
Der Offshore-Windausbau in Deutschland steckt in einer schwierigen Phase. Während bestehende Windparks weitergebaut und in Betrieb genommen werden, stehen milliardenschwere neue Projekte in der Nordsee infrage. Energiekonzerne prüfen ihre Investitionen, Ausschreibungen wurden verschoben und die Zulieferindustrie sorgt sich um fehlende Aufträge. Die Bundesregierung will mit neuen Regeln gegensteuern. Doch die Probleme könnten den weiteren Ausbau der Windenergie erheblich verzögern.
Besonders deutlich werden die Schwierigkeiten bei Projekten der Konzerne TotalEnergies und JERA Nex BP. Der französische Energiekonzern TotalEnergies möchte die Konzession für den geplanten Windpark NordseeEnergies 2 nordwestlich von Helgoland unter bestimmten Bedingungen zurückgeben. Das Projekt ist auf eine Leistung von 1,5 Gigawatt ausgelegt.
Als Grund nennt das Unternehmen Verzögerungen und Unsicherheiten beim Netzanschluss. Gespräche mit deutschen Behörden über eine Rückgabe führten zunächst zu keiner Einigung. TotalEnergies hält nach eigenen Angaben an seinen übrigen deutschen Offshore-Projekten fest.
Auch die Vorhaben Oceanbeat East und Oceanbeat West von JERA Nex BP stehen unter Druck. Die beiden geplanten Nordsee-Windparks sollen zusammen vier Gigawatt Leistung erreichen. Nach Recherchen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung wurden die Arbeiten daran weitgehend eingestellt. JERA Nex BP erklärte hingegen, eine Entscheidung gegen den Bau sei nicht gefallen. Das Unternehmen prüfe weiterhin verschiedene Möglichkeiten zur Umsetzung.
Damit besteht bei mehreren großen Projekten erhebliche Unsicherheit. Eine endgültige Aufgabe sämtlicher Vorhaben ist jedoch nicht bestätigt.
Die Schwierigkeiten reichen über einzelne Unternehmen hinaus. Im August 2025 blieb eine Ausschreibung der Bundesnetzagentur für zwei Nordseeflächen mit insgesamt 2,5 Gigawatt Leistung vollständig ohne Gebote. Kein Unternehmen wollte sich unter den damaligen Bedingungen die Entwicklungsrechte sichern.
Die ursprünglich für 2026 vorgesehenen Offshore-Ausschreibungen wurden anschließend auf 2027 verschoben. Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie hat seine Planung inzwischen erneut angepasst. Im Gebiet N-10 erhalten die geplanten Windenergieanlagen mehr Raum, damit sie sich weniger gegenseitig Wind entziehen und höhere Stromerträge erzielen können.
Für 2027 sind nun fünf Flächen mit insgesamt vier Gigawatt Leistung zur Ausschreibung vorgesehen. Andere Vorhaben werden zeitlich verschoben.
Ein zentrales Problem sind die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Offshore-Windparks erfordern hohe Investitionen in Fundamente, Turbinen, Stromkabel und Spezialschiffe. Hinzu kommen gestiegene Materialkosten, höhere Finanzierungskosten und Unsicherheiten über künftige Stromerlöse.
Bei früheren Ausschreibungen hatten Unternehmen milliardenschwere Zahlungen für die Nutzungsrechte zugesagt. Diese Verpflichtungen können die Wirtschaftlichkeit zusätzlich belasten. Gleichzeitig können Verzögerungen beim Netzanschluss dazu führen, dass Anlagen später als vorgesehen Strom verkaufen können.
Auch die Abstände zwischen Windparks spielen eine Rolle. Stehen Anlagen zu dicht beieinander, verringern sogenannte Abschattungseffekte die Energieausbeute. Deshalb will die Bundesregierung stärker auf die tatsächlich erzeugbare Strommenge achten.
Deutschland will seine Offshore-Windleistung bis 2030 auf mindestens 30 Gigawatt ausbauen. Für 2035 sind 40 Gigawatt und für 2045 mindestens 70 Gigawatt vorgesehen.
Nach Angaben des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie waren Anfang Oktober rund 11,5 Gigawatt Offshore-Leistung installiert. Damit ist der Abstand zum Ziel für 2030 weiterhin erheblich.
Die Stiftung Offshore-Windenergie hält das Ausbauziel für 2030 unter den geltenden Planungen zeitlich nicht mehr für erreichbar. Das Ziel für 2035 könnte nach ihrer Einschätzung noch erreicht werden, sofern die vorgesehenen Projekte planmäßig umgesetzt werden.
Dabei kommt die Stromerzeugung auf See nicht grundsätzlich zum Stillstand. Der Windpark He Dreiht mit 960 Megawatt Leistung wurde im September offiziell eingeweiht. Auch Borkum Riffgrund 3 mit 913 Megawatt hat seinen kommerziellen Betrieb aufgenommen. Die Schwierigkeiten betreffen vor allem die Vorbereitung und Finanzierung neuer Projekte.
Die Bundesregierung will die Investitionsbedingungen über eine Reform des Windenergie-auf-See-Gesetzes verbessern. Am 8. Oktober wurde der Gesetzentwurf erstmals im Bundestag beraten und anschließend an die Ausschüsse überwiesen.
Vorgesehen sind unter anderem neue Ausschreibungsverfahren, eine längere reguläre Betriebsdauer von 35 statt 25 Jahren und sogenannte Differenzverträge. Diese sollen Stromerlöse besser absichern und damit das finanzielle Risiko für Investoren verringern.
Der Bundesverband Windenergie Offshore begrüßt einzelne Verbesserungen, fordert jedoch weitere Änderungen. Besonders beim Ausschreibungsverfahren und beim Umgang mit bereits vergebenen, wirtschaftlich problematischen Projekten sieht der Verband Handlungsbedarf.
Die Folgen treffen nicht nur Energieunternehmen, sondern auch Hersteller von Windkraftanlagen, Stahlfundamenten und Netztechnik. Nach Einschätzung der Stiftung Offshore-Windenergie fehlen der Branche für die kommenden Jahre Aufträge im Umfang von rund 40 Milliarden Euro.
Unternehmen wie der Fundamenthersteller EEW Special Pipe Constructions in Rostock warnen vor geringerer Auslastung. Besonders die Jahre 2027 und 2028 gelten wegen fehlender neuer Aufträge als schwierig. Gleichzeitig wächst der internationale Wettbewerbsdruck, unter anderem durch Hersteller aus China.
Für Deutschland steht deshalb mehr auf dem Spiel als die Fertigstellung einzelner Windparks. Die Branche benötigt kontinuierliche Projekte, um Produktionskapazitäten und Fachkräfte zu halten. Verzögerungen beim Offshore-Ausbau können zudem Folgen für die langfristige Stromversorgung der Industrie und die geplante Verringerung fossiler Energieimporte haben.
Ob die Gesetzesreform ausreicht, um neue Investitionen auszulösen und gefährdete Vorhaben zu sichern, ist bislang offen.
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