
Im Streit über die Rentenreform bringt Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Claus Ruhe Madsen (CDU) einen neuen Kompromiss ins Gespräch. Beschäftigte, die bereits 45 Versicherungsjahre erreicht haben und trotzdem weiterarbeiten, sollen finanziell entlastet werden. Dafür schlägt der Minister einen festen Bundeszuschuss zur Rentenversicherung vor. Das Modell könnte den Staat nach seinen Berechnungen jährlich bis zu 1,89 Milliarden Euro kosten.
Der Vorschlag sieht vor, langjährig Beschäftigten während der letzten 24 Monate ihres Erwerbslebens einen finanziellen Vorteil zu verschaffen. Wer nach 45 Versicherungsjahren weiterarbeitet, soll seinen bisherigen Arbeitnehmeranteil zur gesetzlichen Rentenversicherung ganz oder teilweise als zusätzliches Einkommen erhalten können.
Damit die Rentenkasse keine entsprechenden Einnahmen verliert, soll der Bund einen festen Betrag einzahlen. Der Arbeitgeberanteil zur Rentenversicherung soll unverändert bestehen bleiben. Entscheidend ist dabei, dass der staatliche Zuschuss als fester Betrag und nicht als prozentualer Anteil am jeweiligen Einkommen festgelegt wird.
Menschen mit niedrigen Löhnen könnten dadurch besonders profitieren. Bei ihnen soll der staatliche Zuschuss den Arbeitnehmeranteil vollständig ausgleichen können. Bei höheren Einkommen wäre dagegen nur eine teilweise Entlastung vorgesehen.
Für die Finanzierung hat Madsen nach den bekannt gewordenen Angaben seines Positionspapiers drei unterschiedliche Varianten kalkuliert. Eine davon sieht vor, das zusätzliche Einkommen vollständig von der Steuer zu befreien.
Die jährlichen Ausgaben des Bundes könnten nach diesen Modellrechnungen bis zu 1,89 Milliarden Euro erreichen. Die Förderung wäre zeitlich begrenzt, da Beschäftigte jeweils nur während der letzten zwei Jahre ihres Arbeitslebens profitieren sollen.
Eine unabhängige Bestätigung der finanziellen Berechnungen lag zunächst nicht vor. Auch eine Entscheidung der Bundesregierung über die Finanzierung gibt es bislang nicht.
Hintergrund ist der anhaltende Streit über die künftige Altersversorgung. Die von der Bundesregierung eingesetzte Rentenkommission hatte am 23. Juni 2026 insgesamt 33 Empfehlungen vorgelegt. Dazu gehört die Abschaffung des abschlagsfreien vorzeitigen Renteneintritts für besonders langjährig Versicherte.
Die häufig als Rente mit 63 bezeichnete Regelung ermöglicht derzeit Menschen mit mindestens 45 Versicherungsjahren einen früheren Rentenbeginn ohne Abschläge. Für Versicherte ab dem Geburtsjahrgang 1964 ist dies mit 65 Jahren möglich, während die reguläre Altersgrenze bei 67 Jahren liegt.
Die Kommission möchte diese Sonderregel durch eine Schutzrente für langjährige Beitragszahler ersetzen. Sie soll Menschen zugutekommen, die ihren bisherigen Beruf wegen erheblicher gesundheitlicher Einschränkungen nicht mehr ausüben können.
Madsens Vorschlag würde dieses Konzept um eine finanzielle Anerkennung für diejenigen ergänzen, die nach 45 Versicherungsjahren weiter erwerbstätig bleiben. Die bisherige Möglichkeit eines generell abschlagsfreien früheren Renteneintritts würde dadurch allerdings nicht automatisch erhalten bleiben.
Innerhalb der Regierungsparteien gibt es erhebliche Unterschiede bei der Bewertung der Vorschläge. Mehrere Ministerpräsidenten aus CDU und SPD lehnen die Abschaffung der bisherigen Regelung nach 45 Versicherungsjahren ab. Dazu gehören die Regierungschefs von Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Brandenburg sowie Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig.
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hatte dagegen eine längere Lebensarbeitszeit gefordert und sich gegen die Beibehaltung staatlich geförderter Frühverrentungsmöglichkeiten ausgesprochen.
Auch über das weitere Verfahren besteht Uneinigkeit. SPD-Fraktionschef Matthias Miersch hatte vorgeschlagen, Bundestagsfraktionen und Ministerpräsidenten stärker in die Beratungen einzubeziehen. Unionsfraktionsvize Johannes Winkel wies dies zurück und verwies auf die bereits getroffenen Vereinbarungen zur Umsetzung der Kommissionsempfehlungen.
Der neue Bundesarbeitsminister Alexander Schweitzer (SPD) zeigte sich am Donnerstag zuversichtlich, dass die Koalition bei den offenen Fragen bald eine Verständigung erreichen könne. Zum umstrittenen Renteneintritt nach 45 Versicherungsjahren legte er sich dabei nicht fest.
Ob Madsens Ausgleichsmodell in die Verhandlungen aufgenommen wird, war am Freitag zunächst offen. Eine Einigung über den Vorschlag lag ebenso wenig vor wie konkrete Reaktionen der Koalitionsspitzen auf dessen finanzielle Ausgestaltung.
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