
Dublin, 2. November 2026. Europas größter Billigflieger Ryanair bereitet sich auf erheblich steigende Treibstoffkosten vor und überprüft deshalb seine Ausgaben. Nach Angaben des Unternehmens könnte die Kerosinrechnung im Geschäftsjahr 2027/28 um rund zwei Milliarden Euro höher ausfallen. Der Konzern erwägt deshalb neue Verhandlungen mit Flughäfen, Veränderungen beim Personaleinsatz und vorübergehende Lohnstopps. Gleichzeitig rechnet Ryanair mit steigenden Flugpreisen in Europa. Die am Montag veröffentlichten Halbjahreszahlen zeigen bereits, wie stark höhere Kosten die Gewinne belasten.
Auslöser des geplanten Sparprogramms sind die deutlich gestiegenen Preise für Flugzeugtreibstoff. Konzernchef Michael O’Leary geht davon aus, dass Kerosin auch im kommenden Jahr teuer bleiben könnte. Als wesentlichen Unsicherheitsfaktor nennt das Management den anhaltenden Konflikt im Nahen Osten.
Für das Geschäftsjahr 2027/28, das im April 2027 beginnt, rechnet Ryanair auf Grundlage der aktuellen Terminmarktpreise mit zusätzlichen Treibstoffausgaben von ungefähr zwei Milliarden Euro. Dabei handelt es sich um eine Prognose, nicht um bereits entstandene Kosten.
Bis März 2027 ist Ryanair noch vergleichsweise gut gegen Preisschwankungen abgesichert. Rund 80 Prozent des Treibstoffbedarfs wurden zu einem Preis von etwa 67 Dollar je Barrel abgesichert. Für das folgende Geschäftsjahr liegt die Absicherungsquote bislang allerdings nur bei 25 Prozent zu durchschnittlich rund 95 Dollar je Barrel.
Damit wird ein deutlich größerer Teil des künftigen Treibstoffbedarfs von den tatsächlichen Marktpreisen abhängig sein. Die derzeitige Absicherung schützt Ryanair deshalb vor allem kurzfristig, während die finanziellen Risiken für das nächste Geschäftsjahr zunehmen.
Um die erwarteten Mehrkosten zu begrenzen, will Ryanair nach Angaben von O’Leary sämtliche wesentlichen Ausgabenbereiche überprüfen. Ein Schwerpunkt sind die Vereinbarungen mit Flughäfen. Durch neue Verhandlungen über Standortkosten und die Verlagerung von Flugkapazitäten könnte die Gesellschaft versuchen, günstigere Bedingungen zu erreichen.
Auch bestehende Tarifvereinbarungen spielen bei den Überlegungen eine Rolle. Bei auslaufenden Verträgen könnten nach Darstellung des Managements vorübergehende Lohnstopps erforderlich werden. Eine allgemeine Gehaltssperre wurde damit jedoch nicht beschlossen.
Darüber hinaus prüft der Konzern Möglichkeiten, den Personaleinsatz effizienter zu organisieren und Verwaltungsabläufe stärker mithilfe künstlicher Intelligenz abzuwickeln. Konkrete Einsparziele für die einzelnen Maßnahmen wurden zunächst nicht genannt.
Der angekündigte Sparkurs ist damit vorerst ein Prüfprogramm. Welche Maßnahmen tatsächlich umgesetzt werden und welche Auswirkungen sie auf Beschäftigte und Flughafenpartner haben, ist noch offen.
Die wirtschaftlichen Belastungen sind bereits in der aktuellen Bilanz sichtbar. Im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres 2026/27, das Ende September abgeschlossen wurde, erwirtschaftete Ryanair einen Gewinn nach Steuern von rund 2,15 Milliarden Euro. Im entsprechenden Vorjahreszeitraum waren es noch 2,54 Milliarden Euro. Das entspricht einem Rückgang von 15 Prozent.
Dabei entwickelte sich die Nachfrage weiterhin positiv. Die Zahl der beförderten Passagiere stieg um sechs Prozent auf 125,8 Millionen. Der Umsatz erhöhte sich um drei Prozent auf 10,08 Milliarden Euro.
Gleichzeitig kletterten die operativen Kosten um zehn Prozent auf 7,69 Milliarden Euro. Besonders deutlich stiegen die Ausgaben für Treibstoff. Sie erreichten rund 3,40 Milliarden Euro, verglichen mit 2,97 Milliarden Euro im Vorjahreszeitraum.
Ein zusätzlicher Belastungsfaktor waren niedrigere Ticketpreise. Der durchschnittliche Flugpreis sank im Halbjahr um vier Prozent auf 55,70 Euro. Nach Darstellung des Managements spielten dabei unter anderem die Lage im Nahen Osten, kurzfristigere Buchungen und die unterschiedliche zeitliche Lage des Osterreisegeschäfts eine Rolle.
Allein im zweiten Geschäftsquartal von Juli bis September ging der Nettogewinn um sechs Prozent auf rund 1,61 Milliarden Euro zurück.
Neben den steigenden Betriebskosten beeinflussen auch die Standortkosten die Streckenplanung. Ryanair hatte bereits im September angekündigt, seine Passagierprognose für das laufende Geschäftsjahr von 216 Millionen auf 214 Millionen Fluggäste zu senken. Damit soll insbesondere das wirtschaftliche Risiko im traditionell schwächeren Wintergeschäft begrenzt werden.
Für die Monate November 2026 bis März 2027 erwartet die Airline deshalb insgesamt etwa gleichbleibende Passagierzahlen gegenüber dem Vorjahreszeitraum.
Auch an einzelnen europäischen Flughäfen hat Ryanair bereits konkrete Kürzungen angekündigt. In Deutschland sollen im Winterflugplan rund 700.000 Sitzplätze weniger angeboten werden als im Vorjahr. Besonders betroffen ist Berlin, wo Ryanair seine Basis mit sieben stationierten Flugzeugen zum 24. Oktober schließen wollte. Zwölf Verbindungen sollten entfallen.
Als Gründe für diese Deutschlandkürzungen nennt die Fluggesellschaft insbesondere Flughafenentgelte, staatliche Abgaben und die Luftverkehrsteuer. Sie sind damit nicht ausschließlich eine Folge der aktuellen Kerosinpreise.
Gleichzeitig plant Ryanair weiteres Wachstum in Ländern mit aus Unternehmenssicht günstigeren Standortbedingungen. Dazu gehören unter anderem Italien, Albanien, Marokko, die Slowakei und Schweden. Für den Sommer 2027 bietet der Konzern bereits 126 zusätzliche Strecken und eine neue Basis im italienischen Rimini an.
Auch Flugreisende könnten die höheren Betriebskosten im kommenden Jahr zu spüren bekommen. Ryanair erwartet für den europäischen Kurzstreckenverkehr steigende Ticketpreise, insbesondere wenn die Treibstoffpreise hoch bleiben und andere Fluggesellschaften ihr Angebot reduzieren.
O’Leary hatte bereits am 20. Oktober bei einer Pressekonferenz in Brüssel erklärt, dass die Flugpreise in Europa 2027 um zehn bis 20 Prozent steigen könnten. Dabei handelt es sich allerdings um eine Einschätzung des Konzernchefs und nicht um eine verbindliche Preisprognose.
In der aktuellen Halbjahresmitteilung betont das Management zudem, dass höhere Ticketpreise die erwarteten zusätzlichen Treibstoffkosten voraussichtlich nicht vollständig ausgleichen könnten.
Wie stark einzelne Flugverbindungen tatsächlich teurer werden, hängt weiterhin von Nachfrage, Buchungszeitpunkt, verfügbaren Sitzplätzen und Wettbewerb ab. Eine allgemeine Preiserhöhung in einer bestimmten Höhe hat Ryanair nicht angekündigt.
Trotz des Gewinnrückgangs hält Ryanair an seinen langfristigen Wachstumsplänen fest. Mit neuen Flugzeugen will das Unternehmen seine Kosten pro Passagier senken und zusätzliche Kapazitäten schaffen.
Für das Frühjahr 2027 erwartet Ryanair die ersten 16 Boeing 737 MAX 10. Nach Unternehmensangaben bieten diese Maschinen rund 20 Prozent mehr Sitzplätze und verbrauchen etwa 20 Prozent weniger Treibstoff als die Flugzeugtypen, die sie langfristig ersetzen sollen.
Gleichzeitig plant der Konzern eine Zwischendividende von 0,273 Euro je Aktie und ein weiteres Aktienrückkaufprogramm im Umfang von 800 Millionen Euro, das im Februar 2027 beginnen soll.
Eine konkrete Gewinnprognose für das bis März 2027 laufende Geschäftsjahr legte das Management am Montag nicht vor. Als Gründe nennt Ryanair die unsichere Entwicklung der Treibstoffpreise, geopolitische Risiken und die weiterhin kurzfristigen Buchungsentscheidungen vieler Passagiere.
Das angekündigte Sparprogramm von Ryanair soll die Kostenstruktur auf das veränderte Marktumfeld vorbereiten. Welche Einsparungen sich tatsächlich erzielen lassen, hängt unter anderem von den Verhandlungen mit Flughäfen und Beschäftigten ab.
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