genaue Urheberschaft war zunächst nicht unabhängig geklärt. Einen offiziellen Termin für eine vollständige Wiederaufnahme des Pipelinebetriebs gab Riad zunächst nicht bekannt.
Gleichzeitig verschärft sich die Lage am anderen Ende der Arabischen Halbinsel. Die mit Iran verbündeten Huthi haben ihre Kontrolle entlang der jemenitischen Küste am Roten Meer deutlich ausgeweitet. Zu ihren jüngsten Geländegewinnen gehören die Insel Perim, auch Mayyun genannt, direkt in der Meerenge Bab al-Mandab sowie die strategisch gelegenen Inseln Groß-Hanisch und Klein-Hanisch weiter nördlich im Roten Meer.
Damit wächst der Druck auch auf die zweite wichtige Seeachse für Öltransporte aus der Region. Bab al-Mandab verbindet das Rote Meer mit dem Golf von Aden und damit mit dem Indischen Ozean. Am Montag wurden dort nach Kpler-Daten 21 Durchfahrten von Rohstoffschiffen registriert, nach 28 am Vortag. Saudi-Arabien und verbündete jemenitische Kräfte haben zugleich ihre Luftangriffe auf Huthi-Stellungen verstärkt.
Die Huthi griffen am Montag nach eigenen Angaben außerdem den saudischen Militärflugplatz Khamis Mushait mit Raketen und Drohnen an. Die von Saudi-Arabien geführte Koalition meldete 13 verletzte Zivilisten. Am Dienstag gab der saudische Zivilschutz nach zuvor ausgelösten Warnungen unter anderem für Yanbu, Dschidda, Abha, Dschazan, Al-Ula und Taif Entwarnung.
Die zunehmenden Risiken für beide wichtigen Schifffahrtswege spiegeln sich inzwischen deutlich an den Energiemärkten wider. Die Nordseesorte Brent stieg im asiatischen Handel am frühen Dienstag auf etwa 107,20 Dollar je Barrel. Damit lag der Preis im September bereits mehr als 18 Prozent höher. Am Montag hatte Brent zeitweise fast 110 Dollar erreicht.
Auch die Kosten für den Transport von Rohöl sind erheblich gestiegen. Die Frachtrate für sehr große Rohöltanker auf der Route vom Golf von Oman nach China erreichte zuletzt ein Rekordniveau. Nach Daten der Baltic Exchange entsprach die Fracht zeitweise rund 11,50 Dollar pro transportiertem Barrel. Neben höheren Versicherungsrisiken reduziert auch die geringere Zahl verfügbarer Tanker in der Region das Angebot an Transportkapazität.
Eine rasche Entspannung zeichnet sich zugleich nicht ab. Oman wollte am Montag Gespräche zwischen Iran und den arabischen Golfstaaten über Regelungen für die Straße von Hormus ausrichten. Das Treffen wurde jedoch verschoben. Iran erklärte, die Verschiebung sei auf Wunsch Saudi-Arabiens erfolgt. Ein neuer Termin wurde zunächst nicht bekannt.
Damit treffen mehrere Störungen gleichzeitig aufeinander: Der Verkehr durch Hormus liegt weit unter dem früheren Niveau, ein beschädigter Tanker sorgt für neue Sicherheitsfragen, Saudi-Arabiens wichtigste Pipeline zum Roten Meer ist außer Betrieb und die Huthi haben ihren Einfluss an der südlichen Rotmeerroute ausgebaut. Solange diese Engpässe gleichzeitig bestehen, bleiben Ölversorgung, Frachtraten und internationale Schifffahrt erheblichen Risiken ausgesetzt.
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