
Die Pflege von Angehörigen könnte den deutschen Arbeitsmarkt in den kommenden Jahren zunehmend belasten. Weil immer mehr Menschen Familienmitglieder zu Hause versorgen, dürfte auch die Zahl der Beschäftigten steigen, die ihre Arbeitszeit reduzieren oder ihre Berufstätigkeit unterbrechen. Eine neue Untersuchung der Bertelsmann Stiftung und der Prognos AG zeigt, wie sich diese Entwicklung bis 2045 auf das Arbeitskräfteangebot auswirken könnte.
Nach der am Dienstag, 20. Oktober 2026, veröffentlichten Studie könnten dem deutschen Arbeitsmarkt im Jahr 2045 durch die häusliche Pflege rechnerisch 229.000 Vollzeitstellen an Arbeitskraft fehlen. Besonders stark wären Frauen betroffen. Die Ergebnisse verdeutlichen einen zusätzlichen Konflikt in einer alternden Gesellschaft: Während der Bedarf an Pflege wächst, wird zugleich die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf immer wichtiger.
Die Untersuchung beziffert die Einschränkungen der Erwerbstätigkeit durch die Pflege von Angehörigen für 2026 auf rechnerisch 184.000 Vollzeitstellen. Bis 2045 könnte dieser Wert auf 229.000 steigen. Das entspricht einer Zunahme um knapp 25 Prozent oder rund 45.000 Vollzeitstellen. Gemeint sind dabei keine tatsächlich gestrichenen Arbeitsplätze, sondern Arbeitsstunden, die dem Arbeitsmarkt infolge reduzierter oder unterbrochener Erwerbstätigkeit nicht zur Verfügung stehen.
Grundlage der Berechnungen sind unter anderem Daten des Sozio-oekonomischen Panels und des Statistischen Bundesamtes. Für die weitere Entwicklung wurde angenommen, dass sich das bisher beobachtete Verhalten pflegender Angehöriger bei der Berufstätigkeit nicht wesentlich verändert. Die Zahlen für 2026 und 2045 sind deshalb Modellrechnungen und keine gemessenen Arbeitsplatzverluste.
Gleichzeitig dürfte die Zahl der Menschen steigen, die Angehörige betreuen. Für das Jahr 2023 ermittelten die Studienautoren rund 4,6 Millionen Pflegepersonen im Erwerbsalter. Das entsprach 8,7 Prozent dieser Bevölkerungsgruppe. Bis 2045 könnte der Anteil auf 13,3 Prozent wachsen. Damit wäre voraussichtlich mehr als jede achte Person im Erwerbsalter mit der Pflege eines Familienmitglieds beschäftigt.
Die Folgen verteilen sich nach den Berechnungen nicht gleichmäßig auf Männer und Frauen. Im Ausgangsjahr 2023 waren 63 Prozent der pflegenden Personen Frauen. Sie investierten durchschnittlich sechs Stunden mehr pro Woche in die Pflege als Männer. Zudem reduzierten Frauen bei der Übernahme von Pflegeverantwortung häufiger und früher ihre berufliche Arbeitszeit.
Sollten diese Unterschiede bestehen bleiben, könnten im Jahr 2045 rund 580.000 Frauen aufgrund ihrer Pflegeaufgaben weniger arbeiten oder vollständig auf eine Erwerbstätigkeit verzichten. Das entspräche einem Erwerbsverlust von etwa 173.000 Vollzeitstellen. Frauen würden damit ungefähr drei Viertel des gesamten prognostizierten Arbeitszeitverlusts ausmachen.
Die Auswirkungen reichen über die unmittelbare Beschäftigung hinaus. Wer die Arbeitszeit verringert oder den Beruf zeitweise aufgibt, muss mit einem geringeren Einkommen rechnen. Auch die berufliche Entwicklung und die spätere Altersversorgung können darunter leiden. Die Bertelsmann Stiftung sieht deshalb die Gefahr, dass sich bestehende Unterschiede zwischen Männern und Frauen im Erwerbsleben weiter verfestigen.
Die Bedeutung der Angehörigenpflege zeigt sich bereits in der amtlichen Pflegestatistik. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes waren Ende 2023 rund 5,7 Millionen Menschen in Deutschland pflegebedürftig. Etwa 4,9 Millionen von ihnen und damit 86 Prozent wurden zu Hause versorgt. Rund 3,1 Millionen Pflegebedürftige erhielten ausschließlich Pflegegeld und wurden überwiegend von Angehörigen betreut. Weitere Menschen wurden zu Hause mit Unterstützung ambulanter Dienste versorgt.
Mit der Alterung der Bevölkerung wird auch die Zahl der Pflegebedürftigen voraussichtlich weiter wachsen. Das Statistische Bundesamt erwartet in einer seiner Vorausberechnungen für 2055 etwa 7,6 Millionen Pflegebedürftige. Dieser Wert beruht auf Annahmen zur demografischen Entwicklung und zur Veränderung der Pflegequoten. Für die Arbeitswelt bedeutet ein wachsender häuslicher Pflegebedarf vor allem, dass Beschäftigte häufiger berufliche und familiäre Verpflichtungen miteinander vereinbaren müssen.
Besonders deutlich wirkt sich eine hohe Pflegebelastung aus. Nach der Bertelsmann-Studie entfällt nahezu der gesamte errechnete Verlust an Erwerbsvolumen auf Menschen, die mehr als zehn Stunden pro Woche mit der Pflege verbringen. Die zeitliche Intensität der Betreuung ist damit ein wesentlicher Faktor für die beruflichen Einschränkungen.
Die Studienautoren empfehlen, die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf stärker in den Mittelpunkt politischer und betrieblicher Entscheidungen zu stellen. Dazu zählen verlässlich planbare Arbeitszeiten, flexible Beschäftigungsmodelle und Homeoffice, soweit die jeweilige Tätigkeit dies ermöglicht. Auch Angebote für den beruflichen Wiedereinstieg nach längeren Pflegephasen könnten dazu beitragen, den Verlust an Arbeitskraft zu begrenzen.
In Deutschland bestehen bereits gesetzliche Möglichkeiten, Beschäftigung und Angehörigenpflege miteinander zu verbinden. Unter bestimmten Voraussetzungen können Arbeitnehmer eine Pflegezeit von bis zu sechs Monaten in Anspruch nehmen. Die Familienpflegezeit ermöglicht eine teilweise Freistellung für bis zu 24 Monate. Die gesetzlichen Ansprüche hängen unter anderem von der Betriebsgröße ab. Bei einer plötzlich eintretenden Pflegesituation können Beschäftigte außerdem bis zu zehn Arbeitstage der Arbeit fernbleiben, um die Versorgung zu organisieren oder sicherzustellen. Unter bestimmten Voraussetzungen besteht dafür ein Anspruch auf Pflegeunterstützungsgeld.
Parallel dazu wird über die Finanzierung und Weiterentwicklung der Pflegeversicherung beraten. Am 30. September 2026 beschloss das Bundeskabinett den Entwurf eines Pflegeneuordnungsgesetzes, dessen Schwerpunkt auf einer stabileren Finanzierung der Pflegeversicherung liegt. Die Bertelsmann Stiftung fordert, bei weiteren Reformen auch die Erwerbsbeteiligung pflegender Angehöriger stärker zu berücksichtigen. Als zusätzliche Ansatzpunkte nennt sie einen leichteren Zugang zu professioneller Unterstützung, etwa durch Tagespflege und Kurzzeitpflege, sowie eine partnerschaftlichere Verteilung der Pflegearbeit. Damit könnten Angehörige entlastet werden, ohne dass sie ihre berufliche Tätigkeit in gleichem Umfang einschränken müssen.
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