
Auf dem Ölmarkt im Iran-Krieg gibt es erstmals seit Wochen deutlichere Zeichen für eine Belebung der Transporte aus der Golfregion. Tanker und Flüssiggasfrachter passieren wieder häufiger die Straße von Hormus, zugleich hat der Irak zwei Millionen Barrel Rohöl mit einem eigenen Großtanker durch die Meerenge transportiert. Von einer Normalisierung kann dennoch keine Rede sein. Iran knüpft eine vollständige Öffnung weiter an politische Bedingungen, Schiffe fahren teilweise unter US-Geleitschutz und mehrere Tanker wurden zuletzt von bislang nicht eindeutig zugeordneten Geschossen getroffen.
Die Unsicherheit hält auch die Ölpreise auf hohem Niveau. Die Nordseesorte Brent beendete den Handel am Freitag bei 102,25 US-Dollar je Barrel. US-Öl der Sorte WTI lag bei 91,11 Dollar. Am Sonntag findet kein regulärer Terminhandel statt, sodass diese Schlusskurse den jüngsten belastbaren Stand bilden. Trotz einer leichten Entspannung liegen die Preise damit weiterhin weit über dem Niveau vor Beginn des Krieges.
Ein wichtiges Signal kam am Wochenende aus dem Irak. Die staatliche Iraqi Oil Tanker Company teilte mit, einen Very Large Crude Carrier mit zwei Millionen Barrel irakischem Rohöl durch die Straße von Hormus geschickt zu haben. Nach Angaben des Unternehmens war dies die erste entsprechende Fahrt eines eigenen Großtankers seit Jahrzehnten. Der Irak hatte zuvor die Zustimmung Irans für Durchfahrten irakischer Tanker erhalten.
Auch bei Flüssigerdgas nimmt der Verkehr zu. Im September wurden nach Daten von S&P Global Energy 19 LNG-Ladungen durch Hormus transportiert. Kpler zählte 21. Im Juni waren es jeweils rund 15 gewesen. Die Zahl bleibt allerdings niedrig: Selbst bei anhaltender Erholung könnte der Verkehr nach Einschätzung von S&P Global zunächst nur einen Bruchteil des Vorkriegsniveaus erreichen. Vor dem Konflikt liefen ungefähr ein Fünftel der weltweiten Rohöl- und LNG-Mengen durch die Meerenge.
Ein Teil der Schiffe schaltet während der Passage die automatische Positionsübermittlung AIS ab. Dadurch sollen Schiffe schwerer zu orten sein. Zudem fahren Konvois teilweise unter dem Schutz der US-Marine. Die zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen erhöhen Kosten und zeigen, dass der wachsende Schiffsverkehr nicht mit einer Wiederherstellung normaler Handelsbedingungen gleichgesetzt werden kann.
Wie angespannt die Lage bleibt, zeigte sich Ende September. Nach Angaben des Schifffahrtsdienstes Marisks wurden drei unter liberianischer Flagge fahrende Öltanker beim Transit durch die Straße von Hormus von unbekannten Geschossen getroffen. Eine gesicherte Zuordnung der Angriffe lag zunächst nicht vor. Die betroffenen Schiffe hatten ihre AIS-Sender während der Passage ausgeschaltet.
Damit bleibt ein wesentlicher Preisaufschlag am Ölmarkt bestehen. Händler müssen nicht nur die tatsächlich verfügbaren Exportmengen bewerten, sondern auch das Risiko erneuter Unterbrechungen, höhere Versicherungsprämien und zusätzliche Transportkosten berücksichtigen. Gleichzeitig hat sich die Lage bei Rohöl etwas verbessert. Die Internationale Energieagentur erklärte am Freitag, die Rohölexporte aus dem Nahen Osten hätten sich deutlich erholt. Größer seien derzeit die Probleme bei raffinierten Produkten wie Diesel.
Eine dauerhafte Normalisierung hängt zudem von den Verhandlungen zwischen Washington und Teheran ab. Irans Parlamentspräsident Mohammad Baqer Qalibaf erklärte am Sonntag, die Straße von Hormus werde nicht vollständig geöffnet, solange sieben iranische Bedingungen aus einer im Juni vereinbarten Zwischenregelung nicht erfüllt seien. Außenminister Abbas Araqchi sagte, ein von Teheran vorgelegter Plan könne bei einer Einigung innerhalb von sieben Tagen zu einer Öffnung führen.
Welche Schritte tatsächlich vereinbart werden, war am Sonntagvormittag offen. Washington hatte zuletzt über Vermittler auf den iranischen Vorschlag reagiert. Eine abschließende Übereinkunft war nicht bekannt. Die derzeit zunehmenden Tankerfahrten sind deshalb kein Beleg für eine politische Einigung.
Parallel versucht die Gruppe der sieben großen Industriestaaten, den Preisdruck über strategische Vorräte zu begrenzen. Die G7 beschlossen am Freitag, innerhalb von vier Monaten koordiniert 100 Millionen Barrel Öl und Ölprodukte über den Mechanismus der Internationalen Energieagentur verfügbar zu machen. Ein erheblicher Teil der Dieselbestände soll bereits in den ersten 20 Tagen auf den Markt kommen. Die Staaten wollen außerdem Raffineriewartungen besser koordinieren und Exportbeschränkungen zwischen den G7 vermeiden.
Bei den 100 Millionen Barrel handelt es sich nicht um eine vollständig neue Reserveaktion zusätzlich zu den bisherigen Maßnahmen. Die IEA-Staaten hatten bereits im März die Freigabe von insgesamt 400 Millionen Barrel beschlossen. Nach Angaben der Energieagentur waren bis zum 2. Oktober davon rund 325 Millionen Barrel auf den Markt gebracht worden. Die jetzige G7-Vereinbarung soll die weitere Umsetzung dieser Zusagen beschleunigen und insbesondere den angespannten Dieselmarkt versorgen.
Die Maßnahme kann kurzfristig zusätzliche Mengen schaffen und extreme Preisspitzen abfedern. Sie kann jedoch dauerhaft ausfallende Exporte aus dem Persischen Golf nicht ersetzen. Entscheidend bleibt deshalb, ob mehr Schiffe Hormus sicher und regelmäßig passieren können und ob die Raffinerien genügend Diesel und andere Produkte liefern.
An den Märkten hat sich die Knappheit inzwischen teilweise vom Rohöl auf verarbeitete Kraftstoffe verlagert. Die IEA spricht von weiterhin stark eingeschränkten Lieferungen raffinierter Produkte. Neben der Situation im Nahen Osten belasten Ausfälle und Angriffe auf Raffinerien in Russland den internationalen Dieselmarkt. Reuters zufolge sieht auch der Rohstoffmarkt inzwischen die Versorgung mit Raffinerieprodukten als einen zentralen Engpass.
Das erklärt, warum ein steigender Rohöltransport durch Hormus nicht automatisch zu einem schnellen Rückgang der Dieselpreise führt. Raffineriekapazitäten, Lagerbestände, Transportwege und die Verfügbarkeit fertiger Kraftstoffe spielen für den Endpreis ebenfalls eine wichtige Rolle.
In Deutschland bleibt die Belastung deutlich sichtbar. Nach ADAC-Daten kostete Super E10 am 29. September im bundesweiten Durchschnitt 2,258 Euro je Liter, Diesel 2,409 Euro. Der gesamte September war mit durchschnittlich 2,266 Euro für E10 und 2,386 Euro für Diesel der teuerste Tankmonat seit Beginn der jeweiligen ADAC-Auswertung.
Seit dem 1. Oktober wirkt allerdings erneut eine befristete Senkung der Energiesteuer auf Kraftstoffe. Einschließlich Mehrwertsteuer entspricht die Entlastung knapp 17 Cent je Liter, sofern sie vollständig über die Preisbildung an den Tankstellen weitergegeben wird. Dadurch können sinkende Weltmarktpreise und die steuerliche Entlastung gleichzeitig auf die Zapfsäulen wirken. Ein erneuter Ölpreissprung würde diesen Effekt zumindest teilweise wieder aufzehren.
Auch Heizöl reagiert empfindlich auf die internationalen Märkte. Schon im August lagen die Heizölpreise in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamtes deutlich über dem Vorjahresniveau. Damit bleibt der weitere Verlauf der Krise nicht nur für Autofahrer, sondern auch für Haushalte mit Ölheizung und für Unternehmen mit hohem Transportbedarf relevant.
Für Verbraucher spricht die aktuelle Entwicklung deshalb eher für eine mögliche Entspannung als für eine schnelle Rückkehr zu niedrigen Energiepreisen. Mehr Öl durch Hormus und zusätzliche Reserven der Industriestaaten drücken den unmittelbaren Versorgungsstress. Solange die Meerenge aber nicht dauerhaft und ohne besondere Schutzmaßnahmen passierbar ist und der Dieselmarkt knapp bleibt, dürfte ein erheblicher Risikoaufschlag bestehen bleiben.
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