
Israels Zentralbank hat Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ungewöhnlich deutlich widersprochen. Hintergrund sind seine Überlegungen, die israelische Wirtschaft mithilfe digitaler Zahlungsmittel auf mögliche internationale Sanktionen vorzubereiten. Die Bank of Israel hält Kryptowährungen gegen Sanktionen jedoch nicht für einen geeigneten Ausweg. Auch zahlreiche führende Wirtschaftsfachleute warnen vor den Folgen einer möglichen finanziellen Isolation des Landes.
In einem Interview mit dem israelischen Wirtschaftssender Channel 10 am Freitag, 23. Oktober 2026, erklärte Netanjahu, Israel müsse sich auf mögliche internationale Sanktionen einstellen. Dabei sprach er ausdrücklich auch über Beschränkungen im Bankensektor.
Als mögliche Antwort brachte der Regierungschef alternative Zahlungswege ins Gespräch. Auf Nachfrage bestätigte er, dass Kryptowährungen und Blockchain-Technologie zu den untersuchten Möglichkeiten gehörten. Nach seinen Angaben habe er bereits die Ausarbeitung eines entsprechenden Plans angeordnet.
Netanjahu verwies außerdem auf eine möglicherweise sinkende militärische Unterstützung durch die USA. Israel müsse sich langfristig darauf einstellen, wirtschaftlich und sicherheitspolitisch unabhängiger zu werden.
Bereits am Samstag reagierte die israelische Zentralbank mit einer deutlichen Stellungnahme. Kryptowährungen könnten internationale Sanktionen nicht wirksam umgehen, erklärte die Institution.
Statt alternative Finanzstrukturen aufzubauen, solle die Regierung die wirtschaftlichen Beziehungen zu den wichtigsten Handelspartnern schützen und Maßnahmen zur Verhinderung weiterer Sanktionen ergreifen. Dafür sei die politische Führung verantwortlich.
Netanjahus Krypto-Plan stößt damit auf ausdrücklichen Widerspruch einer Institution, die für die Geldpolitik und die Stabilität des israelischen Finanzsystems verantwortlich ist.
Der Ministerpräsident hielt an seinen Überlegungen fest. In einem weiteren Fernsehinterview am Samstag erklärte er, Kryptowährungen seien lediglich eine von mehreren Möglichkeiten. Die Einwände der Zentralbank nehme er zur Kenntnis, seine wirtschaftspolitischen Entscheidungen treffe er jedoch selbst.
Am Sonntag, 25. Oktober, verschärfte sich die Auseinandersetzung. Insgesamt 109 Ökonomen, Unternehmensvertreter und ehemalige hochrangige Regierungs- und Zentralbankmitarbeiter veröffentlichten eine gemeinsame Stellungnahme.
Zu den Unterzeichnern gehören der frühere Zentralbankchef Jacob Frenkel sowie die Nobelpreisträger Joel Mokyr und Aaron Ciechanover.
Die Gruppe warnt, dass umfassende internationale Bankensanktionen die Finanzierung von Unternehmen, Investitionen und den Außenhandel erheblich beeinträchtigen könnten. Besonders betroffen wäre nach ihrer Einschätzung die international vernetzte Technologiebranche.
Auch Schwierigkeiten bei internationalen Zahlungen und der Versorgung mit importierten Gütern werden als mögliche Folgen genannt. Dabei handelt es sich um Warnungen vor einem hypothetischen Szenario, nicht um bereits eingetretene Auswirkungen.
Die Debatte trifft eine Volkswirtschaft, deren Wachstum wesentlich vom internationalen Handel und technologischen Exporten abhängt. Nach Angaben der Europäischen Kommission entfielen 2025 rund 31,7 Prozent des israelischen Warenhandels auf die Europäische Union. Das Handelsvolumen zwischen beiden Seiten erreichte 43,3 Milliarden Euro. Die EU ist damit Israels größter Handelspartner.
Gleichzeitig zeigt die aktuelle Konjunkturprognose der Bank of Israel eine wirtschaftliche Erholung. Für 2026 erwartet die Zentralbank ein Wachstum von 3,4 Prozent, wenn die Produktion israelischer Unternehmen im Ausland herausgerechnet wird. Für 2027 liegt die entsprechende Prognose bei 5,1 Prozent.
Allerdings bleiben die öffentlichen Finanzen belastet. Die Zentralbank rechnet für 2026 mit einem Haushaltsdefizit von 4,4 Prozent der Wirtschaftsleistung und einer Staatsschuldenquote von rund 68 Prozent.
Auch der Schekel hat zuletzt nachgegeben. Bei ihrer Zinsentscheidung am 21. Oktober meldete die Zentralbank eine Abwertung gegenüber dem US-Dollar um 3,1 Prozent seit der vorherigen Zinsentscheidung. Der Leitzins blieb bei 3,25 Prozent. Ende September verfügte Israel über Devisenreserven von rund 237 Milliarden US-Dollar.
Der wirtschaftspolitische Streit steht im Zusammenhang mit internationalen Maßnahmen gegen die israelische Siedlungspolitik im besetzten Westjordanland. Großbritannien, Frankreich und Kanada kündigten im September Beschränkungen für die Einfuhr von Waren aus israelischen Siedlungen an. Weitere europäische Staaten unterstützen vergleichbare Schritte oder prüfen entsprechende Maßnahmen.
Die britische Regierung bekräftigte am 19. Oktober ihre Absicht, ein entsprechendes Einfuhrverbot gesetzlich umzusetzen.
Diese Maßnahmen sind von umfassenden Bankensanktionen gegen Israel zu unterscheiden. Solche Sanktionen, die den internationalen Zahlungsverkehr des Landes grundsätzlich einschränken würden, sind bislang nicht beschlossen.
Netanjahu hatte bereits im September 2025 erklärt, Israel müsse in bestimmten Bereichen wirtschaftlich eigenständiger werden. Damals sprach er von einer teilweise autarken Wirtschaft und verwies insbesondere auf die Rüstungsindustrie. Seine neuen Überlegungen gehen darüber hinaus, weil sie auch alternative internationale Finanz- und Zahlungswege betreffen.
Der Konflikt über die wirtschaftliche Ausrichtung Israels fällt unmittelbar vor die Parlamentswahl am Dienstag, 27. Oktober 2026. Während Netanjahu für Vorbereitungen auf mögliche Sanktionen wirbt, setzt die Zentralbank auf den Erhalt internationaler Handels- und Finanzbeziehungen.
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