
Wenige Wochen vor der russischen Parlamentswahl wächst die Debatte über eine mögliche neue Mobilmachung in Russland. Anlass sind vor allem Hinweise auf Schwierigkeiten bei der Anwerbung neuer Vertragssoldaten, zusätzliche Instrumente zur Personalgewinnung und Einschätzungen von Sicherheitsexperten. Ein Beschluss des Kremls über eine neue Mobilisierungswelle ist jedoch nicht bekannt. Russische Regierungsvertreter bestreiten, dass eine solche Maßnahme derzeit geplant sei.
Die Wahl zur Staatsduma findet im September statt. Der Hauptwahltag ist der 20. September 2026, in mehreren Regionen wird bereits vom 18. September an abgestimmt. Mehrere Beobachter halten die Zeit nach der Wahl für eine politisch mögliche Phase für weitere Entscheidungen über die Personalstärke der Streitkräfte. Diese Einschätzung ist jedoch eine Prognose und keine bestätigte Planung des Kremls.
Russland hatte am 21. September 2022 eine Teilmobilmachung angeordnet. Nach Angaben der damaligen russischen Führung wurden rund 300.000 Reservisten eingezogen. Ende Oktober 2022 erklärte das Verteidigungsministerium die Einberufungsmaßnahmen für beendet.
Der zugrunde liegende Präsidentenerlass wurde allerdings nicht vollständig aufgehoben. Der Kreml erklärte später, dass der eigentliche Einzug von Reservisten abgeschlossen sei, andere Bestimmungen des Erlasses aber weiter Gültigkeit hätten. Aus diesem rechtlichen Zustand allein folgt keine neue Einberufungswelle.
Auch 2026 bestreiten russische Vertreter öffentlich, dass eine weitere Mobilisierung geplant sei. Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte im Frühjahr, das Thema stehe nicht auf der Tagesordnung. Der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses der Staatsduma, Andrej Kartapolow, wies entsprechende Spekulationen im Juli erneut zurück. Die russische Führung verweist stattdessen auf die Rekrutierung von Vertragssoldaten und Freiwilligen.
Eine Anordnung für einen erneuten massenhaften Einzug von Reservisten war bis zum 23. August 2026 nicht öffentlich bekannt.
Unabhängige Berechnungen deuten allerdings darauf hin, dass es für Russland schwieriger geworden ist, genügend neue Soldaten über freiwillige Verträge zu gewinnen. Grundlage solcher Schätzungen sind unter anderem staatliche Ausgaben für Einmalzahlungen an neue Vertragssoldaten. Vollständige öffentliche Zahlen über sämtliche Neuverpflichtungen stellt das russische Verteidigungsministerium nicht zur Verfügung.
Nach Berechnungen des Russlandforschers Janis Kluge von der Stiftung Wissenschaft und Politik wurden im ersten Quartal 2026 im Durchschnitt etwa 800 Verträge täglich abgeschlossen. Das wäre der niedrigste Wert seit rund drei Jahren. Für das zweite Quartal kam Kluge anhand regionaler Zahlungsdaten auf ungefähr 1000 Abschlüsse pro Tag.
Auch eine gemeinsame Untersuchung der russischen Exilmedien Vazhnyye Istorii und Verstka kam zu dem Ergebnis, dass sich die Rekrutierung abgeschwächt habe. Für das vierte Quartal 2025 errechneten die Journalisten auf Grundlage von Haushaltsdaten einen Rückgang um etwa ein Drittel gegenüber dem gleichen Zeitraum des Vorjahres.
Die Zahlen sind Schätzungen aus Finanzdaten und keine vollständige amtliche Personalstatistik. Sie weisen jedoch darauf hin, dass Russland einen höheren Aufwand betreiben muss, um weiterhin große Zahlen von Freiwilligen und Vertragssoldaten zu gewinnen. Mehrere Regionen haben dafür in den vergangenen Jahren hohe Antrittsprämien angeboten.
Besondere Aufmerksamkeit erhielt im Frühjahr eine Regelung in der Region Rjasan. Gouverneur Pawel Malkow ordnete im März an, dass mittlere und größere Organisationen bei der Gewinnung von Kandidaten für Verträge mit dem Verteidigungsministerium mitwirken sollten.
Die Vorgaben richteten sich nach der Größe der Unternehmen. Betriebe mit 150 bis 300 Beschäftigten sollten zwei Kandidaten gewinnen, Unternehmen mit 300 bis 500 Beschäftigten drei und größere Organisationen fünf. Die Regelung galt nach dem veröffentlichten Dokument bis zum 20. September und damit bis zum Hauptwahltag der Dumawahl.
Aus dieser regionalen Maßnahme lässt sich keine landesweite Mobilisierung ableiten. Sie zeigt aber, wie stark die Verantwortung für die Personalgewinnung inzwischen teilweise auf Regionen und Unternehmen verlagert wird.
Daneben existieren bereits seit Oktober 2023 hohe Geldbußen für Unternehmen, die bei einer erklärten Mobilisierung bestimmte gesetzliche Pflichten nicht erfüllen. Nach Artikel 19.38 des russischen Ordnungswidrigkeitengesetzes können juristische Personen mit 400.000 bis 500.000 Rubel belegt werden, wenn sie beispielsweise die rechtzeitige Benachrichtigung und das Erscheinen mobilisierungspflichtiger Personen nicht unterstützen oder vorgeschriebene Technik nicht bereitstellen.
Diese Sanktionen sind daher keine neu eingeführte Mobilmachung. Sie gehören bereits seit mehreren Jahren zum rechtlichen Instrumentarium des Staates.
Die Diskussion über den Zeitraum nach der Dumawahl geht vor allem auf Berichte unabhängiger russischer Medien zurück. Vazhnyye Istorii und Verstka berichteten Ende Juni unter Berufung auf mehrere anonyme Gesprächspartner aus dem Umfeld der Präsidialverwaltung, aus Militärstrukturen und Sicherheitskreisen, dass unterschiedliche Szenarien für eine zusätzliche Personalgewinnung diskutiert würden.
Nach diesen Darstellungen könnte eine erneute Mobilisierung eines der möglichen Modelle sein. Einzelne Gesprächspartner nannten den Oktober als denkbaren Zeitraum. Andere sprachen von alternativen Lösungen, darunter eine stärkere Nutzung oder Rotation von Reservisten.
Eine unabhängige Bestätigung für einen entsprechenden Beschluss lag zunächst nicht vor. Auch die genaue Zahl möglicher Einberufungen ist nicht gesichert.
Das Institute for the Study of War bewertet mehrere russische Gesetzesänderungen und Rekrutierungsmaßnahmen als mögliche Vorbereitung darauf, im Bedarfsfall zusätzliche Soldaten mobilisieren zu können. Zugleich betont das Institut, dass eine solche Entscheidung letztlich von Präsident Wladimir Putin und der weiteren militärischen sowie innenpolitischen Lage abhänge.
Damit stehen sich derzeit zwei unterschiedliche Ebenen gegenüber. Offiziell hält Moskau an der Aussage fest, dass keine neue Mobilisierungswelle geplant sei. Gleichzeitig erweitert der Staat seine Möglichkeiten zur Rekrutierung und hält bestehende Mobilisierungsinstrumente aufrecht. Ob daraus nach der Dumawahl tatsächlich eine neue groß angelegte Einberufung entsteht, war am 23. August 2026 nicht entschieden oder jedenfalls nicht öffentlich bestätigt.
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