
Ein Fund mehrerer alter Chemikalienbehälter hat am Donnerstag einen größeren Einsatz von Polizei, Feuerwehr und Spezialkräften in der Heidelberger Altstadt ausgelöst. Nach Erkenntnissen des Landeskriminalamtes Baden-Württemberg befand sich in den Behältern Pikrinsäure. Die Chemikalie kann insbesondere dann explosionsgefährlich werden, wenn sie austrocknet. Mehrere Gebäude wurden vorsorglich geräumt, außerdem sperrten die Einsatzkräfte Teile der stark frequentierten Fußgängerzone. Der Kampfmittelbeseitigungsdienst wurde hinzugezogen.
Die Pikrinsäure in Heidelberg war nach Angaben der Polizei von einem Anwohner in einem Lagerraum entdeckt worden. Dort standen mehrere ältere Behältnisse mit einer zunächst nicht näher bestimmten Substanz. Spezialisten des Landeskriminalamtes kamen nach einer ersten Prüfung zu dem Ergebnis, dass es sich um Pikrinsäure handelt. Angaben dazu, welche Menge der Chemikalie gefunden wurde und wie lange die Behälter bereits in dem Raum standen, waren zunächst nicht veröffentlicht.
Wegen der möglichen Gefahr richteten die Einsatzkräfte einen Sicherheitsbereich ein. Mehrere Gebäude wurden geräumt und Abschnitte der Heidelberger Fußgängerzone gesperrt. Polizei und Feuerwehr waren über Stunden mit einem größeren Aufgebot vor Ort. Auch Fachleute des Kampfmittelbeseitigungsdienstes wurden in den Einsatz eingebunden. Ziel der Maßnahmen war es, Bewohner und Passanten während der Untersuchung und Bergung der Behälter aus dem möglichen Gefahrenbereich herauszuhalten.
Der Einsatz traf damit einen besonders belebten Teil Heidelbergs. Die historische Altstadt mit ihrer Hauptstraße gehört zu den zentralen Einkaufs-, Gastronomie- und Besucherbereichen der Stadt. Entsprechend wirkten sich die Absperrungen nicht nur auf Anwohner aus, sondern auch auf Fußgänger und den Verkehr im Umfeld.
Nach dem am frühen Abend veröffentlichten Stand sollten die Behältnisse fachgerecht gesichert und anschließend aus dem Gebäude gebracht werden. Eine bereits abgeschlossene kontrollierte Sprengung war bis dahin nicht offiziell bestätigt. Auch zu einem endgültigen Abschluss des Einsatzes lagen zunächst keine gesicherten Angaben vor.
Pikrinsäure trägt die chemische Bezeichnung 2,4,6-Trinitrophenol. Sie ist ein gelblicher Feststoff und wurde in der Vergangenheit unter anderem industriell sowie zur Herstellung von Explosivstoffen verwendet. Entscheidend für die Gefährlichkeit ist der Zustand der Substanz. Feuchtigkeit reduziert ihre Empfindlichkeit erheblich. Trocknet Pikrinsäure dagegen vollständig aus, kann sie empfindlich auf Hitze, Reibung oder mechanische Einwirkungen reagieren.
Die Chemiedatenbank PubChem der US-amerikanischen National Library of Medicine führt trockene Pikrinsäure ausdrücklich als explosiven Stoff. Bei angefeuchtetem Material sinkt das Detonationsrisiko deutlich. Ähnliche Hinweise finden sich auch in deutschen Empfehlungen zum Umgang mit alten Pikrinsäurebeständen. Das Regierungspräsidium Darmstadt unterscheidet bei der Entsorgung ausdrücklich zwischen ausreichend mit Wasser desensibilisierter Pikrinsäure und Material, dessen Zustand eine besondere Behandlung erforderlich macht.
Gerade ältere Chemikalienbestände können deshalb Spezialkräfte beschäftigen. Wenn der Zustand eines Behälters und der Feuchtigkeitsgehalt seines Inhalts nicht zweifelsfrei feststehen, soll das Material nicht bewegt oder geöffnet werden, bevor Fachleute die Situation beurteilt haben. Auch die Universität Heidelberg weist in eigenen Sicherheitsinformationen darauf hin, dass alte Pikrinsäurebehälter unberührt bleiben und von zuständigen Fachstellen geprüft werden sollen.
Dass der Kampfmittelbeseitigungsdienst hinzugezogen wurde, bedeutet nicht, dass es sich bei dem Fund um eine Bombe oder militärische Munition handelte. Die Spezialisten verfügen jedoch über die Ausrüstung und Erfahrung für Stoffe, die aufgrund ihrer Explosionsgefahr nicht wie gewöhnliche Chemikalien bewegt und entsorgt werden können.
Der konkrete Einsatz fällt in den Bereich des Katastrophenschutzes. Die Stadt Heidelberg war deshalb für die Maßnahmen vor Ort zuständig. Das Landeskriminalamt unterstützte mit seiner Expertise bei der Identifizierung und Gefahrenbewertung der Substanz.
Solche Funde kommen auch außerhalb klassischer Industrie- oder Laborstandorte vor. Pikrinsäure wurde über Jahrzehnte in Laboren, Schulen und verschiedenen technischen Bereichen verwendet. Werden alte Bestände erst viele Jahre später entdeckt, kann sich nicht ohne Untersuchung feststellen lassen, ob die ursprünglich zugesetzte Feuchtigkeit noch vorhanden ist. Genau deshalb werden entsprechende Behälter nicht regulär geöffnet oder transportiert.
Offen blieb am Donnerstagabend, woher die in dem Heidelberger Lagerraum gefundenen Behälter ursprünglich stammten. Ebenso gab es zunächst keine gesicherten Angaben über ihr Alter, ihre genaue Zahl oder das Gesamtgewicht der enthaltenen Pikrinsäure. Hinweise auf einen strafrechtlichen Hintergrund waren nicht bekannt.
Auch über Verletzte wurde bis zum frühen Abend nichts gemeldet. Im Mittelpunkt des Einsatzes standen damit die vorsorgliche Absicherung des Fundortes und der sichere Umgang mit der Chemikalie.
Die Sperrungen zeigten zugleich, weshalb selbst vergleichsweise kleine Altbestände gefährlicher Chemikalien umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen auslösen können. Bei Pikrinsäure hängt das Risiko stark vom Zustand des Materials ab. Solange dieser nicht abschließend festgestellt ist, müssen Einsatzkräfte insbesondere Bewegungen, Erschütterungen und andere Einwirkungen auf möglicherweise ausgetrocknete Substanz vermeiden.
Für Heidelberg bedeutete der Fund deshalb einen stundenlangen Einsatz mitten in einem dicht bebauten und stark besuchten Stadtgebiet. Erst nach der fachgerechten Sicherung und Entfernung der Behälter konnten die betroffenen Bereiche schrittweise wieder freigegeben werden. Eine behördlich bestätigte Mitteilung über eine tatsächlich vollzogene kontrollierte Sprengung lag zum Stand des Donnerstagabends zunächst nicht vor.
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