
Zehntausende Menschen haben in Madrid gegen hohe Wohnkosten, Zwangsräumungen und fehlenden Mieterschutz demonstriert. Nach dem Protest am Samstag errichteten Aktivisten ein Camp auf der zentralen Puerta del Sol. Auslöser der jüngsten Mobilisierung war die Zwangsräumung einer 87-jährigen Frau, die mehr als sieben Jahrzehnte in ihrer bisherigen Wohnung gelebt hatte. Der Fall hat den politischen Druck auf die spanische Regierung kurz vor neuen Entscheidungen zur Wohnungspolitik deutlich erhöht.
Über die genaue Größe der Demonstration gibt es stark voneinander abweichende Angaben. Staatliche Stellen bezifferten die Beteiligung auf etwa 25.000 Menschen. Die organisierende Madrider Mietervereinigung Sindicato de Inquilinas sprach dagegen von mehr als 300.000 Teilnehmern. Eine unabhängige Bestätigung der deutlich höheren Veranstalterangabe lag zunächst nicht vor.
Nach dem Ende des Demonstrationszuges blieben zahlreiche Teilnehmer im Zentrum Madrids. Auf der Puerta del Sol, unmittelbar vor dem Sitz der Regionalregierung der Autonomen Gemeinschaft Madrid, wurden Zelte aufgebaut. Am Sonntag hielten sich dort weiterhin Hunderte Menschen auf. RTVE berichtete von einer fortgesetzten Besetzung des Platzes, AFP von einem wachsenden Camp.
Die Proteste richten sich nicht allein gegen einzelne Zwangsräumungen. Gefordert werden stärkere Schutzrechte für Mieter, Regeln gegen Umgehungskonstruktionen bei Mietverträgen und ein besserer Schutz vor Wohnungsverlust ohne verfügbare Ersatzunterkunft. Die Mieterorganisation verlangt zudem eine automatische Verlängerung auslaufender Mietverträge, strengere Regeln für Saison- und Zimmervermietungen sowie eine Begrenzung beziehungsweise zeitweise Aussetzung von Mieterhöhungen bei bestehenden Verträgen. Dabei handelt es sich um Forderungen der Initiatoren und nicht um bereits geltendes Recht.
Unmittelbarer Auslöser war die Zwangsräumung von Maricarmen am Mittwoch. Die 87-Jährige hatte seit den 1950er-Jahren in einer Wohnung im Madrider Stadtteil Retiro gelebt. Der gerichtliche Räumungsbeschluss wurde nach mehreren zuvor gescheiterten beziehungsweise ausgesetzten Versuchen schließlich am 23. September vollstreckt. Rettungskräfte brachten die Frau auf einer Trage aus dem Gebäude und anschließend in ein Krankenhaus.
Nach Angaben der Mieterorganisation hatte sich die zuvor gezahlte Monatsmiete von rund 500 Euro nach dem Eigentümerwechsel erheblich erhöhen sollen. Für eine neue Vereinbarung waren zunächst 2.650 Euro genannt worden, später 1.650 Euro. Die Eigentümergesellschaft erklärte ihrerseits, die angebotene Miete habe deutlich unter dem Marktpreis gelegen. Die unterschiedlichen Darstellungen betreffen damit vor allem die Bewertung der angebotenen Konditionen, nicht den Umstand, dass der bestehende Mietvertrag beendet und die Wohnung schließlich geräumt wurde.
Der Fall wurde innerhalb weniger Tage zu einem Symbol der spanischen Debatte um bezahlbares Wohnen. Bereits unmittelbar nach der Räumung fanden in mehreren spanischen Städten Kundgebungen statt.
Spaniens Ministerpräsident Pedro Sánchez reagierte am Sonntag auf den zunehmenden Druck. Er erklärte bei einer Veranstaltung in Getafe, die Regierung arbeite daran, am Dienstag, 29. September, ein neues wohnungspolitisches Dekret in den Ministerrat einzubringen. Die genaue endgültige Ausgestaltung war am Sonntag noch Gegenstand politischer Verhandlungen.
Innerhalb der Regierungskoalition bestehen dabei unterschiedliche Vorstellungen. Die mitregierende Plattform Sumar fordert unter anderem stärkere Verlängerungsrechte für Mietverträge, Schutzmaßnahmen bei Zwangsräumungen, Regeln gegen bestimmte Formen kurzfristiger Vermietung sowie Maßnahmen gegen Umgehungen des regulären Mietrechts. Sumar hatte angekündigt, auf substanzielle Regelungen im Ministerrat zu drängen.
Damit ist nicht automatisch gesichert, dass sämtliche Forderungen der Demonstranten Teil des Regierungsentwurfs werden. Ein Dekret müsste zudem für eine dauerhafte Geltung die notwendige parlamentarische Unterstützung erhalten. Sánchez verfügt im spanischen Parlament über keine eigene absolute Mehrheit.
Auch die Stadt Madrid ist in den konkreten Fall eingeschaltet. Die kommunale Wohnungsbaugesellschaft EMVS lehnte einen Vorschlag der Eigentümergesellschaft ab, die frühere Wohnung von Maricarmen in das städtische Programm ReViVa aufzunehmen. Nach Angaben der EMVS erfüllte die vorgeschlagene Konstruktion die rechtlichen Voraussetzungen des Programms nicht.
Die Stadt bot jedoch an, zwischen der Eigentümerseite und den Vertretern der 87-Jährigen zu vermitteln. Ein Gespräch unter Beteiligung kommunaler Vermittler wurde für Montag in Aussicht gestellt. Zuvor hatte die Stadt Maricarmen nach der Räumung einen kostenlosen Notplatz in einer kommunalen Einrichtung angeboten, den sie nicht angenommen hatte.
Die Proteste treffen auf einen Wohnungsmarkt, auf dem die Preise zuletzt stark gestiegen sind. Nach Angaben des spanischen Statistikamtes INE lagen die Kaufpreise für Wohnimmobilien im zweiten Quartal 2026 landesweit 12,2 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Bei Bestandsimmobilien lag der Anstieg sogar bei 12,9 Prozent, bei Neubauten bei 7,4 Prozent.
Auch die Belastung der Haushalte durch Wohnen hat zugenommen. Die durchschnittlichen Haushaltsausgaben für Wohnen, Wasser, Strom, Gas und andere Brennstoffe stiegen 2025 nach INE-Angaben um 5,8 Prozent. Gerade Haushalte mit niedrigen Gesamtausgaben verwenden einen besonders hohen Anteil ihres Budgets auf Wohnen und Lebensmittel.
Hinzu kommt ein strukturell knappes Angebot. Die spanische Zentralbank hat in den vergangenen Jahren wiederholt auf die Lücke zwischen neu entstehenden Haushalten und dem Wohnungsneubau hingewiesen. Besonders angespannt ist die Situation in wirtschaftlich starken Großstadtregionen und touristisch geprägten Gebieten. Auch der vergleichsweise kleine Bestand an öffentlichem Mietwohnraum begrenzt die Möglichkeiten, Haushalten kurzfristig günstige Alternativen anzubieten.
Der Protest in Madrid hat damit einen Konflikt gebündelt, der weit über den einzelnen Räumungsfall hinausgeht. Für die Demonstranten steht die Forderung nach dauerhaft bezahlbaren Mietverhältnissen im Mittelpunkt. Für die Regierung wächst zugleich der Druck, bereits seit Monaten diskutierte Änderungen tatsächlich durch den Ministerrat und anschließend durch das politisch zersplitterte Parlament zu bringen. Die nächste konkrete Wegmarke ist der Dienstag, an dem Sánchez das angekündigte Wohnungspaket vorlegen will.






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