
Künstliche Intelligenz könnte die Arbeitswelt weltweit grundlegend verändern. Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet damit, dass rund 40 Prozent aller Arbeitsplätze von den Auswirkungen der Technologie betroffen sein könnten. In wirtschaftlich entwickelten Ländern liegt der Anteil sogar bei etwa 60 Prozent. Bei der Jahrestagung von IWF und Weltbank in Bangkok hat IWF-Chefin Kristalina Georgieva diese Einschätzung am 12. Oktober 2026 bekräftigt. Besondere Aufmerksamkeit gilt den Berufschancen junger Menschen, deren traditionelle Einstiegspositionen zunehmend unter Druck geraten.
Die Schätzung des IWF geht auf eine Analyse vom Januar 2024 zurück, deren Ergebnisse auch 2026 weiterhin Grundlage der Einschätzungen sind. Demnach könnte künstliche Intelligenz zahlreiche Tätigkeiten übernehmen, Beschäftigte bei ihrer Arbeit unterstützen oder bestehende Berufsbilder verändern. Betroffen sind nicht ausschließlich einfache Routinetätigkeiten. Auch anspruchsvolle Aufgaben in der Verwaltung, der Softwareentwicklung und anderen wissensintensiven Berufen lassen sich zunehmend durch KI-Anwendungen unterstützen oder teilweise automatisieren. Die Zahl von 40 Prozent beschreibt deshalb den Anteil potenziell betroffener Arbeitsplätze und nicht den Umfang eines erwarteten Stellenabbaus.
In den Industrieländern könnten nach Berechnungen des Währungsfonds etwa sechs von zehn Arbeitsplätzen von KI beeinflusst werden. Bei einem Teil dieser Tätigkeiten erwartet der IWF Produktivitätsgewinne, weil Beschäftigte mithilfe der Technologie schneller oder effizienter arbeiten können. In anderen Bereichen könnten Unternehmen dagegen weniger Personal benötigen oder bestimmte Aufgaben vollständig automatisieren. Welche Entwicklung überwiegt, hängt unter anderem vom Einsatz der Technologie, den beruflichen Anforderungen und den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ab.
Vor allem für junge Menschen könnte der Wandel erhebliche Folgen haben. Viele klassische Einstiegspositionen umfassen Aufgaben, die sich vergleichsweise leicht automatisieren lassen. Dazu gehören beispielsweise standardisierte Auswertungen, einfache Programmierarbeiten oder wiederkehrende Büroaufgaben. Wenn Unternehmen solche Tätigkeiten zunehmend durch KI erledigen lassen, könnte es schwieriger werden, die ersten beruflichen Erfahrungen zu sammeln. Bereits im Januar 2026 verwies der IWF auf erste Erkenntnisse aus den USA, wonach der Einsatz generativer KI mit einer rückläufigen Nachfrage nach Berufseinsteigern in besonders automatisierbaren Tätigkeitsfeldern verbunden ist.
Bei der Jahrestagung in Bangkok warnte auch Singapurs Präsident Tharman Shanmugaratnam am 12. Oktober vor dieser Entwicklung. Die Nachfrage nach Arbeitskräften unmittelbar nach dem Studienabschluss gehe bereits zurück, insbesondere in Bereichen, die stark von KI betroffen seien. Dadurch könne eine wichtige Stufe des bisherigen beruflichen Aufstiegs verloren gehen. Weltbankpräsident Ajay Banga äußerte sich zurückhaltender und bezweifelte, dass KI zwangsläufig zum Wegfall von Einstiegspositionen führen müsse.
Neue Untersuchungen des IWF verdeutlichen zugleich, wie sich die Anforderungen verändern. Am 12. Oktober stellte IWF-Ökonomin Divya Kirti in Bangkok eine Analyse von Millionen Online-Stellenanzeigen aus Asien vor. Sie untersucht Veränderungen der Arbeitskräftenachfrage durch künstliche Intelligenz. Die bisher verfügbaren Erkenntnisse zeigen allerdings noch nicht abschließend, ob jüngere Beschäftigte insgesamt stärker betroffen sind als erfahrene Arbeitnehmer.
Neben möglichen Arbeitsplatzverlusten entstehen durch künstliche Intelligenz auch neue Beschäftigungsmöglichkeiten. Eine IWF-Untersuchung vom Januar 2026 ergab, dass in wirtschaftlich entwickelten Ländern bereits ungefähr jede zehnte Stellenausschreibung mindestens eine neuartige Qualifikation verlangt. Dazu zählen neben KI-Kenntnissen auch andere digitale und technische Fähigkeiten. In den USA und Großbritannien bieten Stellenanzeigen mit solchen Anforderungen durchschnittlich etwa drei Prozent höhere Gehälter. Gleichzeitig könnte die Nachfrage nach traditionellen Tätigkeiten mit mittleren Qualifikationsanforderungen zurückgehen.
Auch die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen sind widersprüchlich. Investitionen in Rechenzentren, digitale Infrastruktur und neue Technologien stützen derzeit die internationale Konjunktur. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass sich Einkommensunterschiede vergrößern und wirtschaftlich schwächere Staaten bei der technologischen Entwicklung zurückfallen. Bei einer IWF-Pressekonferenz am 17. Oktober betonte Georgieva deshalb die Notwendigkeit gemeinsamer Regeln und politischer Maßnahmen, um Chancen der künstlichen Intelligenz zu nutzen und Risiken zu begrenzen.
Der IWF empfiehlt unter anderem Investitionen in Bildung, berufliche Weiterbildung und soziale Absicherung. Entscheidend dürfte werden, ob Beschäftigte rechtzeitig neue Fähigkeiten erwerben können und Unternehmen ausreichend neue Arbeitsmöglichkeiten schaffen. Damit verändert KI auf dem Arbeitsmarkt nicht nur bestehende Berufe. Die Technologie könnte auch darüber entscheiden, wie junge Menschen künftig ihre berufliche Laufbahn beginnen.
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