
Mercedes-Benz trennt sich von seinem europäischen Schnellladenetz. Der Stuttgarter Autobauer verkauft insgesamt 47 Ladeparks mit 374 Ladepunkten an das französische Unternehmen Electra. Allein 31 Standorte befinden sich in Deutschland. Die Übernahme ist Teil einer neuen Partnerschaft, durch die Mercedes-Kunden künftig Zugang zu mehr als 800 Electra-Ladeparks in Europa erhalten. Die Entscheidung bedeutet zugleich eine Abkehr von den ursprünglichen Plänen, das eigene Schnellladenetz in Europa deutlich auszubauen.
Die Vereinbarung wurde am Dienstag, 3. November 2026, bekannt gegeben. Von den 47 betroffenen Schnellladeparks liegen 31 in Deutschland und sechs in Österreich. Die übrigen zehn verteilen sich auf weitere europäische Länder. Insgesamt umfasst die Übernahme 374 Ladepunkte.
Der operative Wechsel zu Electra erfolgte bereits zum 1. November. Der französische Betreiber integriert die bisherigen Mercedes-Standorte in sein europäisches Netzwerk. Besonders deutlich wirkt sich die Übernahme auf das Deutschlandgeschäft aus. Hier steigt die Zahl der Electra-Ladeparks von bislang 50 auf 81. Das entspricht einem Zuwachs von 62 Prozent.
Mercedes-Benz hatte den Verkauf bereits mehrere Monate zuvor vorbereitet. Laut dem Konzernzwischenbericht zum dritten Quartal beschloss der Vorstand die Veräußerung im Juli 2026. Der Kaufvertrag wurde am 3. August unterzeichnet. Der rechtliche Abschluss der Transaktion war für das vierte Quartal vorgesehen.
Wie viel Electra für das europäische Schnellladenetz bezahlt, wurde nicht veröffentlicht. Der Quartalsbericht von Mercedes-Benz enthält allerdings Angaben zum bilanziellen Umfang des Geschäfts.
Zum 30. September 2026 führte der Konzern Vermögenswerte des europäischen Schnellladenetzes von 99 Millionen Euro als zur Veräußerung bestimmt. Darunter befanden sich Sachanlagen im Wert von 73 Millionen Euro. Dem standen Verbindlichkeiten von 21 Millionen Euro gegenüber. Diese Beträge sind Bilanzwerte und lassen keinen unmittelbaren Rückschluss auf den vereinbarten Kaufpreis zu.
Das Geschäft war bislang dem Segment Mercedes-Benz Financial Services zugeordnet. Der Autobauer rechnete laut Quartalsbericht nicht mit wesentlichen Auswirkungen des Verkaufs auf Ergebnis, Zahlungsströme oder Vermögenslage.
Mit dem Verkauf verändert Mercedes-Benz seine bisherige Strategie für die öffentliche Ladeinfrastruktur. Anfang 2023 kündigte der Konzern an, weltweit mehr als 2.000 eigene Schnellladeparks mit über 10.000 Ladepunkten bis zum Ende des Jahrzehnts errichten zu wollen. Vorgesehen waren Standorte in Europa, Nordamerika, China und weiteren wichtigen Märkten.
Die ersten Ladeparks entstanden noch im selben Jahr. In Deutschland eröffnete Mercedes-Benz im November 2023 seinen ersten europäischen Standort in Mannheim. Dort standen zunächst sechs Schnellladepunkte mit jeweils bis zu 300 Kilowatt Leistung zur Verfügung. Für den Aufbau und Betrieb des europäischen Netzes arbeitete Mercedes-Benz mit dem Energiekonzern E.ON zusammen.
Noch im September 2025 hatte Mercedes-Benz weitere Ausbauschritte angekündigt. Damals waren weltweit rund 80 eigene Ladeparks in Betrieb. Außerdem stellte der Konzern die Einführung einer neuen Schnellladetechnik des Herstellers Alpitronic in Aussicht. Das HYC1000-System sollte ab 2026 an neuen Standorten in Europa und Nordamerika zum Einsatz kommen und Ladeleistungen von bis zu 600 Kilowatt pro Ladepunkt ermöglichen.
Mit der Veräußerung gibt Mercedes-Benz nun den eigenen Betrieb seiner europäischen Ladeparks an Electra ab. Die Aktivitäten außerhalb Europas sind von diesem Verkauf nicht betroffen.
Für Fahrer von Mercedes-Elektroautos soll die Übernahme keine Einschränkungen beim Zugang zu den bisherigen Ladestationen bringen. Die Stationen bleiben nutzbar, auch für Fahrzeuge anderer Hersteller. Mercedes-Kunden können ihre Ladevorgänge weiterhin über die Mercedes-Benz App, die Ladekarte von MB.CHARGE Public oder die Funktion Plug & Charge starten.
Zusätzlich wird Electra als Premium-Partner in das Ladeangebot des Autobauers eingebunden. Damit erhalten Kunden einen vereinfachten Zugang zu mehr als 800 Schnellladestandorten mit über 5.000 Ladepunkten in zehn europäischen Ländern. Zu den Märkten gehören Deutschland, Österreich, Frankreich, Belgien, Italien und die Schweiz.
Je nach gewähltem MB.CHARGE Public Tarif gelten bevorzugte Ladekonditionen. Kompatible Ladepunkte können außerdem vor der Ankunft direkt aus dem Fahrzeug reserviert werden. Electra gibt für sein Netzwerk eine Verfügbarkeit von mehr als 98,5 Prozent an. An ausgewählten Standorten sind Ladeleistungen von bis zu 600 Kilowatt möglich.
Für die Nutzung von MB.CHARGE Public ist weiterhin ein separater Ladevertrag mit einem entsprechenden Anbieter erforderlich. Die tatsächlichen Kosten richten sich nach dem gewählten Tarif und dem jeweiligen Ladeangebot.
Der Käufer Electra wurde 2020 gegründet und gehört zu den expandierenden europäischen Schnellladebetreibern. Nach eigenen Angaben betreibt das französische Unternehmen inzwischen mehr als 800 Ladeparks mit rund 5.000 Ladepunkten in zehn Ländern. Bis 2030 soll das Netzwerk auf 15.000 Schnellladepunkte wachsen.
Für die Expansion stehen Electra umfangreiche Finanzmittel zur Verfügung. Im Juli 2025 vereinbarte das Unternehmen eine grüne Kreditfinanzierung von bis zu 433 Millionen Euro. Davon entfielen 283 Millionen Euro auf fest zugesagte Kreditlinien. Weitere 150 Millionen Euro wurden als mögliche Erweiterung vorgesehen.
Mit dieser Finanzierung überschritt Electra nach eigenen Angaben die Marke von einer Milliarde Euro an insgesamt eingeworbenen Finanzmitteln seit der Gründung. Zu den beteiligten Banken gehörten unter anderem ING, Société Générale, Rabobank, Bpifrance und MUFG.
Auch Deutschland soll eine wichtige Rolle beim weiteren Wachstum spielen. Für 2027 plant Electra hier Investitionen in Höhe von 200 Millionen Euro. Das Unternehmen arbeitet beim Aufbau seiner Ladeinfrastruktur unter anderem mit Handelsunternehmen, Hotelbetreibern und Partnern aus der Automobilbranche zusammen.
Der Verkauf fällt in eine Phase, in der die öffentliche Ladeinfrastruktur in Europa weiter ausgebaut wird. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur IEA stieg die Zahl der öffentlich zugänglichen Ladepunkte in Europa im Jahr 2025 um rund 20 Prozent.
Besonders stark entwickelte sich die Infrastruktur für sehr hohe Ladeleistungen. Die Zahl der ultraschnellen Ladepunkte in der Europäischen Union erhöhte sich 2025 gegenüber dem Vorjahr um rund 30 Prozent.
Deutschland gehörte Ende 2025 zu den europäischen Ländern mit den meisten öffentlichen Ladepunkten. Die IEA bezifferte ihre Zahl auf rund 196.000. In Frankreich waren es etwa 185.000, in den Niederlanden rund 210.000.
Zusätzlich stellt die Europäische Union Anforderungen an den Ausbau leistungsfähiger Ladeinfrastruktur entlang wichtiger Verkehrsachsen. Die entsprechende Verordnung über die Infrastruktur für alternative Kraftstoffe sieht unter anderem Ladeangebote mit mindestens 150 Kilowatt Leistung in regelmäßigen Abständen entlang des transeuropäischen Straßennetzes vor.
Der europäische Schnelllademarkt bleibt damit sowohl für spezialisierte Betreiber als auch für Automobilhersteller von Bedeutung. Mercedes-Benz ist weiterhin am Gemeinschaftsunternehmen Ionity beteiligt, das ein europäisches Schnellladenetz betreibt. Weitere Gemeinschaftsunternehmen bestehen mit Ionna in Nordamerika und Ionchi in China.
Die Entscheidung zum Verkauf fällt in eine wirtschaftlich anspruchsvolle Phase für den Autobauer. Mercedes-Benz hatte am 28. Oktober seine Geschäftszahlen für das dritte Quartal 2026 vorgelegt. Der Konzernumsatz sank gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 4,5 Prozent auf 30,7 Milliarden Euro.
Das berichtete Ergebnis vor Zinsen und Steuern stieg zwar von 750 Millionen auf 1,77 Milliarden Euro. Dieser Anstieg beruhte jedoch wesentlich auf geringeren Ergebnisbereinigungen. Das bereinigte Konzernergebnis vor Zinsen und Steuern ging dagegen um 15 Prozent auf 1,78 Milliarden Euro zurück.
Besonders deutlich zeigte sich die Belastung im Pkw-Geschäft. Die bereinigte Umsatzrendite von Mercedes-Benz Cars sank im dritten Quartal von 4,8 auf 2,5 Prozent. Weltweit verkaufte die Pkw-Sparte rund 407.000 Fahrzeuge und damit knapp acht Prozent weniger als ein Jahr zuvor.
Gleichzeitig meldete Mercedes-Benz einen deutlichen Anstieg beim Absatz vollelektrischer Autos. Die Zahl der verkauften batterieelektrischen Pkw erhöhte sich im dritten Quartal um rund 61 Prozent auf 68.428 Fahrzeuge.
Der Konzern verfolgt weiterhin ein umfassendes Sparprogramm. Nach eigenen Angaben wurden die Fixkosten seit 2019 bereits um rund ein Viertel reduziert. Im laufenden Jahr intensivierte Mercedes-Benz seine Produktivitätsmaßnahmen und senkte in den ersten neun Monaten die kombinierten Ausgaben für Sachinvestitionen sowie Forschung und Entwicklung in der Pkw-Sparte um elf Prozent. Einen direkten Zusammenhang zwischen diesen Sparmaßnahmen und dem Verkauf des europäischen Ladenetzes hat das Unternehmen nicht beziffert.
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