Reiches Atomkurs: Was die internen Unterlagen tatsächlich zeigen

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Die Debatte um Katherina Reiche und Atomkraft hat durch freigegebene Unterlagen aus dem Bundeswirtschaftsministerium neue Nahrung erhalten. Die Papiere betreffen die Reise der Wirtschaftsministerin zur internationalen Energiekonferenz CERAWeek in Houston vom 23. bis 25. März 2026. Sie enthalten Terminvorbereitungen, Hintergrundvermerke und Sprechpunkte, in denen Small Modular Reactors, kurz SMR, mehrfach auftauchen. Sie dokumentieren damit, welche Themen das Ministerium für Gespräche und Auftritte vorbereitete. Einen Beschluss der Bundesregierung zur Rückkehr in die kommerzielle Kernkraft belegen sie nicht.

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Auslöser der jüngsten Debatte sind Beiträge von Business Insider vom 10. September und WELT vom 11. September. Beide stammen vom selben Autor und greifen die freigegebenen Ministeriumsunterlagen auf. WELT schrieb, Reiche wolle Forschung für kleine modulare Reaktoren nach Deutschland holen. Business Insider formulierte, sie wolle die Atomkraft nach Deutschland zurückbringen. Diese Aussagen sind keine amtlich verkündeten Regierungspläne. Zu unterscheiden ist zwischen vorbereiteten Gesprächslinien, öffentlich belegten Aussagen Reiches und der geltenden Rechtslage.

Was die internen Unterlagen tatsächlich belegen

In den vom Ministerium herausgegebenen Dokumenten finden sich mehrere Vorbereitungen mit deutlichem Kernkraftbezug. Für einen energiepolitischen Auftritt war ein breiter Mix aus Windenergie, Solarenergie, Gas, Kernenergie, Speichern und grenzüberschreitenden Netzen als Gesprächslinie vorgesehen. Für ein Treffen mit dem Chemiekonzern Dow standen die mögliche Nutzung von SMR für industrielle Prozesswärme und Investitionen in Deutschland auf der Themenliste. In den vorbereiteten Kernbotschaften war festgehalten, Deutschland sei offen für neue und innovative Energietechnologien und interessiere sich für die Erfahrungen von Dow mit der Entwicklung kleiner modularer Reaktoren.

Eine pauschale Verbindung der vorbereiteten Termine mit ExxonMobil, BP und Dow zu SMR Investitionen lässt sich aus der veröffentlichten Sammlung allerdings nicht ableiten. Bei ExxonMobil nennt die Terminvorbereitung vor allem Flüssigerdgas, die europäische Methanverordnung und weitere Regulierungsthemen. Auch beim Gespräch mit BP stehen LNG und die Methanregulierung im Mittelpunkt. Einen ausdrücklichen SMR Schwerpunkt weist dagegen die Vorbereitung für Dow aus. Dort sollte es um industrielle Prozesswärme, das amerikanische Reaktorprojekt des Unternehmens sowie mögliche Investitionen gehen.

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Die Unterlagen zeigen zugleich, dass das Ministerium offene Fragen zu Kosten, Risiken, Brennstoffversorgung, Entsorgung und staatlicher Förderung von SMR auf dem Zettel hatte. Ein Hintergrundvermerk verwies auf erhebliche Kostenunsicherheiten bei ersten Projekten in den USA und auf das eingestellte NuScale Projekt. Die Papiere enthalten damit keine fertig ausgearbeitete deutsche Bauplanung für neue Reaktoren, sondern auch Fragen nach Wirtschaftlichkeit und technischer Umsetzung.

Auch Reiches Teilnahme an der CERAWeek lässt sich aus den Akten zeitlich nachvollziehen. Ein Vermerk aus Juni 2025 hielt eine Teilnahme der Ministerin noch nicht für zwingend und nannte eine Vertretung auf Staatssekretärsebene als Möglichkeit. Anfang Februar 2026 wurde dann festgehalten, dass Reiche selbst teilnehmen werde und Spielraum für kurzfristige Gespräche mit hochrangigen Teilnehmern wünsche. Das Bundeswirtschaftsministerium nannte für die Reise offiziell Energiesicherheit, stabile Märkte sowie resiliente und diversifizierte Versorgungssysteme als Schwerpunkte.

Reiche kritisiert Atomausstieg, aber ohne Comeback Beschluss

Die Deutsche Umwelthilfe wirft Reiche auf Grundlage der freigegebenen Papiere vor, sie habe in Houston einseitig Interessen der Gas und Atomwirtschaft vertreten. FragDenStaat erklärte, die herausgegebene Sammlung sei unvollständig, insbesondere Gesprächsnotizen und Protokolle fehlten. Aus diesen Bewertungen folgt nicht, dass jede vorbereitete Botschaft tatsächlich geäußert oder in konkrete Vereinbarungen umgesetzt worden sei.

Reiches eigene öffentliche Position ist dagegen amtlich dokumentiert. In der Regierungsbefragung des Bundestages am 18. März erklärte sie, Deutschland müsse sich mit neuen Technologien wie SMR und Fusion beschäftigen, ohne damit bereits eine Entscheidung über einen Wiedereinstieg zu treffen. Sie sagte zugleich, aus der Wirtschaft habe sie noch keine entsprechenden Signale für eine Umsetzung erhalten. Das Abschalten der letzten drei deutschen Reaktoren bezeichnete sie als schweren Fehler. Für die unmittelbar anstehenden Aufgaben verwies sie jedoch auf gesicherte Kraftwerksleistung und den weiteren Ausbau erneuerbarer Energien.

Damit setzt Reiche andere energiepolitische Akzente als Bundesumweltminister Carsten Schneider. Der SPD Politiker erklärte im Bundestag im März, Atomkraft habe aus seiner Sicht keine Zukunft. Eine Rückkehr zur Kernkraft ist auch nicht Bestandteil des zwischen CDU, CSU und SPD vereinbarten Regierungsprogramms.

Deutsches Atomrecht setzt klare Hürden

Die formelle Position der Bundesregierung ist enger als manche Darstellung von Reiches Atomkurs vermuten lässt. In einer schriftlichen Antwort an den Bundestag vom November 2025 erklärte die Bundesregierung, ein Wiedereinstieg in die Nutzung der Atomenergie durch Kernspaltung sei im Koalitionsvertrag nicht vereinbart. In einer weiteren parlamentarischen Antwort vom März 2026 verwies sie darauf, dass nach dem geltenden Atomgesetz keine Genehmigungen für die Errichtung und den Betrieb von Anlagen zur Spaltung von Kernbrennstoffen zur gewerblichen Stromerzeugung erteilt werden.

Deutschland hatte den kommerziellen Leistungsbetrieb der letzten drei Kernkraftwerke Emsland, Isar 2 und Neckarwestheim 2 am 15. April 2023 beendet. Ein Einsatz neuer SMR zur Stromerzeugung wäre deshalb nicht nur eine Forschungsfrage. Er würde eine Änderung des rechtlichen Rahmens und anschließend neue atomrechtliche Genehmigungsverfahren voraussetzen. Die freigegebenen Reiseunterlagen ändern an dieser Rechtslage nichts.

Auch ein kurzfristiges Wiederanfahren früherer deutscher Reaktoren ist nicht das Szenario, das Reiche im Bundestag beschrieben hat. Sie verwies ausdrücklich darauf, dass kein Reaktor zur Verfügung stehe, und richtete den Blick auf künftige Technologien. SMR sind kleinere, modular konzipierte Spaltungsreaktoren, die international entwickelt werden. Eine breite kommerzielle Einführung dieser Technik in Europa steht noch aus.

Europa setzt bei Kernenergie auf unterschiedliche Wege

Europäisch steht Deutschland mit seinem Atomausstieg neben Staaten, die Kernenergie weiter nutzen oder ausbauen. In zwölf EU Ländern waren 2024 Kernkraftwerke in Betrieb. Ihr Anteil an der Stromerzeugung der Europäischen Union lag bei 23,3 Prozent. Frankreich war dabei mit großem Abstand der wichtigste Produzent.

Die Europäische Kommission hat am 10. März 2026 eine eigene Strategie für kleine modulare Reaktoren beschlossen. Sie zielt darauf, erste europäische SMR Projekte in den frühen 2030er Jahren in Betrieb zu bringen. Die Kommission hält bis 2050 eine SMR Kapazität zwischen 17 und 53 Gigawatt für möglich. Nach ihrem finalen Nuklearprogramm lag der bis 2050 veranschlagte Investitionsbedarf für Laufzeitverlängerungen bestehender Reaktoren und neue große Anlagen bei rund 241 Milliarden Euro. Für SMR, fortgeschrittene Reaktoren und Fusion wären zusätzliche Investitionen erforderlich.

Damit trifft Reiches Interesse an SMR auf eine europäische Industriepolitik, die diese Technik aktiv voranbringen will. Daraus folgt für Deutschland jedoch kein automatischer Kurswechsel. Die Mitgliedstaaten entscheiden grundsätzlich über ihren Energiemix, während für einen deutschen Wiedereinstieg neue politische und rechtliche Entscheidungen erforderlich wären. Die internen Papiere belegen somit eine aktive Beschäftigung des Wirtschaftsministeriums mit Kerntechnik und möglichen industriellen Anwendungen. Einen beschlossenen deutschen Neustart der Atomstromproduktion belegen sie nicht.

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