
Neue Satellitenaufnahmen zeigen deutlicher als bisher, welche Schäden der Drohnenangriff auf saudische Ost-West-Pipeline hinterlassen hat. An mehreren Pumpstationen sind Brandspuren und beschädigte Anlagen zu erkennen. Besonders bemerkenswert ist, dass Teile der Infrastruktur offenbar bereits mit Netzen gegen Drohnen geschützt waren. Trotzdem wurden mindestens drei Stationen beschädigt. Die für den weltweiten Ölhandel wichtige Leitung bleibt damit ein erheblicher Unsicherheitsfaktor, auch wenn Saudi-Arabien an Reparaturen und alternativen Transportwegen arbeitet.
Die rund 1.200 Kilometer lange Ost-West-Pipeline verbindet die saudischen Fördergebiete im Osten des Landes mit Yanbu am Roten Meer. Damit ermöglicht sie den Transport großer Ölmengen, ohne dass Tanker die Straße von Hormus passieren müssen. Gerade wegen der erheblichen Einschränkungen auf dieser Route hat die Leitung in den vergangenen Monaten zusätzlich an Bedeutung gewonnen.
Nach Angaben mehrerer Branchenquellen gegenüber Reuters wurden bei dem Angriff drei Pumpstationen beschädigt. Zunächst war von zwei betroffenen Anlagen ausgegangen worden. Satellitenaufnahmen lieferten später Hinweise auf Schäden an einer weiteren Station. Die Leitung transportierte vor ihrer Stilllegung zuletzt etwa vier bis fünf Millionen Barrel Rohöl pro Tag. Das entspricht ungefähr vier bis fünf Prozent der weltweiten Ölversorgung.
Saudi-Arabien erklärte nach dem Angriff, dass Drohnen aus dem Irak gekommen seien. Irakische Behörden leiteten Untersuchungen ein. Wer die Drohnen gestartet oder den Angriff angeordnet hat, war zunächst nicht abschließend geklärt. Eine unabhängige Bestätigung für die Verantwortung einer bestimmten bewaffneten Gruppe lag zunächst nicht vor.
Neue hochauflösende Satellitenbilder der Pumpstation 9 in der Provinz Medina zeigen neben verrußten und beschädigten Bereichen auch Schutznetze über Teilen der technischen Anlagen. Die Aufnahmen wurden von der Wirtschaftswoche gemeinsam mit dem Satellitenanalyseunternehmen LiveEO ausgewertet. Das Bildmaterial stammt unter anderem vom US-Satellitenanbieter Vantor.
Solche Netzkonstruktionen sollen anfliegende Drohnen abfangen oder zumindest verhindern, dass sie direkt auf empfindliche technische Komponenten treffen. Ihre Wirkung hängt jedoch von Aufbau, Abstand zum geschützten Objekt, Verankerung und Eigenschaften der eingesetzten Drohne ab. Dass auf den Aufnahmen Netze sichtbar sind, bedeutet daher nicht, dass die gesamte Pumpstation gegen einen Angriff geschützt war.
Aufnahmen der vergangenen Tage hatten bereits großflächige Brandspuren an einzelnen Pumpstationen gezeigt. Satellitendaten des europäischen Copernicus-Programms sowie Wärmesignaturen des NASA-Systems FIRMS hatten nach dem Angriff ebenfalls ungewöhnliche Feueraktivität im Bereich der Pipeline erkennen lassen.
Weitere Satellitenbilder deuten darauf hin, dass Saudi Aramco versucht, beschädigte Pumpstationen teilweise zu umgehen. Neben einzelnen Anlagen sind neu verlegte Rohrstücke, Baumaschinen und umfangreiche Arbeiten zu erkennen. An mindestens einer Pumpstation war ein möglicher Bypass bereits vor dem Angriff teilweise vorbereitet.
Wann die Pipeline wieder ihre volle Kapazität erreicht, ist weiterhin nicht abschließend geklärt. Reuters berichtete unter Berufung auf Branchenquellen von Schätzungen von bis zu fünf oder sechs Wochen für umfangreichere Reparaturen. Gleichzeitig gibt es Hinweise darauf, dass Teilmengen deutlich früher wieder durch die Leitung fließen könnten. Saudi Aramco hat dazu bislang keinen detaillierten öffentlichen Zeitplan vorgelegt.
Parallel versucht Saudi-Arabien, Öl über andere Wege auf den Weltmarkt zu bringen. Zusätzliche Mengen werden nach Angaben von Reuters über Schiff-zu-Schiff-Transfers vor dem omanischen Hafen Sohar angeboten. Damit soll zumindest ein Teil der ausgefallenen Transporte über Yanbu ersetzt werden.
Die Störung hat inzwischen Auswirkungen auf konkrete Lieferungen. Reuters berichtete am 18. September unter Berufung auf einen Bericht von Bloomberg, Saudi Aramco habe mindestens zwei europäischen Raffineriekunden mitgeteilt, dass ihre Rohöllieferungen für Oktober ausfallen sollen. Der polnische Konzern Orlen habe sich demnach bereits um Ersatzmengen aus der Nordsee bemüht.
Die Ausfälle bedeuten nicht, dass Europa unmittelbar ohne Ölversorgung dasteht. Raffinerien können verschiedene Rohölsorten einkaufen und ihre Lieferketten anpassen. Allerdings können alternative Lieferungen teurer sein oder längere Transportwege erfordern. Besonders relevant ist die Entwicklung deshalb für einen Markt, der bereits durch eingeschränkte Transporte im Nahen Osten belastet ist.
Die Ölpreise hatten nach dem Ausfall der Pipeline zunächst deutlich angezogen. Brent-Rohöl stieg zeitweise auf mehr als 109 US-Dollar je Barrel. Zum Ende der Handelswoche nahm ein Teil der Sorgen wieder ab, weil zusätzliche saudische Lieferungen über Oman und eine mögliche teilweise Wiederinbetriebnahme der Pipeline erwartet wurden.
Am Freitag, 18. September, schloss Brent nach Reuters-Angaben bei 104,87 US-Dollar je Barrel und damit 0,93 Prozent niedriger als am Vortag. Die US-Sorte West Texas Intermediate beendete den Handel bei 100,30 US-Dollar und verlor 1,58 Prozent. Die Kursbewegungen zeigen, wie stark der Markt derzeit auf Hinweise zur Verfügbarkeit saudischer Exportwege reagiert.
Für die weltweite Energieversorgung ist dabei nicht allein entscheidend, wie viel Öl Saudi-Arabien fördert. Die Pipeline betrifft vor allem die Frage, wie dieses Öl zu den internationalen Abnehmern gelangt. Die Ost-West-Verbindung war gerade deshalb wichtig, weil sie eine Alternative zur Straße von Hormus darstellt. Fällt auch dieser Transportkorridor länger aus, werden Lagerbestände, alternative Häfen und zusätzliche Tankerrouten wichtiger.
Saudi-Arabien verfügt weiterhin über große Förderkapazitäten. Die aktuelle Störung zeigt jedoch, dass die physische Infrastruktur zwischen Ölfeld, Pipeline, Pumpstation und Exportterminal einen eigenen Engpass bilden kann. Die Ost-West-Pipeline war ursprünglich gerade deshalb strategisch bedeutsam, weil sie Lieferungen unabhängig vom Persischen Golf ermöglichen sollte.
Die sichtbaren Anti-Drohnen-Netze unterstreichen zugleich, dass Saudi-Arabien seine Energieanlagen bereits gegen Angriffe absichert. Die Schäden an mehreren Stationen zeigen aber auch die Grenzen solcher Maßnahmen. Entscheidend für den Ölmarkt wird nun sein, in welchem Umfang Aramco einzelne beschädigte Anlagen umgehen kann und wie schnell wieder größere Mengen in Richtung Yanbu fließen können.






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