Studie findet reaktivierte Viren nach schwerem Covid

Ein Schild zeigt Warnung
Symbolbild mit KI erstellt

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Eine schwere Covid-19-Erkrankung geht offenbar häufig mit einer erneuten Aktivität anderer Viren einher, die bereits zuvor im Körper vorhanden waren. Das zeigt eine große US-Studie, die Anfang August im Fachjournal Nature veröffentlicht wurde. Die Forschenden fanden unter anderem Hinweise auf eine Reaktivierung von Epstein-Barr-Virus, Cytomegalievirus und Herpes-simplex-Virus sowie von Viren aus der Familie der Anelloviren. Für Long Covid ist vor allem eine Beobachtung zu Anelloviren interessant. Eine Ursache für die anhaltenden Beschwerden ist damit allerdings nicht nachgewiesen.

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Die Untersuchung basiert auf der US-amerikanischen IMPACC-Kohorte. Insgesamt wurden 1.154 Erwachsene einbezogen, die zwischen Mai 2020 und März 2021 wegen Covid-19 in 20 Krankenhäusern behandelt wurden. Die Teilnehmenden waren zum Zeitpunkt ihrer Aufnahme noch nicht gegen Covid-19 geimpft. Blutproben, Nasenabstriche und bei beatmeten Patienten auch Sekret aus den unteren Atemwegen wurden während des Krankenhausaufenthalts mehrfach untersucht. Weitere Proben konnten bis zu zwölf Monate nach der Aufnahme folgen.

Forscher suchten direkt nach Spuren aktiver Viren

Ein wesentlicher Unterschied zu vielen früheren Untersuchungen besteht darin, dass sich die Wissenschaftler nicht allein auf Antikörper stützten. Mithilfe von RNA-Sequenzierungen suchten sie nach genetischen Transkripten verschiedener Viren. Solche Transkripte liefern Hinweise darauf, dass ein Virus biologisch aktiv ist und nicht lediglich als ruhendes Erbgut im Körper verbleibt.

Gefunden wurden unter anderem Transkripte des Epstein-Barr-Virus, kurz EBV, des Cytomegalievirus, kurz CMV, des humanen Herpesvirus 6 sowie der Herpes-simplex-Viren HSV-1 und HSV-2. Hinzu kamen verschiedene Anelloviren und Enteroviren.

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Besonders deutlich waren die zeitlichen Unterschiede. Bei EBV erreichte die Nachweisrate bereits zu Beginn des Krankenhausaufenthalts einen Höhepunkt. In den ersten acht Tagen wurden bei 260 von 1.080 zu diesem Zeitpunkt auswertbaren Teilnehmern EBV-Transkripte gefunden, entsprechend rund 24 Prozent. HSV-1 und CMV wurden dagegen bei einem Teil der Patienten erst später im Krankheitsverlauf häufiger nachgewiesen.

Die Forschenden fanden zudem statistische Zusammenhänge zwischen der Reaktivierung bestimmter chronischer Viren und der Schwere der Covid-19-Erkrankung. Das bedeutet jedoch nicht, dass die zusätzlich aktiven Viren die schwere Erkrankung verursacht haben. Ebenso denkbar ist, dass eine schwere Infektion und die damit verbundenen Veränderungen des Immunsystems die Reaktivierung begünstigen.

Was die Ergebnisse über Long Covid aussagen

Für die Frage nach einer Virusreaktivierung bei Long Covid untersuchte das Team auch Proben und Befragungsdaten aus der Erholungsphase. Dabei wurden die Teilnehmer anhand selbst berichteter Beschwerden unter anderem Gruppen mit körperlichen, kognitiven oder kombinierten Einschränkungen zugeordnet.

Ein häufig diskutierter Verdächtiger ist das Epstein-Barr-Virus. Frühere Arbeiten hatten bei Menschen mit Long Covid unter anderem auffällige EBV-Antikörperwerte beschrieben. In der neuen Untersuchung zeigte sich jedoch kein signifikanter Zusammenhang zwischen dem Nachweis von EBV-Transkripten während der akuten Erkrankung und der späteren Zuordnung zu einer Long-Covid-Gruppe.

Anders sah es bei Anelloviren aus. Deren Transkripte wurden während der Erholungsphase häufiger bei Teilnehmern gefunden, die anhaltende körperliche Einschränkungen oder Fatigue angaben. Der statistische Zusammenhang blieb auch bestehen, nachdem Faktoren wie Alter, Geschlecht, die Schwere der ursprünglichen Covid-19-Erkrankung und eine medikamentöse Immunsuppression berücksichtigt worden waren.

Was dahintersteckt, ist offen. Anelloviren sind beim Menschen sehr weit verbreitet. Zu ihnen gehört das Torque-Teno-Virus. Anders als bei zahlreichen bekannten Krankheitserregern ist bislang nicht geklärt, ob Anelloviren selbst relevante Beschwerden verursachen oder ob ihre stärkere Vermehrung eher ein Anzeichen für einen veränderten Zustand des Immunsystems ist. Der Nachweis könnte deshalb sowohl Teil eines Krankheitsmechanismus als auch lediglich ein biologischer Begleitmarker sein.

Keine einfache Erklärung für Long Covid

Die Ergebnisse liefern somit keinen Beweis dafür, dass schlummernde Viren Long Covid auslösen. Die Studie zeigt zunächst, dass während einer schweren Covid-19-Erkrankung mehrere bereits vorhandene Viren wieder verstärkt aktiv werden können und dass bestimmte Virusnachweise mit Krankheitsmerkmalen zusammenhängen.

Long Covid umfasst sehr unterschiedliche Beschwerden und vermutlich auch mehrere biologische Mechanismen. Untersucht werden unter anderem anhaltende Immunreaktionen, Veränderungen von Blutgefäßen und Gerinnung, mögliche Virusreservoirs von SARS-CoV-2 und Störungen verschiedener Organsysteme. Die Reaktivierung anderer Viren könnte ein weiterer Baustein sein. Wie groß ihre tatsächliche Bedeutung ist, lässt sich aus der neuen Untersuchung nicht bestimmen.

Aus den Ergebnissen folgt deshalb auch keine allgemein gültige Therapieempfehlung gegen Herpesviren oder andere Erreger bei Long Covid. Die Studie prüfte nicht, ob antivirale Medikamente Long-Covid-Beschwerden verhindern oder lindern können. Ebenso ist der Nachweis eines reaktivierten Virus nach einer Covid-19-Erkrankung für sich genommen keine Diagnose von Long Covid.

Alte Kohorte begrenzt Übertragbarkeit auf heutige Infektionen

Die Größe und die wiederholte Untersuchung derselben Patienten zählen zu den Stärken der Arbeit. Zusätzlich verglichen die Forschenden Teile ihrer Ergebnisse mit einer unabhängigen Kohorte von hospitalisierten Covid-19-Patienten und fanden ähnliche zeitliche Muster der Virusaktivität.

Dennoch sind die Grenzen erheblich. Die untersuchten Menschen waren sämtlich so schwer erkrankt, dass sie stationär behandelt werden mussten. Sie wurden zudem zwischen Mai 2020 und März 2021 aufgenommen. Damit stammen die Daten aus einer Phase vor der breiten Covid-Impfung und überwiegend aus der Zeit früher SARS-CoV-2-Varianten. Ob sich die Ergebnisse auf heutige, häufig mildere Infektionen bei Menschen mit Impfungen und früheren Infektionen übertragen lassen, ist nicht geklärt.

Auch technisch bestehen Einschränkungen. Die Virusaktivität wurde überwiegend anhand von RNA-Transkripten bestimmt, während für die quantitative Bestimmung von Virusmengen häufig PCR-basierte Verfahren eingesetzt werden. Außerdem standen während der akuten Krankheitsphase nur sechs reguläre Messzeitpunkte zur Verfügung. Reaktivierungen zwischen diesen Terminen konnten dadurch übersehen werden.

Untersucht wurden zudem nur bestimmte Probenarten. Virusaktivität in anderen Geweben könnte unentdeckt geblieben sein. Für die Analyse von Long Covid kam hinzu, dass ein Teil der Teilnehmer während der Nachbeobachtung ausschied. Die verwendeten Fragebögen waren außerdem bereits früh in der Pandemie entwickelt worden, bevor heutige Definitionen und differenziertere Kriterien für Long Covid etabliert waren.

Die Studie erweitert damit das Bild darüber, wie stark eine schwere SARS-CoV-2-Infektion das Zusammenspiel zwischen Immunsystem und bereits im Körper vorhandenen Viren verändern kann. Für Betroffene bedeutet sie vor allem, dass Virusreaktivierungen als möglicher Faktor bei Long Covid weiter untersucht werden sollten. Ob sie Beschwerden verursachen, verstärken oder lediglich einen gestörten Immunzustand anzeigen, lässt sich bislang nicht abschließend beantworten.

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