
Russland hat das Geschäft des Düsseldorfer Handelskonzerns Metro im Land unter eine vom Kreml angeordnete vorläufige Verwaltung gestellt. Präsident Wladimir Putin unterzeichnete dazu den Präsidialerlass Nr. 689, der am Montag, 28. September 2026, veröffentlicht wurde und unmittelbar in Kraft trat. Betroffen sind Beteiligungen an mehreren russischen Metro-Gesellschaften. Die Metro Russland Zwangsverwaltung trifft damit einen Konzern, der trotz des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine an seinem Geschäft in dem Land festgehalten hatte.
Formal handelt es sich zunächst um eine zeitlich nicht näher begrenzte vorläufige Verwaltung und nicht um einen im Dekret festgeschriebenen endgültigen Verkauf der Unternehmen. Für Metro ist der Einschnitt dennoch erheblich, weil die Kontrolle über die betroffenen Beteiligungen auf einen russischen Verwalter übergeht. Ein endgültiger Eigentumsübergang oder eine Entschädigungsregelung für Metro wurde in dem veröffentlichten Erlass nicht bekanntgegeben.
Mit der Verwaltung wurde die russische Gesellschaft UK Torg RUS betraut. Nach russischen Unternehmensdaten wurde sie erst am 8. September 2026 gegründet. Reuters zufolge gehört das Unternehmen Johannes Tolay, dem Chef des russischen Metro-Geschäfts. Damit unterscheidet sich der Fall in einem wesentlichen Detail von einer direkten Übertragung der Märkte an einen russischen Staatskonzern. Die Maßnahme selbst wurde jedoch per Präsidialdekret angeordnet.
Nach Angaben zum Erlass werden unter anderem 100 Prozent der Anteile an Metro Warehouse Noginsk unter die vorläufige Verwaltung gestellt. Russische Veröffentlichungen nennen darüber hinaus Beteiligungen an Metro Cash & Carry sowie Retail Property 5. Der Erlass betrifft damit zentrale Gesellschaften, über die Metro sein Geschäft und Immobilienvermögen in Russland organisiert.
Metro verfügt in Russland weiterhin über ein umfangreiches operatives Geschäft. Reuters nennt 93 Großhandelsmärkte in 51 Regionen und rund 12.000 Beschäftigte. Andere Unternehmensangaben aus jüngerer Zeit nennen 91 Standorte. Die unterschiedlichen Zahlen dürften auf verschiedene Stichtage beziehungsweise Abgrenzungen zurückgehen.
Für Kunden änderte sich am Montag zunächst nichts. Die russische Metro-Gesellschaft erklärte, die Märkte und der Online-Handel arbeiteten im normalen Betrieb. Verpflichtungen gegenüber Kunden würden weiterhin erfüllt. Eine weitergehende Stellungnahme zu den rechtlichen und finanziellen Konsequenzen des Präsidialdekrets veröffentlichte die russische Tochter zunächst nicht.
Damit bedeutet die Anordnung nicht, dass die Metro-Märkte unmittelbar geschlossen werden. Der entscheidende Unterschied liegt vielmehr in der Kontrolle über die Unternehmen. Die betroffenen Beteiligungen werden nun durch den im Dekret eingesetzten russischen Verwalter geführt.
Metro hatte nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine im Februar 2022 anders als zahlreiche andere westliche Unternehmen entschieden, das Land nicht zu verlassen. Der Konzern begründete dies unter anderem mit seiner Verantwortung für Beschäftigte sowie für Kunden, die über Metro Lebensmittel beziehen. Zugleich bezeichnete das Unternehmen Russland bereits früher als einen für das Gesamtportfolio bedeutenden Markt.
Die wirtschaftliche Bedeutung des Russland-Geschäfts lässt sich an den veröffentlichten Konzernzahlen ablesen. Im Geschäftsjahr 2023/24 erzielte Metro in Russland einen Umsatz von 2,438 Milliarden Euro. Das entsprach knapp acht Prozent des damaligen Konzernumsatzes von 31,029 Milliarden Euro. Das bereinigte EBITDA des Russland-Segments lag bei 143 Millionen Euro. Die langfristigen Vermögenswerte des Segments wurden zum 30. September 2024 mit 520 Millionen Euro ausgewiesen.
Auch danach blieb Russland ergebnisrelevant. Im ersten Halbjahr 2024/25 erreichte das Russland-Segment einen Umsatz von 1,277 Milliarden Euro und ein bereinigtes EBITDA von 71 Millionen Euro. Metro meldete damals ein Wachstum des Geschäfts in lokaler Währung.
Für den Gesamtkonzern ist deshalb entscheidend, wie Metro die nun fehlende Kontrolle bilanziell behandeln muss. Zu möglichen Abschreibungen, Entkonsolidierungen oder sonstigen Ergebnisbelastungen lagen am Montagabend zunächst keine neuen konkreten Angaben des Düsseldorfer Konzerns vor. Auch eine Bezifferung des möglicherweise betroffenen Unternehmenswerts wurde zunächst nicht veröffentlicht.
Metro hatte im Geschäftsjahr 2024/25 insgesamt einen Umsatz von 32,4 Milliarden Euro und ein bereinigtes EBITDA von rund 1,2 Milliarden Euro erzielt. Im ersten Halbjahr 2025/26 stieg der Konzernumsatz auf 16,1 Milliarden Euro, das bereinigte EBITDA erreichte 493 Millionen Euro.
Eine klassische Reaktion der Metro-Aktie an der Frankfurter Börse gibt es auf die Nachricht nicht mehr. Metro ließ seine Stamm- und Vorzugsaktien bereits mit Ablauf des 16. April 2025 vom regulierten Markt der Frankfurter Wertpapierbörse nehmen. Das Unternehmen ist seitdem nicht mehr börsennotiert im Sinne des Aktiengesetzes.
Die Aktien können allerdings noch in einzelnen Freiverkehrssegmenten gehandelt werden. Die Metro-Stammaktie mit der WKN A41YD1 wird unter anderem im Freiverkehr der Börse Hamburg geführt. Kursdaten für Montag wiesen einen Preis um 7,20 Euro aus. Eine ausgeprägte unmittelbare Kursreaktion auf das Russland-Dekret war damit zunächst nicht erkennbar. Die Aussagekraft ist jedoch begrenzt, weil der Handel nach dem Delisting erheblich dünner ist als früher im regulierten Frankfurter Markt.
Zum Vergleich: Am Freitag, 25. September, lag der Hamburger Schlusskurs ebenfalls bei 7,20 Euro. An einzelnen Handelstagen wurden dort zuletzt nur sehr geringe Stückzahlen umgesetzt. Aus den Kursbewegungen lässt sich deshalb keine verlässliche Bewertung der finanziellen Folgen des Russland-Schritts durch einen liquiden Kapitalmarkt ableiten.
Der Metro-Fall steht nicht isoliert. Erst Mitte September hatte Russland auch Vermögenswerte des Schweizer Lebensmittelkonzerns Nestlé und des französischen Einzelhändlers Auchan unter vorläufige Verwaltung gestellt. Der Kreml hatte bei diesen Maßnahmen auf aus seiner Sicht feindliche Schritte sogenannter unfreundlicher Staaten verwiesen.
Im Metro-Dekret selbst wurde dagegen kein konkreter Anlass für die Entscheidung genannt. Deshalb lässt sich ein unmittelbarer Zusammenhang mit einzelnen aktuellen politischen oder diplomatischen Ereignissen nicht als gesicherte Begründung feststellen.
Für Metro fällt die Entscheidung zudem in eine Phase des Führungswechsels. Vorstandschef Steffen Greubel gibt sein Amt zum Ende des Geschäftsjahres am 30. September 2026 ab. Finanzvorstand Eric Riegger übernimmt den Vorstandsvorsitz zum 1. Oktober. Metro hatte bereits am 23. September erklärt, dass unterschiedliche Vorstellungen über die künftige strategische Ausrichtung bestanden. Ein Zusammenhang dieses Führungswechsels mit dem russischen Dekret ist nicht belegt.
Damit steht für den Düsseldorfer Großhändler kurzfristig vor allem eine finanzielle und rechtliche Frage im Mittelpunkt: Wie muss ein Russland-Geschäft behandelt werden, das operativ weiterläuft, dessen Kontrolle dem Mutterkonzern durch einen staatlich angeordneten Verwalter jedoch entzogen wurde? Konkrete Auswirkungen auf Bilanz, Ergebnis und Konzernprognose hatte Metro bis Montagabend noch nicht beziffert.






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