
Münster. Die Vorbereitungen für die Skulptur Projekte Münster 2027 werden konkreter. Am Dienstag, 3. November 2026, haben die Veranstalter 13 weitere Kunstprojekte vorgestellt, sodass inzwischen 18 der rund 30 geplanten Arbeiten bekannt sind. Die internationale Ausstellung findet vom 13. Juni bis zum 3. Oktober 2027 statt und feiert zugleich ihr 50-jähriges Bestehen. Neben der Innenstadt sollen diesmal auch Stadtteile wie Berg Fidel, Kinderhaus und Gremmendorf stärker in den Mittelpunkt rücken.
Seit ihrer Gründung durch Kasper König und Klaus Bußmann im Jahr 1977 finden die Skulptur Projekte alle zehn Jahre statt. Die sechste Ausgabe wird vom internationalen Kuratorinnenkollektiv What, How & for Whom (WHW) mit Ivet Ćurlin, Nataša Ilić und Sabina Sabolović geleitet. Gemeinsam mit den Kuratoren Vincent Schier und Eva Wilson entwickeln sie eine Ausstellung, die gesellschaftliche Veränderungen, Erinnerungskultur und die Beziehungen zwischen Menschen und ihrer Umgebung aufgreift. Dabei sollen die Kunstwerke nicht nur an bekannten Orten der Innenstadt entstehen, sondern auch neue Perspektiven auf Münsters Stadtteile eröffnen.
Ein besonderer Schwerpunkt der kommenden Ausstellung liegt auf Stadtteilen, die bei früheren Ausgaben weniger stark vertreten waren. In Berg Fidel entstehen beispielsweise mehrere Arbeiten, die sich auf unterschiedliche Weise mit dem Leben vor Ort beschäftigen. Mercedes Azpilicueta entwickelt gemeinsam mit Menschen aus dem Viertel eine imaginäre Landschaft, die zum Spielen und gemeinsamen Erleben einladen soll. Beteiligt sind unter anderem Fachleute aus Botanik, Architektur, Literatur und Performance, wobei das Stadtteilhaus Lorenz-Süd eine wichtige Rolle bei der Zusammenarbeit spielt.
Ebenfalls in Berg Fidel plant Nolan Oswald Dennis ein astronomisches Observatorium, das den Stadtteil mit der Betrachtung des Kosmos verbindet und zugleich als eine Art Kalender funktionieren soll. Der Künstler beschäftigt sich dabei mit unterschiedlichen Perspektiven auf wissenschaftliches Wissen und der Frage, wie öffentliche Wissenseinrichtungen zugänglicher gestaltet werden können.
Im nördlichen Stadtteil Kinderhaus wird Anton Kats eine Skulptur entwickeln, die von mehreren Menschen gemeinsam als Musikinstrument gespielt werden kann. Seine Arbeit verbindet musikalische Ausdrucksformen mit politischen und gesellschaftlichen Fragestellungen. Auf dem Gut Kinderhaus entsteht außerdem ein Projekt der bereits im Juni angekündigten Künstlerin Iza Tarasewicz, die sich mit jahreszeitlichen Abläufen, Landwirtschaft und gemeinschaftlichen Formen des Arbeitens und Zusammenlebens auseinandersetzt.
Nicht nur die Stadtviertel, sondern auch die Landschaft des Münsterlandes wird bei den Skulptur Projekten 2027 eine wichtige Rolle spielen. Der japanische Künstler Kosen Ohtsubo plant beispielsweise eine großformatige Installation unter freiem Himmel im Stadtzentrum, für die er Apfelbäume aus der Region verwenden möchte. Dabei handelt es sich um Bäume, die gefällt werden, weil sie keine Früchte mehr tragen. Ohtsubo ist für seine experimentellen Arbeiten mit Pflanzen und alltäglichen Materialien bekannt und entwickelt seit Jahrzehnten eigene Ausdrucksformen der japanischen Pflanzenkunst Ikebana.
Mit dem Verhältnis zwischen Stadt und Land beschäftigt sich das Künstlerinnenkollektiv Myvillages. Die Mitgründerinnen Wapke Feenstra und Kathrin Böhm wollen gemeinsam mit Menschen unterschiedlicher Generationen und Berufsgruppen historische Verbindungen zwischen Münster und dem umliegenden Münsterland sichtbar machen. Dabei geht es auch darum, welche Bedeutung ländliches Wissen, Landwirtschaft und gemeinschaftliche Arbeit für das gesellschaftliche Zusammenleben haben.
Einen anderen Zugang zur Geschichte Münsters wählt die Künstlerin Kapwani Kiwanga, deren geplantes Projekt sich mit Wasser und den enormen Zeitspannen der Erdgeschichte beschäftigt. Dabei greift sie unter anderem ein Ereignis aus dem Jahr 1660 auf, als der Fürstbischof die Stadt überschwemmen ließ, um den Widerstand der Bevölkerung während einer Belagerung zu brechen. Kiwanga untersucht Wasser sowohl als lebensnotwendiges Element als auch als Mittel der Machtausübung und möchte unterschiedliche Vorstellungen von Zeit erfahrbar machen.
Ein weiterer Themenbereich der Skulptur Projekte Münster 2027 beschäftigt sich mit Erinnerung, Gewalt und gesellschaftlicher Ausgrenzung. Die Künstlerin Vlatka Horvat recherchiert dafür zu einem Friedensdenkmal, das 1905 in Münster errichtet und 1942 für die Rüstungsindustrie eingeschmolzen wurde. Ausgehend von dieser Geschichte entwickelt sie eine Arbeit, die sich mit der Wahrnehmung von Landschaft und der Frage auseinandersetzt, wie sich der Blick auf die eigene Umgebung in Kriegs- und Friedenszeiten verändert.
Auch Iman Issa greift das Thema Erinnerung auf. Nahe einer belebten Kreuzung am Übergang zur historischen Innenstadt möchte sie mit den traditionellen Formen öffentlichen Gedenkens spielen und hinterfragen, wer darüber entscheidet, welche Geschichten im Stadtraum sichtbar bleiben. Natascha Sadr Haghighian plant dagegen einen Ort, an dem Trauer und Gedenken möglich werden sollen. Ihre Arbeit beschäftigt sich insbesondere mit den Erfahrungen migrantischer Gemeinschaften und den gesellschaftlichen Folgen von Rassismus, Vertreibung und Ausgrenzung.
Die Künstlerin Ashfika Rahman widmet sich Menschen, deren Arbeit und Erfahrungen gesellschaftlich häufig unsichtbar bleiben. Mithilfe von Poesie, Zeichnungen und vergessenen Sprachen möchte sie diesen Perspektiven Ausdruck verleihen. Khalil Rabah untersucht wiederum Fragen von Identität, Zugehörigkeit und Vertreibung sowie das Verhältnis zwischen Menschen und den Orten, mit denen sie sich verbunden fühlen.
Auch politische Debatten sollen Teil der Ausstellung werden. Alice Creischer und Andreas Siekmann greifen für ihr gemeinsames Projekt sieben Diskussionen auf, die zwischen 2019 und 2025 im Deutschen Bundestag geführt wurden. Siekmann kennt die Ausstellung bereits aus eigener Erfahrung, denn er war schon 2007 an den Skulptur Projekten in Münster beteiligt.
Im ehemaligen Offizierskasino der York-Kaserne in Gremmendorf sind ebenfalls mehrere Arbeiten vorgesehen. Der neu angekündigte Künstler Ali Cherri plant großformatige Skulpturen im Garten des Gebäudes, die sich mit dem Leben von Soldaten und den körperlichen Folgen militärischer Disziplin beschäftigen. Dabei stellt er Themen wie Müdigkeit, Erschöpfung und Schlaf in den Mittelpunkt seiner künstlerischen Auseinandersetzung.
Im selben Umfeld entwickelt Oscar Murillo, dessen Teilnahme bereits im Juni bekannt gegeben wurde, eine Installation rund um gemeinsames Kochen und Essen. Das Projekt entsteht in Zusammenarbeit mit lokalen Landwirtschaftsbetrieben und beschäftigt sich mit wirtschaftlichen Zusammenhängen zwischen Produktion, Arbeit und globalem Handel.
Auch in der historischen Innenstadt sind weitere Arbeiten geplant. Hew Locke gestaltet eine Installation im Haus der Niederlande im Krameramtshaus, während Selma Selman eine Arbeit für den ehemaligen Hörster Friedhof entwickelt. Róza El-Hassan beschäftigt sich mit dem Botanischen Garten und dem Stadtteil Berg Fidel. Diese drei künstlerischen Positionen waren bereits bei der ersten Bekanntgabe im Juni vorgestellt worden.
Die Veranstalter möchten die Menschen vor Ort stärker in die Entwicklung der Ausstellung einbeziehen und setzen dafür auf eine Zusammenarbeit mit sogenannten Nachbarschaftspartnerinnen. Gabriela Exner, Natividad Abaga Ayecaba und Luzy Ludwig sind insbesondere in Kinderhaus, Berg Fidel und Gremmendorf vernetzt und sollen das kuratorische Team bei Fragen der Beteiligung, Inklusion und Zusammenarbeit mit den Menschen in den Stadtteilen beraten.
Die Vermittlungsarbeit wird von Barbara Kiolbassa geleitet und soll dazu beitragen, dass die Kunstprojekte nicht losgelöst von ihrem jeweiligen Umfeld entstehen. Vielmehr möchten die Verantwortlichen die Erfahrungen, Geschichten und Perspektiven der Menschen vor Ort in die künstlerische Entwicklung einfließen lassen.
Nach Angaben des Kuratorinnenkollektivs WHW bildet Münsters Geschichte als Stadt des Westfälischen Friedens einen wichtigen Ausgangspunkt für die Ausstellung. Vor diesem Hintergrund wollen sich die beteiligten Künstlerinnen und Künstler mit gegenwärtigen Konflikten, gesellschaftlichen Spannungen und der Frage beschäftigen, welche Möglichkeiten Kunst im öffentlichen Raum für neue Begegnungen und Zukunftsvorstellungen eröffnen kann.
Bis zur Ausstellung stehen noch mehrere wichtige Termine an. Am 17. März 2027 wollen die Veranstalter die vollständige Liste aller teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler veröffentlichen. Ab diesem Zeitpunkt sollen auch Führungen gebucht werden können, sodass Besucher ihre Ausstellungsbesuche frühzeitig planen können.
Die öffentliche Eröffnungsfeier ist für Samstag, den 12. Juni 2027, vorgesehen, bevor die Ausstellung einen Tag später offiziell beginnt. Während der Eröffnungswoche vom 13. bis zum 20. Juni soll ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm stattfinden. Anschließend können die Kunstprojekte bis zum 3. Oktober 2027 besucht werden.
Träger der Skulptur Projekte sind der Landschaftsverband Westfalen-Lippe und die Stadt Münster, während das LWL-Museum für Kunst und Kultur als Veranstalter verantwortlich ist. Gefördert wird die Ausstellung unter anderem vom Land Nordrhein-Westfalen, der Kulturstiftung des Bundes sowie weiteren öffentlichen und privaten Partnern.
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